Interview mit Michael Schmidt „Die Stiftung steht stabil da“

Pastor Michael Schmidt zieht nach fast acht Jahren als theologischer Vorsteher in Friedehorst Bilanz. Das Unternehmen befinde sich noch immer in der Veränderung, stehe wirtschaftlich aber stabil da.
03.02.2021, 17:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
„Die Stiftung steht stabil da“
Von Julia Ladebeck

Herr Schmidt, wie sehen Sie rückblickend betrachtet Ihre Zeit in Friedehorst?

Michael Schmidt: Für mich war es eine sehr schöne, aber auch arbeitsintensive Zeit. Sie hat viele Überraschungen geboten und viele schöne Begegnungen mit Menschen. Das macht Friedehorst aus: Dass man hier ganz unterschiedliche Menschen trifft: Menschen unterschiedlichen Alters und in unterschiedlichen Lebenslagen. Es war eine sehr abwechslungsreiche Zeit, die ich hier in den vergangenen fast acht Jahren erlebt habe.

Die offizielle Begründung für Ihren Weggang ist die Annahme einer neuen Herausforderung. Hat er auch etwas mit der schwierigen Situation von Friedehorst zu tun?

Es gibt eine Vielzahl von Gründen, die zu der Entscheidung geführt haben. Ich bin jetzt 57 Jahre alt und für mich ist es genau der richtige Zeitpunkt, noch einmal eine neue Herausforderung anzunehmen. Ich habe mir die Frage gestellt: Was kann Friedehorst eigentlich noch toppen? Tatsächlich verbindet meine neue Stelle in Düsseldorf das, was ich in Bremen nacheinander gemacht habe. Ich war in Bremen von 2005 bis 2013 Diakoniepfarrer der Stadt und in den vergangenen fast acht Jahren für ein soziales Unternehmen der Diakonie verantwortlich. Meine neue Aufgabe in Düsseldorf verbindet beide Positionen und das finde ich sehr schön. Das sind die persönlichen Gründe. In Friedehorst habe ich in den vergangenen Jahren meine Kreativität, meine Ideen und Ansätze zur Veränderung eingebracht. Einige sind erfolgreich gelungen, einige noch nicht abgeschlossen. Friedehorst ist immer noch ein Unternehmen, das sich in der Veränderung befindet. Ich denke, dass es dafür weitere neue Ideen, Ansätze und Kompetenzen geben könnte. Das ist auch eine Chance für Friedehorst.

Sind Sie zufrieden mit dem, was Sie erreicht haben?

Mein Auftrag damals war, Friedehorst zu stabilisieren und die Kommunikation intern und nach außen in der öffentlichen Wahrnehmung zu verändern. Der Auftrag der wirtschaftlichen Stabilisierung kam dann für mich überraschend dazu. Ich habe für Ausgleich gesorgt, beispielsweise in der Zusammenarbeit mit der Mitarbeitervertretung, einzelne Unternehmensbereiche wurden neu aufgestellt, das Image wurde verbessert durch mehr Transparenz und Gesprächsbereitschaft und letztlich wurde auch eine wirtschaftliche Stabilität erreicht.

Friedehorst hat zwei wichtige Standbeine abgegeben: das neurologische Reha-Zentrum und das Nebelthau-Gymnasium. Hat die Stiftung dadurch an Profil verloren?

Nein. Das Profil von Friedehorst ist – das sage ich als Pastor – das Profil der Nächstenliebe in der sozialen Arbeit. Und das hängt nicht von der Vielzahl der Angebote ab, die Friedehorst hat. Entscheidend ist vielmehr, wie die Angebote erfüllt werden. Dass wir uns von zwei wesentlichen Arbeitsfeldern trennen mussten, hatte mit den steigenden Herausforderungen zu tun.

Welche waren das?

Die Bedingungen für Schulen in freier Trägerschaft sind im Land Bremen in den vergangenen Jahren schlechter geworden. Wir haben mit dem Elternverein als neuen Träger eine gute Lösung gefunden und die Schule damit in eine positive Zukunft geführt – wobei die Partnerschaft mit Friedehorst weiterhin besteht. Beim neurologischen Reha-Zentrum erzeugte die Konzentration auf dem Markt einen unglaublichen Druck. Es ist nicht unsere Kernkompetenz mit Ketten zu konkurrieren, die ihre Standorte in ganz Deutschland verteilt haben. Deshalb haben wir entschieden, dass die Zukunft des Reha-Zentrums nicht innerhalb der Stiftung liegt. Es ist uns gelungen einen diakonischen Anbieter zu finden, der das Reha-Zentrum übernommen hat. Die Johanniter sind quasi eine Schwester-Organisation, mit der wir die Werte teilen. Für die Patienten und für die Mitarbeiter hat sich nichts geändert. Die Arbeitsplätze sind erhalten geblieben und sie mussten nicht auf Gehalt verzichten. Die Patienten werden weiterhin sehr gut betreut. Trotzdem waren beide Entscheidungen natürlich nicht leicht.

