Neuer historischer Rundweg Gröpelingens Geschichte auf der Spur

In Gröpelingen weisen demnächst acht neue Informationstafeln auf Persönlichkeiten, Bauwerke und „magische Orte“ hin: Die Geschichtswerkstatt Gröpelingen hat den zweiten historischen Rundweg beschildert.
22.03.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Gröpelingens Geschichte auf der Spur
Von Anne Gerling

Gröpelingen. Wo heute ein Discounter die Gröpelingerinnen und Gröpelinger mit Lebensmitteln und anderen Waren des täglichen Bedarfs versorgt, befand sich einst ein beliebtes Ausflugslokal: das Café Flora.

„Dort traf sich die Gröpelinger Arbeiterschaft, um zu feiern und über Politik zu diskutieren“, erzählt Karin Pfitzner-Brauer, Vorsitzende der Geschichtswerkstatt: „Der parkähnliche Garten reichte von der Heerstraße – der damaligen Chaussee – bis an den heutigen Grünzug West heran, auf dem damals die Geestemünder Eisenbahn fuhr.“

Seit Freitag, 19. März, erinnert ein kleines Metallschild vor dem Lidl-Parkplatz an der Gröpelinger Heerstraße an das legendäre Gartenlokal, das sich einst genau hier befand und unter anderem Schauplatz heftiger Auseinandersetzungen zwischen Arbeiterschaft und Nationalsozialisten war. Details sind auf der Tafel nachzulesen: Im Zweiten Weltkrieg wurde auf dem Café-Gelände ein Lager für sowjetische Zwangsarbeiter eingerichtet, das im Herbst 1944 bei einem Luftangriff zerstört wurde.

Die neue Informationstafel – und noch drei weitere – hat die Geschichtswerkstatt mit Unterstützung des Beirats, der dafür Globalmittel bewilligte, anfertigen lassen und nun an verschiedenen Orten installiert. „Eine Fünfte steht schon bereit und drei weitere werden noch angefertigt“, sagt Pfitzner-Brauer.

Denn: Das frühere Café Flora ist eine von acht Stationen, die zu dem nun von der Geschichtswerkstatt neu ausgeschilderten „Blauen Rundgang“ gehören – einem Stadtteilspaziergang, auf dem am Ort des Geschehens Details zur Gröpelinger Geschichte nachgelesen werden können. Diese Tour startet in der Luchtbergstraße 1, wo – wie dort ab sofort ebenfalls nachzulesen ist – Ende des 19. Jahrhunderts auf dem Luchtberg eine von zwei Windmühlen stand.

Von der Luchtbergmühle aus geht es weiter zu einem 1979 von Jürgen Waller gestalteten Wandbild auf dem Bunker am Pastorenweg. Auf einer Gesamtfläche von 531 Quadratmetern wird dort das Leben und Arbeiten in Gröpelingen zwischen 1878 und 1978 dokumentiert. An der Ecke Pastorenweg/Altenescher Straße erinnert am Eingang zum Friedhof ein Schild an das ehemalige Landgut Tölken, das später Teil des Waller Friedhofs wurde. Nächste Station auf dem Rundgang ist der „Gewerkschaftsblock“ direkt vis-à-vis: Eine Wohnanlage mit 250 Wohnungen, die die Gemeinnützige Wohnungsbaugemeinschaft der freien Gewerkschaften – aus der später die Gewoba hervorging – zwischen 1924 und 1929 errichtet hatte, um die Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg zu lindern. Von dort aus führt der Weg am Standort des früheren „Café Flora“ vorbei zur einstigen „Lesestube“: In einem bescheidenen Haus an der Gröpelinger Chaussee 115 hatte 1926 Pastor Heinrich Schultheis ein Pappschild ins Fenster gestellt: „Hier können Kinder zum Lesen zusammenkommen“.

Von dort aus geht es vorbei an der Schule an der Fischerhuder Straße – die laut der Hinweistafel gebaut wurde, als immer mehr Firmen und Arbeitskräfte nach Gröpelingen zogen und die alte Schule an der Kirchenallee zu klein wurde – spaziert man schließlich wieder zurück zur Heerstraße, wo die wechselvolle Geschichte der Grundstücke Nummer 157 bis 163 nachzulesen ist. Anfang des 20. Jahrhunderts befand sich hier das Café Mattfeldt, ein beliebtes Arbeiterlokal, das für Konzerte, Vorträge und plattdeutsches Theater genutzt wurde. 1928 gründeten Theaterfreunde im Café Mattfeldt einen Verein, aus dem später das Ernst–Waldau-Theater in Walle hervorging.

Während des Zweiten Weltkriegs richtete der Hafenbetriebsverein hier ein Lager für 160 Zwangsarbeiter ein und 1956 eröffnete an diesem Ort das Kino Rex, das vielen Alteingesessenen noch ein Begriff ist.

Gerne würde Karin Pfitzner-Brauer noch eine weitere Station in den Rundgang mit aufnehmen; aktuell laufen dazu noch Gespräche mit dem Eigentümer einer historischen Immobilie. Um nämlich die Informationstafeln an oder auf zum Teil privaten Immobilien und Grundstücken befestigen zu können, bedarf es mitunter durchaus einiger Überzeugungsarbeit.

Das hatte schon Pfitzner-Brauers Vorgänger Günter Reichert so erlebt, auf den die Idee eines Rundwege-Netzes durch Gröpelingen zurückgeht. Der im Dezember 2015 noch von Reichert selbst eingeweihte „Rote Rundgang" führt durch das Lindenhofviertel, den historischen Kern des alten Dorfes Gröpelingen. Diese etwa 45-minütige Tour bietet Spaziergängern die Möglichkeit, sich über die alte Nicolai-Kirche und die Schule an der Kirchenallee, die AG Weser, die Getreideverkehrsanlage, den Fähranleger und drei alte Gröpelinger Bauernhöfe zu informieren.

Momentan bereitet Pfitzner-Brauer einen Flyer zum Blauen Rundweg vor, der alsbald von der Webseite heruntergeladen und ausgedruckt werden kann. Im Mai hofft sie, Führungen anbieten zu können. Auch die seinerzeit von Günter Reichert erdachten Touren „Grüner Rundgang“ und „Schwarzer Rundgang“ würde sie gerne realisieren. Jetzt sei sie aber erst einmal froh, dass der Blaue Weg umgesetzt sei: „Schön, dass wir das abgeschlossen haben. Auch, weil es von Günter konzipiert war.“

Info

Zur Sache

Historische Rundwege in Gröpelingen

Inspiriert durch die historischen Tafeln in Findorff hatte vor mehreren Jahren Günter Reichert, der 2017 verstorbene Vorsitzende der Geschichtswerkstatt Gröpelingen, eine Idee für seinen Stadtteil: Gemeinsam mit dem Ortsamt entwickelte er vier historische Rundgänge durch Gröpelingen, die an 26 Informationstafeln zu Persönlichkeiten, Bauwerken oder auch „magischen Orten“ vorbeiführen sollten. Die erste dieser Tafeln brachte der in Gröpelingen geborene Hobbyhistoriker und Heimatforscher gemeinsam mit Bremens damaligem Bürgermeister Jens Böhrnsen im April 2014 am ehemaligen Verwaltungsgebäude der AG Weser – damals noch Hansewasser-Firmensitz – an. Ende 2015 konnte dann der „Rite Rundweg“ eingeweiht werden.

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