Spiel meines Lebens

Ein (Handball-)Traum geht in Erfüllung

Der 38-jährige Matthias Ruckh ist ein ambitionierter Handballer durch und durch, der auf eine erfolgreiche Laufbahn blicken kann – und auf das Spiel seines Lebens.
12.02.2021, 14:26
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Ein (Handball-)Traum geht in Erfüllung
Von Jens Hoffmann

Die Aufgabe ist schwierig. Zugegeben. Und Matthias Ruckh hat erst mal eine Nacht drüber geschlafen, bevor er sich auf das Spiel seines Lebens festlegen konnte. Immerhin war die Auswahl immens groß. Doch dann war die Entscheidung gefallen – eine Entscheidung, die so manchen vielleicht überraschen mag. Schließlich ist der mittlerweile 38-jährige Ruckh ein ambitionierter Handballer durch und durch, der auf eine erfolgreiche Laufbahn blicken kann.

Als Spieler sammelte er jede Menge Zweit-und Drittligaerfahrung. Und als Trainer ist er aktuell drauf und dran, den ATSV Habenhausen in der 3. Liga zu etablieren. Der Saisonstart des Aufsteigers war verheißungsvoll, 6:4 Punkte und Platz sechs stehen in der Nord-West-Staffel bislang zu Buche – doch dann kam der zweite Corona-Lockdown. Seitdem sind nicht nur die ATSV-Handballer zur Tatenlosigkeit verurteilt, doch das ist wieder eine ganz andere Geschichte.

Zurück zu Ruckhs Spiel seines Lebens: Das liegt ziemlich weit in der Vergangenheit. Mehr als 19 Jahre ist es jetzt her, dass der TV Grambke in der 2. Handball-Bundesliga auf den damaligen Aufsteiger SV Anhalt Bernburg traf. Man schrieb den 8. September 2001, es war der erste Spieltag der Saison. Die Grambker starteten mit einer jungen Mannschaft in diese Spielzeit, das Geld war knapp und das Vertrauen in die eigenen Talente praktisch alternativlos. Matthias Ruckh, der 18-jährige Benjamin des Teams, profitierte davon. Der extrem erfahrene TVG-Trainer Georgi Sviridenko, der als Spieler mit der sowjetischen Nationalmannschaft olympischen Gold 1988 in Seoul gewonnen hatte, nahm dem Nachwuchs bewusst in die Verantwortung. „Er hat uns gefördert und unterstützt“, ist Matthias Ruckh immer noch dankbar für diese Art der Starthilfe.

Lebendige Erinnerungen

Doch an diesem 8. September wurde die Vorfreude Ruckhs auf sein Zweitliga-Debüt von einer gewaltigen Nervosität überlagert. Schon als kleiner Junge habe er davon geträumt, einmal das gelb-schwarze Trikot des einstigen Erstligisten überzustreifen und für die erste Herren-Mannschaft aufzulaufen. Jetzt war der große Moment gekommen. Für Matthias Ruckh war es etwas ganz Besonderes. Die Erinnerungen daran sind immer noch sehr lebendig, die emotionale Komponente selbst mit dem Abstand vieler Jahre noch greifbar. „Ich bin in Bremen-Nord und mit dem TV Grambke aufgewachsen“, berichtet Matthias Ruckh. Schon als kleiner Junge sei er in der Halle gewesen, habe die Spiele des TVG verfolgt und selbst Auswärtsfahrten mitgemacht.

Die Begeisterung für Verein, Mannschaft und Umfeld sei im quasi in die Wiege gelegt worden. Da lag vor allem an seinem Großvater: Detmar von Salzen. Er leitete seit den 1970er-Jahren als Manager die Geschicke der Gelb-Schwarzen, war sozusagen der Architekt der großen TVG-Zeit. Handball sei zu Hause immer ein Thema gewesen, berichtet Matthias Ruckh.

Besagte ganz große Zeit war 2001/2002 schon länger vorbei, wenngleich die Grambker das sechste Jahr in Folge im deutschen Bundesliga-Unterhaus bestritten. Nach starken personellen Umstellungen war die Unsicherheit, wohin die Reise nun gehen würde, jedoch spürbar. Gleich dem ersten Aufeinandertreffen mit Bernburg kam deshalb eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu.

Total angespannt

Und Matthias Ruckh? Der war nach eigener Aussage nicht nur vor, sondern auch noch während des Spiels total angespannt. „Das konnte ich nicht so einfach abschütteln“, sagt er selbst. Doch die Mischung der Grambker aus jugendlicher Unbekümmertheit – neben Matthias Ruckh zählten unter anderem sein Cousin Steven von Salzen sowie Lars Osterloh zur nachrückenden Generation – und verlässlicher Erfahrung schien zu funktionieren. Anhalt Bernburg bekam es zu spüren. Die Gäste lagen beinahe die gesamte Spielzeit im Hintertreffen, meistens sogar deutlich mit vier oder fünf Toren. Zur Pause führten die Hausherren mit 14:10. Doch der Vorsprung schmolz gegen Ende beträchtlich. Als die Zeit bereits abgelaufen war, stand es nur noch 23:22 für Grambke, aber egal: Einem gelungenen Saisonstart schien nichts mehr im Wege zu stehen.

