Stadtteil-Check in Blumenthal "Das multikulturelle Miteinander ist für uns ein Plus"

Der Zustand der Mühlenstraße ist für viele Blumenthaler ein großes Ärgernis. Welche Probleme sie im Viertel noch sehen, und was sie an ihrem Viertel lieben, verraten sie im Stadttteil-Check.
05.09.2022, 18:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Sophia Allenstein Björn Josten

Häuser mit Weserblick, Parks und der U-Boot-Bunker Valentin: Das alles gehört zum nördlichsten Viertel Bremens dazu. Aber wie lebt es sich in Blumenthal?

Früher prägten Werft und Wollkämmerei das Leben im Viertel, doch diese Zeiten sind längst vorüber. Vulkan und Wollkämmerei schlossen, das Quartier veränderte sich. Hört man sich bei Bürgern und Bürgerinnen um, wünschen sich viele die belebte Mühlenstraße aus vergangenen Jahrzehnten zurück. "Früher gab es in der Mühlenstraße viele Geschäfte, etwa Nordenholz Schuhe oder Salamander," erinnert sich ein Blumenthaler zurück. "Heute gilt: Fahren Sie durch, aber halten Sie nicht an." Er vermisst Cafés, Restaurants und eine Atmosphäre der Gemütlichkeit in Blumenthal. "Wo früher noch tolle Geschäfte waren, reiht sich heute Imbiss an Imbiss," sagt eine ältere Dame. Und eine weitere ergänzt: "Das gastronomische Angebot ist eine Katastrophe. Es gibt zwar Pommes oder ein halbes Hähnchen - aber das kann man ja nicht jeden Tag essen".

Einen positiveren Blick auf Blumenthal hat ein Ehepaar, das erst vor zehn Jahren an die geografische Spitze Bremens gezogen ist, aber anonym bleiben möchte. "Viele schimpfen auf die Mühlenstraße, wir kennen die alten Zeiten aber nicht. Und fühlen uns wohl hier. Das, was viele hier als negativ beschreiben, das multikulturelle Miteinander, ist für uns ein Plus." Leerstehende Geschäfte und kämpfende Einzelhändler gebe es auch in anderen Vierteln, gibt das Paar zu bedenken. Und überhaupt: "Viele monieren darüber, dass so viel leer steht - kaufen aber selbst nicht in besagten Geschäften. Wie sollen die Händler dann überleben?"

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Was Blumenthal so lebenswert macht, kann das Paar kompakt beschreiben. "Man ist schnell draußen, schnell im Freien." Vor der Tür die Weser – und das grüne Umland nur eine Radtour entfernt. Blumenthal verbindet somit die Vorzüge von Stadt und Dorf. "Wir wären nie aufs Dorf gezogen, dort ist es uns zu eng. In unserem vorherigen Viertel, dem Stephaniviertel, war der Ton rau. Hier haben wir sofort Kontakte gefunden".

Walter Koczulla wohnt seit 1930 in Blumenthal und hat die guten Jahre des Stadtteils in bester Erinnerung. Die, als der Vulkan und die Wollkämmerei noch brummten. Heute kommt er nicht mehr viel raus aus seiner Wohnung. Umso mehr ärgern ihn ungepflegte Grünanlagen und der Abfall darin, auf die er aus dem Fenster schauen kann. "Manchmal laufen sogar Ratten herum", bemängelt er. Da müsste Stadtgrün mehr machen, fordert Walter Koczulla. Die Sauberkeit im Viertel reicht für viele Blumenthaler noch nicht aus. "Ich wohne neben einer Schule, da kann ich am Müll im Vorgarten ablesen, wann die Schule wieder anfängt," erklärt eine 84-jährige Frau. Und nennt gleich noch ein anderes Beispiel für mangelnde Ordnung: "Oft steht ein Kippenbehälter in der Nähe und die Kippenstängel landen trotzdem auf dem Boden".

