Gastro-Mitarbeiter helfen bei Ernte Spargel sortieren statt Wein servieren

Dem Bremer Spargelbauern Hajo Kaemena helfen Mitarbeiter aus der Gastronomie bei der Ernte. Doch ohne die eingereisten polnischen Kräfte geht es nicht - vor allem, wenn jetzt die Erdbeerernte startet.
16.05.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Spargel sortieren statt Wein servieren
Von Florian Schwiegershausen

Es ist 14.30 Uhr. Susanne Pinkenburg und Stefanie Liesemann sortieren Spargelstangen, die über ein grünes Laufband kommen. Der polnische Erntehelfer Kamil legt ständig nach. Die Frauen legen das frisch gestochene und gewaschene Gemüse entsprechend nach Länge und Form in rote Körbe. So helfen sie Bremens einzigem Spargelbauern Hajo Kaemena in Oberneuland bei der Ernte. Der Landwirt sagt: „Das Sortieren erfordert ein gutes Auge, und man muss ein eingespieltes Team sein.“

Normalerweise arbeiten sie im Friesenhof in der Bremer Innenstadt. Pinkenburg ist Restaurantleiterin, Liesemann ist als gelernte Hotelfachfrau im Service tätig. Als sie im März in Kurzarbeit gehen mussten, suchten sie nach einem Job, um ihr Geld aufzustocken und fragten bei Kaemena. Der Landwirt musste damals darum fürchten, ob denn seine eingespielten Erntehelfer aus Polen einreisen dürfen. Ohne dass Kaemena großartig aufgerufen hatte, meldeten sich pausenlos am Telefon und per E-Mail die Menschen aus dem Umkreis, ob sie ihm stattdessen bei der Ernte helfen können. „Ich habe bestimmt mehr als 400 Anfragen erhalten“, sagt Kaemena und schrieb damals auf seiner Facebook-Seite: „So eine Unterstützung zu erfahren, tut gut.“ Allerdings hatten es damals zwei von Kaemenas polnischen Erntehelfern noch rechtzeitig über die Grenze geschafft, bevor die geschlossen wurde.

Rücken bereitete Probleme

Nun ist es Mitte Mai und die Spargelernte hat in etwa Halbzeit. Von den 400 Anfragen an Bremer Helfern blieb Kaemena am Ende ein Team von sechs bis sieben Personen, unter denen einige Studenten waren. Bei vielen anderen sei auch der Wille und das Herz dagewesen, aber irgendwann habe bei ihnen dann doch der Rücken rebelliert. „Es ist eine harte Arbeit bei Wind und Wetter, und auch wer gut durchtrainiert ist, dem geht es beim Spargelstechen auf den Rücken“, stellt der Landwirt fest. Einige hatten sich auch nicht mit dem Gedanken beschäftigt, dass der Spargel ja auch an Sonntagen wächst und gestochen werden muss. Mit denen, die dabei blieben, weitete Kaemena das Pensum langsam von vier Stunden auf mehr Stunden aus.

Inzwischen sind Kaemenas zehn eingespielte polnische Erntehelfer da. Weil Polen im Gegensatz zu Bulgarien und Rumänien ein Schengenland ist, brauchten sie für die Einreise nur eine Bescheinigung vom Arbeitgeber. So habe sich Kaemena von seinem Team der glorreichen sieben Bremer Spargelstecher verabschiedet, denen er dankbar sei. Es sei eine Entscheidung aus pragmatischen Gründen gewesen: „Bald geht die Erdbeerernte los, und meine polnischen Mitarbeiter sagen, dass das nochmals anstrengender ist als die Spargelernte, weil man sich da noch mehr auf den Boden bücken muss.“ Die zehn Helfer arbeiten zehn Stunden pro Tag und bekommen demnächst für die Erdbeeren Unterstützung von acht weiteren Landsleuten.

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Kaemenas achten auf Einhaltung der Hygieneauflagen. Schilder auf Polnisch erinnern unter anderem daran, die Hände zu waschen. Statt zwei Personen in einem Wohncontainer sei nur eine erlaubt. Wer neu ankommt, bleibt zwei Wochen in Quarantäne. Während dieser Zeit dürfen sie aber vom Hof zur Arbeit auf die nahe gelegenen Felder. Kaemenas Ehefrau Bea sagt, dass die Auflagen manche Besonderheiten haben: „Von einem Helfer kam ein paar Tage später die Ehefrau nach. Beide mussten die zwei Wochen Quarantäne getrennt voneinander verbringen. Nach der Quarantäne bleibt es dabei, dass pro Wohncontainer nur eine Person erlaubt ist.“ Der Markt an Wohncontainern sei leergefegt. Kaemena hatte bei der Stadt nach den nicht genutzten Containern aus Flüchtlingsunterkünften gefragt. Doch die seien wohl weg. Nun ist der Landwirt mit einer nahe gelegenen Monteurspension im Gespräch. Das werde sich schon irgendwie regeln. Viel lieber wäre es Kaemena, wenn es endlich mehr regnen würde nach den letzten beiden Dürre-Sommern.

Viele Anfragen von Personen aus dem Umkreis

Mit den Helfern aus Polen hat es ebenso beim Spargelhof Schloh in Hellwege bei Posthausen geklappt. Der Betrieb erntet auf 70 Hektar Spargel und hat 13 Verkaufsstände. Anfangs habe die Zurückhaltung der polnischen Helfer an den Berichten dort im Staatsfernsehen gelegen, erinnert sich Friederike Schloh: „Zu Beginn waren bei uns zwei polnische Helfer. Die haben dann daheim angerufen und gesagt, dass es nicht so schlimm ist, wie im TV berichtet. Dann sind die anderen nachgekommen.“ Schlohs hatten ebenso zahlreiche Anfragen von Personen aus dem Umkreis erhalten. Die sind als Fahrer tätig und arbeiten in den Verkaufsständen. Ebenso achten Schlohs auf die Corona-Auflagen: „Wir kaufen in diesem Jahr auch für unsere Helfer ein.“ Allerdings zeigt sich bei ihnen, wie unterschiedlich die Vorgaben sind: „Das Gesundheitsamt Rotenburg/Wümme erlaubt uns zwei Personen pro Wohncontainer.“ Aber Schlohs anfängliche Befürchtungen seien nicht eingetreten.

Der Vorstandssprecher von Niedersachsens Vereinigung der Spargel- und Beerenanbauer, Fred Eickhorst, dankt der Bevölkerung, dass sie bei der Ernte eingesprungen sind: „Viele haben damit ihr Kurzarbeitergeld aufgestockt.“ Für die Landwirte bedeutete das auch mehr Organisation: Diese Helfer stehen eben nicht den ganzen Tag zur Verfügung und mussten eingearbeitet werden. Nun hört Eickhorst, dass einige Helfer aus der Gastronomie in ihre Betriebe zurückkehren sollen. Er sieht es zum Schluss als großen Gewinn an: „Die Bevölkerung hat sich mehr Gedanken gemacht, wo und wie unsere Lebensmittel aus der Region herkommen.“ Wenn die Menschen in Zukunft auch mehr Produkte aus der Region kaufen, sei das auch ein Gewinn für alle.

Susanne Pinkenburg und Stefanie Liesemann haben durch ihren Job bei Kaemena nun eine andere Beziehung zum Spargel bekommen. Zwar soll es nun im Friesenhof wieder losgehen, aber sie wollen weiter bis Ernteende Spargel sortieren. Das wäre bis zum Johannistag am 24. Juni. Oder wie eine alte Bauernregel sagt: „Kirschen rot, Spargel tot.“

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