Harsche Kritik der Anwohner Doch ein Hochhaus im Viertel? Investor stellt Pläne vor

Hoch her ging es bei einer Diskussionsrunde der Bürgerinitiative „Kein Hochhaus im Viertel“. Der Investor verteidigte seine Neubaupläne, Architekt Gottfried Zantke und Anwohner übten harsche Kritik.
26.04.2019, 05:27
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Von Matthias Holthaus

Zu hoch, zu dicht, zu unpassend: Die geplanten Neubauten mitsamt einem weithin sichtbaren Hochhaus auf dem Gelände der früheren Landeszentralbank in der Kohlhökerstraße treibt die Anwohner weiter um. „Was ist eine zeitgemäße, maßstäbliche Bebauung?“, fragen sich nicht nur die zahlreich erschienenen Anwesenden im Saal der Freien Christengemeinschaft in der Heinrichstraße, sondern auch die Bürgerinitiative „Kein Hochhaus im Viertel“, die zu einer Diskussionsrunde geladen hat.

Auf dem Podium sitzen neben Moderatorin Sabine Hummerich von der Initiative auch Eberhard Syring vom Bremer Zentrum für Baukultur, der Architekt und Stadtplaner Gottfried Zantke, Chefreporter Jürgen Hinrichs vom WESER-KURIER sowie Frank Petersen, Geschäftsführer der „Evoreal GmbH“.

Die Evoreal möchte auf dem Areal um die 160 Wohneinheiten schaffen, was nicht nur die Bürgerinitiative kritisch sieht. „Alle reden über das Hochhaus, doch das viel wichtigere Kriterium ist die Dichte“, sagt Gottfried Zantke. „Dichte ist das Verhältnis von Geschossfläche zur Grundstücksgröße. Wenn ich das Gesamtgrundstück bebaue, ist das eine Geschossflächenzahl von 1,0, eine Zahl von 1,2 ist möglich.“ Evoreal plane jedoch eine Geschossflächenzahl (GFZ) von 2,3. Zwar habe Evoreal nach Einwänden gegen die Höhe des Hauses zwei Stockwerke weggenommen – „doch diese Geschosse kommen auf die anderen Häuser drauf.“ Zudem habe beim Architekturwettbewerb der Siegerentwurf gewonnen, der die Vorgaben am meisten verletzt habe.

Initiative spricht von Taschenspielertrick

Frank Petersen von der Evoreal erklärt, es seien verschiedene Kriterien definiert worden: „Unter anderem Wohnungsbau sowie eine Rückgewinnung des öffentlichen Raume. Und eine gewisse Dichte war auch gewollt, genauso wie eine Auflockerung zum Imre-Nagy-Weg. In der Konsequenz ist der Hochbau entstanden. Der Siegerentwurf hat am meisten den Außenbereich geöffnet, und er korrespondiert mit den beiden anderen Häusern, die dort stehen. In der Jury waren alle happy mit der Lösung.“ Die Initiative stelle das Ergebnis jedoch als Taschenspielertrick dar: „Doch das ist nicht so. Die Dichte ist mit der Stadt abgestimmt worden. 2,3 ist eine nicht ungewöhnliche Dichte für Städte.“

Eberhard Syring fragt jedoch: „Ist das angemessen? Man muss bedenken, dass das ein innerstädtisches Gebiet ist, das vor 30 Jahren Sanierungsgebiet war: Warum hält man sich nicht an die damals erfolgreichen Vorgaben? Da hätte man von vornherein die Bevölkerung einbinden müssen.“

Jürgen Hinrichs erinnert daran, dass im Rahmen der öffentlichen Beteiligung in der Jury auch Vertreter der Anwohner waren. „Auch im WESER-KURIER wurde mehrfach berichtet. Da gab es keine Reaktion, bis Anfang 2019 die Bürgerinitiative um die Ecke kam. Wie kam das, dass nach einem halben Jahr der Protest hochkommt?“ Eine Anwohnerin verweist auf den plötzlichen Tod eines Protestinitiators, eine andere erinnert an eine erste Infoveranstaltung zu Beginn und eine weitere am Ende des Jahres 2018. Erst danach sei die Idee zur Gründung einer Bürgerinitiative entstanden. Manchmal dauert es, doch nun ist Kraft dahinter.“ Gottfried Zantke stützt sich auf Angaben von Mitgliedern des Preisgerichts, wenn er sagt: „Alle Wettbewerbslösungen waren so schlecht, dass diese Hochhauslösung die einzige Lösung darstellte.“ Und er fügt hinzu: „Wenn Wohngebiete neu geplant werden, dürfen sie eine Wohndichte von 1,2 nur aus besonderen städtebaulichen Gründen überschreiten.“ Petersen widerspricht: „Es bedarf städtebaulicher Gründe, nicht ,besonderer´städtebauliche Gründe.“

