Projekt Study Friends in Gröpelingen Engagement statt Miete

Sie geben Unterricht an der Neuen Oberschule Gröpelingen und dürfen dafür mietfrei wohnen: Auf diesen Deal haben sich fünf Studierende eingelassen, sie nehmen am Projekt Study Friends teil.
22.09.2021, 09:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten

Zwei Wohnungen in beliebter Lage, frisch saniert, bezugsfertig und fast kostenlos: An diesem Angebot konnten fünf junge Leute einfach nicht vorbeigehen. Kostenlos heißt in diesem Falle aber nicht umsonst. Die beiden Wohngemeinschaften haben sich im Gegenzug zum aktiven Engagement für Gröpelinger Kinder und Jugendliche verpflichtet. Vor wenigen Tagen wurden die Schlüssel an die sogenannten Study Friends übergeben. Es ist ein neuer Deal für Bremen. Darum sorgte auch die Wohnungsübergabe für ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit. Neben vier der fünf neuen Mieter waren auch die Mütter und Väter des Projekts vor Ort.

In vorderster Reihe: Projektleiter Martin Karsten, der die Idee erstmals im Sommer 2019 ins Gröpelinger Spiel gebracht hatte. Als Vorbild diente das Projekt „Tausche Bildung für Wohnen“, das bereits erfolgreich in Duisburg und Gelsenkirchen eingeführt wurde, erklärte Karsten, der im Team Bremer Westen im Auftrag der Senatorin für Klimaschutz, Umwelt, Mobilität und Wohnungsbau Förderprojekte im Bremer Westen anschiebt und begleitet. Katharina Bermpohl aus dem Referat Stadtumbau von Senatorin Schaefer hielt bei ihrer Begrüßung die Broschüre des Integrierten Entwicklungskonzepts für Gröpelingen in den Händen. Sie hoffe, dass die fünf Freunde auch andere Kommilitoninnen und Kommilitonen in einen Stadtteil ziehen, der für Studierende viel zu bieten habe, so die Mitarbeiterin der Senatorin.

Stadterneuerung: Dazu gehöre auch die Investition in Bildung, betonte der Projektleiter. Naheliegender Kooperationspartner der Study Friends ist die Neue Oberschule Gröpelingen (NOG). Dort werden die fünf Neu-Gröpelinger an 35 Stunden pro Monat am Unterricht teilnehmen und dort ihre Unterstützung und ihr Know-how einbringen. Sie gehe davon aus, dass beide Seiten davon etwas für’s Leben mitnehmen, erklärte Schulleiterin Martina Semmler. „Die Schülerinnen und Schüler erfahren durch die Vorbilder, dass sich das Lernen lohnt. Und die Studierenden können sich hier auszuprobieren.“ Sie werden zunächst in Klassen des fünften und sechsten Jahrgangs hospitieren, und später die Klassenlehrerinnen und -lehrer unterstützen, mit Kleingruppen arbeiten, die Schulkinder bei den Hausaufgaben betreuen und eigene Arbeitsgemeinschaften gründen, erläuterte Jahrgangsleiter Björn Detjen.

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Er freue sich schon auf die neue Farbe, die die jungen Kolleginnen und Kollegen in den Schulalltag bringen werden, sagte der Pädagoge. Die Aushänge für das Projekt waren im Sommer in den Bremer Hochschulen aufgetaucht. „Man konnte sie gar nicht übersehen“, berichtete Sina, die an der Universität Internationales Politikmanagement studiert. Die Schleswig-Holsteinerin – mit 19 Jahren die Jüngste im Freundeskreis – konnte bei der Bewerbung ihr jahrelanges soziales Engagement anführen. Andrés bringt bereits viel Erfahrung in der Arbeit mit Kindern mit. Er habe nach der Schule ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Kita absolviert und gebe seit Langem kostenlose Nachhilfestunden. Darüber hinaus sei er aktiv in ein Projekt zur Leseförderung involviert, das seine Eltern in ihrem Heimatland Ecuador ins Leben gerufen haben, erzählte der 25-jährige Student der Kultur- und Bildungswissenschaften.

Der Deutschunterricht ist das Terrain von Sargis: Der Student der Germanistik und Kommunikationswissenschaften mit armenischen Wurzeln erzählte, dass er ein Intensivtraining im Umgang mit Kindern in seiner eigenen Familie absolviert hat. Und Azam, der an der Bremer Hochschule Elektrotechnik studiert, hat den Schülerinnen und Schülern jede Menge Know-how auf dem Gebiet der Informationstechnologie und der neuen Medien zu bieten. „Fast jedes Kind hat heute ein Smartphone“, erklärte der 25-Jährige, der aus Pakistan stammt. „Ich kann ihnen erklären, wie das Internet und Apps funktionieren.“ Was den Projektleiter besonders freute: „Man merkte sofort, wie gut sie sich untereinander verstehen“, so Karsten.

Die Wohnungsgesellschaft Gewoba hatte die beiden rund 60-Quadratmeter-Wohnungen an der Bromberger und der Posener Straße für die Study-Wohngemeinschaften bereitgestellt und einen neuen Bodenbelag und eine Küchenzeile spendiert. Die Lage sei durchaus begehrt, die Nachfrage groß, erklärte Geschäftsbereichsleiter Robert Schleisiek. Die schmucken Backsteinhäuser mit ihren Sprossenfenstern und weißen Fensterläden wurden kurz nach dem Zweiten Weltkrieg fertiggestellt, und waren ursprünglich für Angestellte der AG Weser gebaut worden, wusste Christiane Gartner, Geschäftsführerin von Kultur vor Ort. Der Gröpelinger Verein hat die beiden Mietverträge unterschrieben, und wird ebenfalls von den Study Friends profitieren: In unterrichtsfreien Zeiten werden die Studierenden außerschulische Projekte im Quartiersbildungszentrum anbieten, erklärte Frauke Kötter, die die Einrichtung in Trägerschaft des Vereins leitet.

Zu den unverzichtbaren Projektpartnern gehört schließlich die Deutsche Kindergeldstiftung. Der Stiftungsrat habe nicht lange gezögert, bevor er sich bereit erklärte, die Miete der beiden Wohnungen für die kommenden drei Jahre zu übernehmen und dem Projekt damit die nötige „Beinfreiheit“ zu verschaffen, berichtete Geschäftsführerin Birgitt Pfeiffer. Die gemeinnützige Stiftung mit Sitz in Horn-Lehe wurde vor elf Jahren von Bremer Bürgerinnen und Bürgern gegründet. Gefördert werden Projekte, die dazu beitragen, Chancengleichheit unter Kindern und Jugendlichen herzustellen, erklärte die Stiftungsvertreterin. Das Study-Friends-Projekt biete den Gröpelinger Schulkindern „eine tolle Chance, sich gut weiterzuentwickeln.“

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