Stadtteil-Check in Vegesack Top und Flop liegen dicht beieinander

Was mögen die Vegesacker an ihrem Lebensort? Was gefällt ihnen nicht? Und haben sie vielleicht sogar Verbesserungsvorschläge? Antworten auf diese Fragen konnten die Besucher des Wochenmarktes nun loswerden.
01.09.2022, 17:19
Lesedauer: 4 Min
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Top und Flop liegen dicht beieinander
Von Björn Josten

Viel Grün und das Wasser – zwei Dinge, mit denen Vegesack punkten kann. Fragt man die Menschen, die hier leben, was sie an ihrem Stadtteil schätzen, kommt die Antwort prompt: "den Stadtgarten und die Nähe zur Weser".

Manche lieben auch ihren Wochenmarkt, den regelmäßigen Besuch an Obst-, Käse- und Blumenständen. An diesem Vormittag müssen die Kunden einen anderen Weg nehmen, um ihre Körbe und Taschen zu füllen. Wegen des Vegesacker Marktes ist der Wochenmarkt zum Hafenwald umgezogen. Allerdings nicht mit dem gewohnten Angebot, beklagt ein Vegesacker. "Es sind eindeutig weniger Marktstände hier."

Meinung ist gefragt

Da bleibt dann vielleicht etwas Zeit fürs Gespräch. Neben den Händlern hat an diesem Tag auch der WESER-KURIER einen Stand aufgebaut, um für seinen Stadtteil-Check Stimmen einzufangen. "Was mögen Sie an ihrem Stadtteil? Was gefällt Ihnen nicht?", sind die Fragen, mit denen sich Redakteurin Antje Borstelmann und das Team der NORDDEUTSCHEN an die Marktbesucher wendet. Die können am Stand an einer Umfrage teilnehmen, die verschiedene Themen des täglichen Lebens beleuchtet: Wie familienfreundlich ist Vegesack? Wie gut ist die Versorgung mit Arzt- und Therapiepraxen? Wie stark ist die Lärmbelastung? Andere Fragen beleuchten das kulturelle Angebot und die Qualität der Freizeitmöglichkeiten, die die Befragten mit Punkten von eins bis zehn bewerten können. Die Auswertung soll es im Oktober geben.

"Vegesack ist ein schöner Stadtteil", sagt Klaus Wegner. "So schön am Wasser gelegen", streicht der 82-Jährige heraus. Ihm falle aber auch auf, "dass der Stadtteil rettungslos überaltert ist", was ihn nicht wundere. "Für junge Menschen gibt es hier zu wenig berufliche Möglichkeiten." Allein wegen der Arbeitsplätze würden junge Leute aus Vegesack wegziehen und sich in größeren Städten niederlassen, meint Klaus Wegner. Bei seinen Kindern sei es auch so gewesen.

In der Umfrage geht es ebenso um die Einkaufsmöglichkeiten. Die seien in Vegesack beschränkt, bemerkt ein Wochenmarktbesucher, der insbesondere ein technisches Kaufhaus vermisst. "Ich fahre nicht so gern in die Innenstadt", fügt er hinzu. Auch Klaus Wegner wertet es als "Nachteil, dass es in Vegesack immer weniger Geschäfte gibt". Das sei aber auch logisch, "weil es hier wenig Kaufkraft gibt". Mit einem Wunsch zur Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr verabschiedet sich der Senior aus Schönebeck vom Stadtteil-Check: "Was hier fehlt, sind kleine Quartiersbusse."

Schönes und Ärgerliches

Wasser und viel Grün – auch bei einem anderen Markt-Kunden klingt an, wie sehr das an Vegesack geschätzt wird. "Es gibt kein schöneres Gebiet zum Radfahren", erzählt der 76-Jährige, der neben seinem E-Bike steht, mit dem er "bis zu 120 Kilometer am Tag" zurücklegt. Ohne ein großes "Aber" kommt sein Urteil zum Stadtteil jedoch nicht aus. "Bauen, abreißen, bauen, abreißen" deutet der Mann, der nicht namentlich genannt werden möchte, auf die Baustelle an der Hafenkante. Mit der Markthalle auf dem Sedanplatz sei es auch so. Als spiele Geld keine Rolle. "Wenn ich das mit meinem eigenen Bau machen würde, wäre ich pleite."

