Lebendige Wissenschaft Der Meerwalnuss auf der Spur

500 Jugendliche bekommen beim Ocean Day an der Bremer Uni Einblicke in die Meeresforschung
15.02.2019, 19:57
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörn Hildebrandt

Lehe. Sie wird auch „die Quallenfrau“ genannt, denn Cornelia Jaspers vom Geomar in Kiel interessiert sich seit ihrem zweiten Lebensjahr für diese gallertigen Wesen, die alle Meere der Erde bevölkern und mit ihren giftgefüllten Nesselzellen manchem Strandurlauber das Baden verleiden. Im Rahmen des sogenannten Ocean Days hält Cornelia Jaspers einen Vortrag über „das Evolutionspotenzial invasiver Arten und ihrer Mitbewohner“ – fachkundig, aber so locker und allgemein verständlich, dass auch Oberstufenschüler sie verstehen können.

Das Max-Planck-Institut (MPI) für Marine Mikrobiologie und die Universität Bremen haben Schülerinnen und Schüler aus Bremen, Bremerhaven und Niedersachsen dazu eingeladen, Meeresforschungsluft zu schnuppern. Fünf Vorträge geben ihnen Einblicke in die Arbeit von Einrichtungen, die in Norddeutschland aktiv Meeresforschung betreiben: Von der Polarstern-Expedition zum Westantarktischen Eisschild über Sandkörner als Siedlungsfläche für Mikroorganismen, die Unterseite der Meeressedimente bis zu einem Blick vom Land aufs Meer: Nils Moosdorf vom Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie (ZMT) in Bremen zeigte, dass durch die Luft, die Flüsse und auch das Grundwasser Abfälle und Schadstoffe in die Ozeane gelangen – längst sind die Meere zur großen Müllkippe der Menschheit geworden.

„Müll im Meer und der Klimawandel sind zwei der großen Themen, die Schüler interessieren, die zum Ocean Day kommen“, sagt Fanni Aspetsberger, Pressesprecherin am Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie. „Sie wollen aber auch erfahren, worin der Alltag eines Meeresforschers besteht“, erklärt Aspetsberger.

Cornelia Jaspers gibt einen Einblick: „13-mal im Jahr sind wir in die Ostsee hinausgefahren und haben Proben genommen“. Sie wollte wissen, warum die Meerwalnuss, eine Rippenqualle, zwar von Amerika aus seit etwa zehn Jahren Nordwesteuropa besiedelt, in der Ostsee hingegen weitgehend fehlt. Wissenschaft kann wie ein Krimi sein, wenn man herausfinden will, warum eine Art wie die Meerwalnuss an bestimmten Orten vorhanden ist, an anderen jedoch nicht. Denn diese Rippenqualle hat sich durch den globalisierten Schiffscontainerverkehr inzwischen über die gesamten Weltmeere ausgebreitet – eine invasive Spezies, die vor keinem Wasser zurückzuschrecken scheint. Extrem tolerant gegenüber Umweltschwankungen und bis zu 15 000 Eier am Tag legend, bedroht sie auch die sensiblen Organismen-Gemeinschaften in den Meeren. Wasser filtrierend frisst sie in ungeheuren Mengen kleine Lebewesen in sich hinein wie ein Staubsauger.

„Doch in der Ostsee kommt sie nicht vor. Im Labor setzten wir die Quallen verschiedenen Salzgehalten aus und stellten fest, dass sie das brackige Ostseewasser nicht verträgt“, sagt Cornelia Jaspers. Doch warum ist sie dann im Schwarzen und Kaspischen Meer verbreitet, wo der Salzgehalt ebenfalls gering ist? „Wir standen vor einem Rätsel“, berichtet die Meeresforscherin, „doch es zeigte sich, dass es zwei Unterpopulationen der Meerwalnuss gibt, und deren Anpassungsfähigkeit an die Umwelt wird entscheidend von Mikroorganismen bestimmt, die Quallen bevölkern.“ Jaspers beschreibt, wie sie die Vielfalt der Bakterien aus den Quallenkörpern isoliert und untersucht – Alltag im Labor, der mit viel Routinearbeit und Mühsal verbunden ist.

Mehr als 500 Schülerinnen und Schüler haben sich im Hörsaalgebäude der Universität eingefunden. Als Cornelia Jaspers am Ende ihres Vortrags fragt, wer Quallen jetzt spannender findet als vorher, gehen die Finger fast aller in die Höhe.

„Die Idee zum Ocean Day hat sich aus dem Darwin Day an der Kieler Uni entwickelt“, erklärt Isabell Harder, Transfer-Koordinatorin an der Universität Bremen. „Wir haben die Oberstufen aller Schulen in Bremen auf den Ocean Day aufmerksam gemacht, und innerhalb weniger Tage war die Veranstaltung ausgebucht.“ Meist sind ganze Klassen angerückt, doch auch einzelne Schüler, wie Jakobus (zwölf Jahre), der aus Stuttgart extra zum Ocean Day kam. „Die weite Fahrt hat sich auf jeden Fall gelohnt“, sagt er, der schon im letzten Jahr dabei war, als es um die Tiefsee ging. Seitdem ist er von dem geheimnisvollen Leben im Dunkel der Ozeane besonders fasziniert. Svenja aus der neunten Klasse der Freien Evangelischen Bekenntnisschule (FEBB) ist sich sicher, dass sie später Meeresforscherin werden will. Sie, wie auch Mareike aus der elften Klasse an der Oberschule am Leibnizplatz, haben am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven bereits über ein Praktikum in die Meeresforschung hineingeschnuppert.

Die Universität und angegliederte Institute wie das MPI versuchen, möglichst viele Schüler an Wissenschaften heranzuführen – mit Erfolg: „Im letzten Jahr haben mehr als 10 000 Schüler unsere Einrichtungen besucht“, sagt Harder. „Wir haben uns vor allem das forschende Lernen auf die Fahnen geschrieben, doch leider kommt das an den Schulen oft viel zu kurz. Um so wichtiger sind außerschulische Lernorte: Dort können Kinder und Jugendliche erfahren, wie spannend es ist, wenn man Wissenschaft hautnah erlebt.“

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