Oder vielleicht doch? Denn just in allerletzter Sekunde bekamen die Gäste noch einen Siebenmeter zugesprochen, den sie prompt zum 23:23-Endstand verwandelten. Für Grambke war der Punktverlust in letzter Minute sicherlich eine Enttäuschung, für Matthias Ruckh jedoch nur bedingt. Zu glücklich war er ob seines gelungenen Einstands bei den ersten Herren. Vier Tore hatte er zum Unentschieden beigetragen und dabei in wichtigen Momenten getroffen: unter anderem zum 20:14 und zum 23:21. „Nach meinem ersten Tor habe ich es richtig rausgebrüllt“, ist die entsprechende Szene in seinen Erinnerungen noch sehr präsent. Es war seine ganz persönliche Befreiung. Sein ureigener Aha-Moment, nach dem Motto: Es geht doch.

Die 450 Zuschauer in der Halle Sperberstraße waren phasenweise begeistert, was die veränderte Grambker Truppe so alles auf den Hallenboden zauberte. Dass sich unter den Besuchern auch etliche Mitspieler aus Ruckhs A-Jugend-Mannschaft befanden, die zudem „mächtig Stimmung machten“, sorgte auch nicht gerade für ein Abflachen seiner Aufregung. Doch das spielte am Ende keine Rolle mehr. Nur das Finale der Partie wollte nicht so recht ins ansonsten stimmige Gesamtbild passen.

Matthias Ruckh war aber trotz des Nicht-Happy-Ends begeistert. „Das war ein Gefühl von himmelhochjauchzend“, blickt er gerne auf jenen Septemberabend zurück und erzählt in diesem Zusammenhang folgende Episode: „Wir Spieler aus der A-Jugend hatten vorher ausgemacht, dass derjenige, der als Erster sein Debüt in der zweiten Liga geben würde, den anderen einen Abend in Bremen bezahlt.“ Der Gewinner war: Matthias Ruckh. Der folgende Zug durch Bremens Diskotheken war für ihn entsprechend kostspielig ... Aber das war es dem damals 18-Jährigen allemal wert, zumal er sich im Anschluss im Kader sprichwörtlich festbiss. Zum viel zitierten Höhenflug, der so manches Talent nach erfolgreicher Premiere ereilt, setzte er trotzdem nicht an, aus gutem Grund, wie er schmunzelnd anmerkt: „Dafür haben schon unsere erfahrenen Spieler gesorgt. Die haben mich im Training schnell wieder geerdet.“ Für Matthias Ruckh war ein Anfang gemacht – nicht mehr.

Und diesen Anfang hatte er unter anderem einem dieser Routiniers zu verdanken, wenn auch unfreiwillig. Michael Wallrabe war der angestammte Kreisläufer der Grambker, ein Mann mit gutem Auge und taktischem Geschick. Ihn zu ersetzen war keine Selbstverständlichkeit. Doch zu diesem Zeitpunkt laborierte er noch an den Folgen eines Bänderrisses im Fuß und konnte nur sehr partiell eingesetzt werden. Er brauchte also einen Stellvertreter, und die Wahl von Coach Sviridenko fiel just auf Matthias Ruckh, der bereits am Wochenende zuvor beim unglücklichen Pokal-Aus bei der HSG Tarp-Wanderup eine Kostprobe seines Talents hatte abgeben dürfen und mit acht Toren nachhaltig auf sich aufmerksam machte.

Am Ende steht der Abstieg

Darüber hinaus hatte er bereits als 17-Jähriger diverse Trainingseinheiten mit der Ersten bestritten, er war in diesem Kreis also kein Unbekannter mehr.

Trotz der für Ruckh persönlich erfreulichen Entwicklung stand am Ende der Saison 2001/2002 der Abstieg des TV Grambke fest: als Tabellenvorletzter mit gerade mal 14:58 Punkten. Etliche Partien wurden knapp verloren, in den entscheidenden Phasen fehlte nicht selten der nötige Schuss Routine. Es mangelte an Automatismen. Für Matthias Ruckh ist das selbst in der Nachbetrachtung kein Wunder: „Unser Kader war in der Breite nicht gut genug aufstellt“, urteilt er. Der Ausfall diverser Routiniers hätte über eine gesamte Saison hinweg dann doch nicht entsprechend kompensiert werden können.

Nichtsdestotrotz spricht Ruckh von einer „spannenden Mannschaft“, die grundsätzlich mehr hätte erreichen können. Er blieb auch nach dem Abstieg zunächst bei seinem Heimatverein, ehe es ihn zur SG Achim/Baden, danach ganz in den Süden zur HSG Konstanz (beides 2. Liga) und im Anschluss zur HSG Satten-Sandkrug (3. Liga) verschlug. Es folgten Stationen bei der HSG Augustdorf/Hövelhof im Ostwestfälischen (3. Liga), bevor es ihn zurück zum TV Grambke zog, der mittlerweile in die Verbandsliga gepurzelt war. Mit Ruckh gelang der Aufstieg in die Oberliga, die der TVG dann als Fusionsverein SVGO Bremen absolvierte.

Sein letzter Verein war schließlich die HSG Schwanewede/Neuenkirchen in der Oberliga Nordsee, wo es ihm nach eigener Aussage prima gefiel. Das Wohlgefühl und der pure Spaß am Handball waren wieder akut vorhanden – bis eine persönliche Differenz mit dem Trainer für ein abruptes Laufbahn-Ende sorgte. Matthias Ruckh war zu diesem Zeitpunkt 35 Jahre alt.

Das Ende sei unschön gewesen, sagt er selbst, aber es habe die vielen, vielen tollen Momente nicht zerstören können. Nicht mal im Ansatz. Das gilt natürlich auch für seine erste Zweitliga-Partie mit dem TV Grambke. Damals im September 2001. Matthias Ruckhs persönliches Spiel des Lebens.

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