"Wurst Case" Zwischennutzer mit neuen Ideen

In der früheren Wurstfabrik Könecke hat die Zwischenzeitzentrale das "Wurst Case" aufgemacht. Dort können Künstler und Akteure günstig Räume mieten und ihrer Profession nachgehen. Gibt es bald sogar Pilzzucht?
27.01.2022, 10:47
Lesedauer: 3 Min
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Von Silja Weißer

Den Überblick behalten – das können die Diplom-Ingenieure Daniel Schnier und Oliver Hasemann zusammen mit Julian Benjamin Eßig, Bachelor of Engeneering, von hier oben im doppelten Sinne. Das Leitungsteam der Zwischenzeitzentrale (ZZZ) hat seine Büroräume in einem gläsernen Dachgeschoss, hoch oben, aufgestockt auf fünf Etagen des ehemaligen Verwaltungsgebäudes der Karl Könecke Wurstwarenfabrik in Hemelingen. Der Blick schweift auf Wohngebäude und umliegende Hallen, die zum Teil noch genutzt werden.

Über die ZZZ mieten Künstler und andere Akteure Räume in dem ehemaligen Firmengebäude. Sie nennen es „Wurst Case“ – eine Anspielung auf die Schwierigkeit, in Bremen günstige Räumlichkeiten für die Ausübung ihrer Tätigkeiten zu finden. Für sieben Euro pro Quadratmeter haben sie hier die Möglichkeit.

Zwischennutzung seit 2015

Das Werk der ehemaligen Wurstfabrik wurde 2012 geschlossen. Die Firma wuchs. Die Würste werden heute in Delmenhorst und Polen produziert. Im Januar 2014 zog die Verwaltung um. Das Haus mit seinen 12.000 Quadratmetern wurde endgültig zum Waisenkind. Doch nicht lange. Ab dem 1. April 2015 stand das Gebäude zur Zwischennutzung zur Verfügung.

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Mit den neuen Mietern kommt seit sieben Jahren wieder Leben in die Bude. 150 Nutzergruppen haben das Raumangebot im Wurst Case inzwischen genutzt. Zurzeit arbeiten 80 Personen in 50 Räumen. Ein Viertel von ihnen sind Stammgäste von Beginn an, drei Viertel kommen und gehen. „Wir sind Bienenstock-Betreiber“, unkt Schnier über die große Fluktuation, die für das ZZZ-Team zugleich Spannung und Stress bedeutet.

Pilze im Keller?

In naher Zukunft findet vielleicht eines der bisher ungewöhnlichsten Projekte eine Bleibe. Armin Schmid hat die Idee, zweieinhalb Kellerräume anzumieten und möchte dort eine Esspilz-Zucht etablieren. Der Schwabe nutzt dafür Kaffeesätze aus der Gastronomie. Anstatt im Müll zu landen werden die Reste aus Cafés, Restaurants, Großküchen und Büros abgeholt und zu Pilzsubstrat weiterverarbeitet, um sie als Nährboden für Pilze zu verwenden. Eine Voraussetzung für ein gutes Zuchtergebnis ist Dunkelheit. Das ehemalige Aktenlager der Wurstfabrik, aus dem massenweise Ordner der letzten Jahre geräumt wurden, hat diesen Bonus und bietet bald Raum für eine vollkommen andere räumlichen Nutzung. Auch ein Züchter für Süßwasser-Garnelen habe angefragt, berichtet Schnier. Doch vorerst werden aus Kaffeesätzen von gestern Pilze von morgen.

„Lötkolben-Wahnsinn“

Ein bemerkenswertes Talent unter den Mietern bringt Harry Harries mit. Der gelernte Bildhauer repariert in einer 39 Quadratmeter großen Werkstatt alte Radios und Plattenspieler. „Lötkolben-Wahnsinn“ beschreibt Schnier scherzhaft das Vorgehen des Mieters, der seit zwei Jahren in dem Gebäude arbeitet. Verkaufen möchte Harries die instandgesetzten Geräte nicht. Er genieße einfach das angenehme Gefühl, Sachen aufzuarbeiten. Schon als Kind habe er gerne geschraubt, erinnert sich der 65-Jährige. Auch auf die Gefahr hin, dass er sich mit der Zeit „zumülle“. „Bei mir sieht es aus wie bei Hempels, aber ich rette die Sachen vor dem Wegschmeißen“, kommentiert Harries die Unordnung. In seinem Haus im Viertel hätten sich die alten Exemplare, die er zum Teil im Internet ergattert hat, im Keller und auf dem Dachboden gestapelt. Nun habe er alles beisammen.

Nicht namentlich genannt werden möchten zwei Aktivistinnen, die einen Raum gemietet haben, um im Widerstand gegen Alexander Lukaschenko mobil zu machen. Auch ein Jahr nach den Präsidentschaftswahlen und dem Beginn der Massenproteste steht das belarussische Regime um den Präsidenten unter massiver Kritik.

Bewegung in die Dinge möchte auch Gregor Steinmetz bringen. Der Motion-Grafik-Designer befasst sich mit 3D-Animationen und produziert Erklär-Filme, wie er sie nennt. Gerade komplexe Sachverhalte, Dinge, die nicht anfassbar seien wie im Bereich künstliche Intelligenz mache er bildlich begreifbar, schildert der 29-Jährige. Steinmetz, der einen Master in Integriertem Design an der Hochschule für Künste (HfK) Bremen vorzuweisen hat, war schon während seines Studiums für verschiedene Unternehmen tätig.

Produktiv in Gemeinschaft

Natürlich könne er auch von zuhause arbeiten, meint er. Viel Platz braucht Steinmetz nicht. Zwei Bildschirme, ein Rechner, das reicht ihm. Doch das Arbeiten in den heimischen vier Wänden sei nicht so produktiv wie bei Wurst Case, berichtet er. Nach eineinhalb Jahren Wartezeit hat er nun hier in Hemelingen ein Büro, das er sich mit einem Webdesigner und seinem Rüden Teddy, einer Malteser-Pudel-Mischung, teilt. Die konzentrierte Arbeitsatmosphäre, den Austausch mit seinem Kollegen, den Kaffee in der Gemeinschaftsküche, all das weiß Steinmetz sehr zu schätzen.

Zur Sache

Pilotprojekt ZZZ

Zwischennutzungsprojekte existieren in vielen Städten. Das Bremer Pilotprojekt hebt sich davon in erster Linie durch den Ansatz ab, Zwischennutzung gesamtstädtisch zu etablieren. Ungenutzte Immobilien und Flächen werden als Chance für die Stadtentwicklung begriffen. Entscheidend ist die Einrichtung der ZZZ seit 2009 in der Mittlerposition zwischen Verwaltung und (potenziellen) Zwischennutzern. Getragen wird das Projekt ressortübergreifend von der Wirtschaftssenatorin, dem Finanzsenator und der Umweltsenatorin, bei der auch Stadtentwicklung und Wohnungsbau angesiedelt sind. Umgesetzt wird es seit 2016 bis heute durch die AAA GmbH.

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