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Ein weiteres Problem, dass das Viertel bewegt, ist der zunehmende Ärztemangel. "Viele Praxen machen zu," erklärt Hans-Joachim Baumgarten, der in Farge wohnt. "Ich war längere Zeit bei einem Zahnarzt in Behandlung – der ist gestorben. Ein anderer schließt seine Praxis bald, weil er keinen Nachfolger findet." Eine weitere Blumenthalerin berichtet: "Drei Praxen in meiner Nachbarschaft haben dicht gemacht. Ich habe meinen Arzt noch, aber für Menschen, die von weiter weg kommen, wird es schwierig".

Manch einer sieht in Blumenthal noch Luft nach oben bei Bus und Bahn. Vor allem seit die BSAG vor einigen Jahren die Fahrten reduziert habe. Auch die Koordination zwischen den Fahrplänen der Nordwestbahn und den Abfahrtzeiten der Busse könnte besser sein. "Manchmal verpasst man seine Anschlüsse", wird kritisiert. "Zug- und Busfahrzeiten sind nicht aufeinander abgestimmt."

Ich wohne am schönsten Punkt von ganz Deutschland.
Horst Sarstedt, Blumenthaler

Für Horst Sarstedt ist eines klar: "Ich wohne am schönsten Punkt von ganz Deutschland." Seit 45 Jahren wohnt er nun schon am Rönnebecker Ufer und genießt den Blick auf den Warflether Grund und bis nach Oldenburg. Und natürlich auf die Weser mit ihrem Schiffverkehr. "Einmal habe ich Silvester am beleuchteten Fenster gestanden und das Gläschen zum Gruß gehoben", erzählt Sarstedt eine Anekdote. "Willkommen in Bremen habe ich leise der Besatzung auf dem großen Frachter in Gedanken zugerufen. Und als ob sie es hätten hören können, haben sie drei Mal lang gegeben." Die gesamte Gegend sei wunderschön, findet Sarstedt. Nur die Bürgermeister-Dehnkamp-Straße müsste nach seinem Geschmack mehr gepflegt werden.

Ursula und Heinz Palme fühlen sich ebenfalls sehr wohl in Blumenthal. Trotzdem bereitet den Senioren einiges Kopfzerbrechen. "Wir haben eine Müllverbrennung. Doch die Wärme wird einfach in die Luft geblasen", sagt Ursula Palme und wünscht sich, dass die Abwärme sinnvoll eingesetzt würde. Etwa um das alte Rathaus zu heizen oder die nahe gelegenen Läden. Ohnehin sieht das Ehepaar Nachholbedarf in punkto Nachhaltigkeit. Beispielsweise wünschten sie sich, dass an der Wigmodischule künftig Regenwasser als Klospülung eingesetzt würde. Das sei aber gar nicht vorgesehen, ärgern sie sich. "Und das in Zeiten des Klimawandels."

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Wie denkt Bremen? Das wollen wir beim Stadtteil-Check herausfinden. Was gefällt ihnen an ihren Quartieren, wo gibt es Luft nach oben? Bis Sonntag, 18. September, kann Bremen abstimmen: online unter der Adresse www.stadtteil-check.de oder persönlich bei der WESER-KURIER-Tour durch die Stadtteile: Am Freitag zwischen 10 und 13 Uhr steht der Wochenmarkt an der Hindenburgstraße in Burglesum auf dem Programm.

Die 28 Fragen zu 14 Bereichen des täglichen Lebens lassen sich in etwa fünf Minuten beantworten. Antworten können auf einer Skala von 1 (sehr schlecht) bis 10 (sehr gut) gegeben werden. Gecheckt werden Gastronomie, Immobilienmarkt, Vereinsleben, die Attraktivität für Kinder, Jugendliche und Senioren, Gesundheitsversorgung, Sauberkeit, Sicherheit, Einzelhandelsangebot, die Verkehrssituation, der Bereich Klimaschutz und Digitalisierung, der Öffentliche Personennahverkehr und die Kultur. Zudem ist Raum für Anregungen oder Kritik zum Thema „Lebensqualität in Bremen“.

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