Wie geht es nun weiter?

Friedehorst konzentriert sich nun auf die drei Kernthemen, die hier bereits seit der Gründung 1947 verfolgt werden: die Pflege von Menschen im Alter und mit besonderen Pflegebedarfen, die Begleitung von Menschen mit Beeinträchtigungen und die berufliche Rehabilitation mit der Entwicklung von Perspektiven für Menschen in der Arbeitswelt. Dieser Bereich wird künftig noch gestärkt.

Wie steht es aktuell um die finanzielle Situation von Friedehorst?

Die Stiftung steht zurzeit stabil da. Wir haben mit den Banken einen weiteren Schritt zur Sanierung vereinbart. Die Perspektive umfasst die Jahre 2021 und 2022. Die Pandemie ist wirtschaftlich allerdings eine große zusätzliche Herausforderung. Es wird noch etwas Zeit vergehen, bis eine genaue Bewertung möglich ist. Auch, weil manche der Corona-Hilfen erst später gezahlt werden. In der Altenhilfe sind die Mehrausgaben durch Corona nicht so das Problem, weil es da finanzielle Unterstützung gibt. Für die Altenhilfe wird relativ gut gesorgt. Anders sieht das in der Behinderten- beziehungsweise Wiedereingliederungshilfe aus. Dort hat Friedehorst durch Corona ebenfalls höhere Ausgaben, für die es jedoch keinerlei Kompensation gibt. Ein Beispiel: Das Berufsförderungswerk musste – wie auch öffentliche Schulen – mehrere Monate schließen und später dann die Gruppen verkleinern. Anders als öffentliche Schulen erhält Friedehorst aber nur Geld, wenn Rehabilitanden anwesend sind.

Musste Friedehorst neue Kredite aufnehmen?

Nein, wir haben veränderte Rückzahlungsmodalitäten für bestehende Kredite vereinbart. Unsere Partner, die Banken und auch die Kostenträger, sind sehr interessiert daran, dass wir gut durch die Krise kommen. Hätte es Corona nicht gegeben, stünden wir wirtschaftlich noch stabiler da. Friedehorst verfügt zwar noch nicht wieder über Mittel für Investitionen – wir können beispielsweise keinen Ersatz für Haus 18 bauen, was wir gerne würden. Aber wir sind in der Lage, alle Gebäude zu erhalten und zu sanieren, wo es nötig ist. Und wir zahlen das volle Tarifgehalt nach den Arbeitsvertragsrichtlinien der Diakonie, was unter anderem ein halbes Monatsgehalt als Jahressonderzahlung im Dezember beinhaltet.

Wie geht es nun an Ihrer Stelle weiter? Wer wird Ihre Nachfolgerin oder Ihr Nachfolger in der Stiftung?

Das kann ich heute leider noch nicht sagen. Es wird im Februar eine Entscheidung im Kuratorium geben. Was feststeht ist, dass es weiterhin einen theologischen Vorsteher geben wird.

Was sollte Ihr Nachfolger denn mitbringen?

Zuerst einmal Gottvertrauen. Was mich getragen hat, ist der Glaube, dass das, was ich bewege, nicht alleine an meiner Person liegt, sondern dass auf meinem Handeln auch ein Stück Segen liegt. Dann sollte sie oder er den Menschen zugewandt sein. Ich habe mich bemüht, mit allen Menschen in Friedehorst in gutem Kontakt zu sein. Es ist wichtig, auf die Menschen zuzugehen. Außerdem geht es darum, die eigene Überzeugung mitzubringen und ins Haus zu tragen. Wir als Theologen sind ja für die inhaltliche Ausrichtung der Arbeit verantwortlich. Und schließlich geht es auch um die Wirtschaftlichkeit. Es ist in dieser Position nicht schlecht, die vier Grundrechenarten zu beherrschen und eine Ahnung davon zu haben, wie soziale Arbeit funktioniert.

Das Interview führte Julia Ladebeck.

Info

Zur Person

Michael Schmidt (57)

war bis Ende Januar 2021 theologischer Vorsteher der Stiftung Friedehorst. Künftig ist er Diakoniepfarrer des Kirchenkreises Düsseldorf und Vorstandsvorsitzender der Diakonie Düsseldorf.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+