Was die Stadt vor allem brauche, seien bezahlbare Wohnungen, sagt ein Mann aus dem Publikum, woraufhin Jürgen Hinrichs auf die Sozialbauquote von 25 Prozent hinweist. Petersen betont, die Quote werde eingehalten: "Der Wohnmix wird mit dem Sozialamt abgestimmt.“ Der anwesende Robert Bücking, Sprecher für Bau und Stadtentwicklung der Grünen, erklärt, die Evoreal erfülle die Vorgaben. Frank Petersen betont, die Evoreal hätte sich bemüht, Öffentlichkeit herzustellen: „Man kann uns nicht vorwerfen, durch die Hintertür ein Projekt durchzubringen.“ Vielmehr sehe er die Qualität des Entwurfs als sehr hoch an: „Dieser Entwurf schafft super-belichtete Wohnungen auch in den unteren Etagen.“ Zudem sei ein „schlechter Entwurf“ eine Geschmacksfrage.

Nur begrenzte Flächen

Bremen habe sich oft versündigt, moniert ein Anwohner: „Tenever hat eine GFZ von 1,8. Im Hochhaus sehe ich eine ungute Entwicklung, und ich fürchte, das ist der Beginn einer Bebauung der Innenräume und Innenhöfe. Die Diskussion um 25 Prozent Sozialwohnungen lenkt davon ab, welche städtebauliche Gefahr droht.“ Ein anderer Anwohner erwidert: „Wenn wir keine Hochhäuser wollen, werden wir in Bremen nicht weiterkommen, denn wir haben nur begrenzte Flächen. Wenn ich nur beschränkt Platz habe, muss ich in die Höhe bauen und nicht in die Breite. Hier steht ein Investor, der sagt, dass er 160 Wohnungen baut. Davon sind 40 Wohnungen, die 20 Jahre lang sozial gefördert sind.“

Der Vergleich des zu Anfang der 1970er-Jahre verhinderten Baus der Mozarttrasse wird auch an diesem Abend gezogen: „Ich will nicht, dass mein mühsam gerettetes Viertel wieder gerettet werden muss“, sagt Ingo Kramer, einer der Sprecher der Bürgerinitiative. „Ich will, dass unser Viertel so bleibt, wie es ist. Da passt kein Hochhaus rein. Über Verdichtung muss man sprechen, doch dort passen keine 170 Wohnungen hin.“ Und ein Anwohner aus der angrenzenden Salvador-Allende-Straße fragt: „Wie soll das funktionieren, tagtäglich 160 Baufahrzeuge durch die Straße? Muss sie vorher asphaltiert werden?“

Petersen wirft ein, das Hochhaus werde drei Meter höher sein als der Bestandsbau. „Sie vergleichen das Haus mit Bürogebäuden, das ist unzulässig“, wirft daraufhin ein Anwohner ein. Robert Bücking sieht den jetzigen Entwurf als zu hoch an: „Meine Meinung: Drei Stockwerke runtergehen, dann ist es genauso hoch. Und diese drei Stockwerke sollten nicht auf die Etagen der geplanten Häuser an der Kohlhökerstraße draufgesetzt werden.“

Für eine Anwohnerin steht indes fest, dass die Stadt verschandelt wird. „Diese fürchterliche Renaissance der Hochhäuser. Es ist durch die Verwirbelungen keine angenehme Atmosphäre, die Winde werden den entstehenden Raum noch unangenehmer machen.“ Und Eberhard Syring sagt: „Man sollte die Hochhausdebatte im großen Kreis weiterführen. Das ist eine große Zukunftsmaßgabe.“

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