Auch Ursula Kaars nutzt die Gelegenheit, den Einkauf auf dem Wochenmarkt mit einer Bewertung ihres Stadtteils zu verbinden. Besonders viele Punkte erntet Vegesack bei ihr nicht. Beim Thema Sauberkeit etwa sei noch viel Luft nach oben, findet sie. Leerstände, Müll und Bettelei würden ihr in den Sinn kommen, wenn sie an die Fußgängerzone denkt. "Ich schäme mich, mit Gästen da durchzugehen." Vor 30, 40 Jahren sei Vegesack noch "ein toller Stadtteil" gewesen, blickt Ursula Kaars zurück. Heute meide sie die Gerhard-Rohlfs-Straße lieber, um nicht "von Betrunkenen angepöbelt zu werden". Sicher fühle sie sich dort nicht.

Es falle ihr außerdem auf, dass im Straßenverkehr die Rücksichtslosigkeit zugenommen habe. Wegen des Kopfsteinpflasters in ihrer Straße würden Radler – auch schnelle E-Biker – auf den Fußweg ausweichen. Dazu noch die E-Scooter. "Ich wäre zweimal fast überfahren worden", klagt die Vegesackerin. "Das ist eine Angelegenheit der Verkehrspolitik", findet Ursula Kaars. "Da muss man mal Geld in die Hand nehmen und sagen: Wir machen was dagegen." Besonders kritisch blickt die Marktbesucherin auf den Klimaschutz. Der werde in Vegesack "mit Füßen getreten", meint sie und beklagt, dass im Zuge der Bauarbeiten am Hartmannstift Bäume gefällt wurden. "Es gab dort viele Vögel, aber die sind heimatlos geworden."

Probleme anpacken

"In den 1980er Jahren ist Vegesack sehr schön geworden", erinnert sich Ralf Kraska. Heute, fügt der gebürtige Vegesacker an, verdrecke der Stadtteil immer mehr. Leider gelte das auch für den Stadtgarten. "Ich habe das schon mehrfach im Ortsamt angemerkt", sagt Kraska. Von dort erwartet er mehr Initiative. "Immer nur die Probleme weitergeben, reicht nicht. Die müssen mal angefasst werden", fordert Kraska. Hoffnungen setzt er auf die Planungen für den Sedanplatz. Das sehe gut aus und könne helfen, die Umgebung wieder aufzuwerten.

Zur Sache

Ihre Meinung ist gefragt

Wie denkt Bremen? Das wollen wir beim Stadtteil-Check herausfinden. Was gefällt ihnen an ihren Quartieren, wo gibt es Luft nach oben? Bis Sonntag, 18. September, kann Bremen abstimmen: online unter der Adresse www.stadtteil-check.de oder persönlich bei der WESER-KURIER-Tour durch die Stadtteile: beispielsweise heute zwischen 10 und 13 Uhr beim Edeka Center an der Heidlerchenstraße.

Die 28 Fragen zu 14 Bereichen des täglichen Lebens lassen sich in etwa fünf Minuten beantworten. Antworten können auf einer Skala von 1 (sehr schlecht) bis 10 (sehr gut) gegeben werden. Gecheckt werden Gastronomie, Immobilienmarkt, Vereinsleben, die Attraktivität für Kinder, Jugendliche und Senioren, Gesundheitsversorgung, Sauberkeit, Sicherheit, Einzelhandelsangebot, die Verkehrssituation, der Bereich Klimaschutz und Digitalisierung, der Öffentliche Personennahverkehr und die Kultur. Zudem ist Raum für Anregungen oder Kritik zum Thema „Lebensqualität in Bremen“.

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