Ganzheitliche Gesundheitsförderung Das Wohl der Kinder ist der Auftrag

Seit zwei Jahren arbeitet Maria Zywica als Gesundheitsfachkraft in der Grundschule Ellenerbrokweg in Bremen-Osterholz und in der Grundschule Paul-Singer-Straße in der Vahr.
23.02.2020, 23:50
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Das Wohl der Kinder ist der Auftrag
Von Christian Hasemann

„Meine Klasse und ich schmieren freiwillig Brötchen und machen Gemüse-Spieße“, erzählt Elias. Der Viertklässler mit den dunklen, kurzen Haaren sitzt wie seine Klassenkameraden in einem kleinen Raum mit Küchenzeile in der Grundschule Ellenerbrokweg und bereitet als einer der „Großen“ gesundes Frühstück für seine Mitschülerinnen und Mitschüler vor. Gleich in der Mittagspause werden diese vor dem Verkaufstresen Schlange stehen. Das Frühstücksprojekt ist Teil der Arbeit von Maria Zywica, seit zwei Jahren Gesundheitsfachkraft an zwei Schulen im Bremer Osten. In einem Jahr endet das bundesweit beachtete Projekt.

Aus Maria Zywica spricht die Überzeugung, wenn man sie fragt, warum sie sich vor knapp zweieinhalb Jahren entschieden hat, noch einmal den Arbeitsplatz zu wechseln und Gesundheitsfachkraft für die Schulen Paul-Singer-Straße in der Vahr und Ellenerbrokweg in Osterholz zu werden: „Ich liebe es, mit Kindern zu arbeiten“, sagt sie dann. Und: „Sie haben so viel Potenzial, man braucht ihnen nur etwas unter die Arme zu greifen“, sagt die Frau mit der zugewandten, eher leisen Art. Eine Investition, die sich lohne, „weil sie noch ihr ganzes Leben vor sich haben“.

Erfahrung bringt Maria Zywica reichlich mit. Sie ist ausgebildete Kinderkrankenschwester, hat 17 Jahre auf der psychiatrischen Station im Klinikum Bremen-Ost gearbeitet, wechselte später zum Gesundheitsamt, arbeitete in der Drogenberatung und studierte in der Zeit Soziale Arbeit an der Hochschule Bremen. Darauf folgte eine Tätigkeit als Familienhebamme. Sie betreute Familien, die bei der Erziehung und Pflege ihrer Kinder Unterstützung brauchten. Dass ein Schwerpunkt ihrer Arbeit auf der seelischen Gesundheit der Kinder liegt, lässt sich wohl auch auf diese Berufslaufbahn zurückführen.

Ein gesundes Frühstück ist vielleicht ein guter Start in den Tag, aber viele Kinder haben größere Anliegen auf dem Herzen. Das jedenfalls hat Maria Zywica beobachtet. „Die bringen zum Teil ganz große Sorgen mit, große Probleme.“ Das manifestiere sich zum Beispiel in Ärger und Streit auf dem Schulhof. „Wir stellen fest, dass wir sehr bedürftige Kinder haben, die gerne in den Arm genommen werden wollen, von jemanden, der für sie da ist“, sagt Zywica.

Zu ihren Aufgaben gehört auch die Einzelberatung von Kindern und Eltern. „Da geht es zum Beispiel um Trauerarbeit.“ Sie erzählt von einem Kind, dessen Leistungen sich verschlechtert hatten, das die Schule schwänzte. Es kam heraus: Die Mutter war gestorben. „Und das Mädchen musste sehr erwachsen sein, sehr verantwortungsbewusst. Bei mir durfte sie ganz Kind sein.“

Es geht bei den Gesundheitsfachkräften also um weit mehr, als die richtige Ernährung und die Bewegung an der frischen Luft. Seit Kurzem bietet Zywica ein Entspannungsangebot in den letzten Stunden an. „Gerade da ist die Luft bei den Kindern raus“, sagt sie. Die Folge: Unkonzentriertheit, Ärger im Klassenraum. In kleinen Gruppen von sechs Schülern macht sie Entspannungsübungen mit den Kindern, lässt sie auf Matten liegen. „Und ich erzähle ihnen zum Beispiel eine Geschichte oder wir machen Traumreisen.“ Maria Zywicas Erfahrung ist, dass auch unruhige Kinder dann zur Ruhe kämen und andere sich in der Umgebung öffnen können und Sorgen und Nöte ansprächen.

Jeden Donnerstag und Freitag bietet die Gesundheitsfachkraft eine offene Beratungsstunde in der Grundschule Ellenerbrokweg an, dazu kommt noch eine offene Beratung für Eltern. Angebote, die rege angenommen würden, bestätigen Zywica und Schulleiterin Gudrun Bleeker. „Viele Kinder kommen mit ihren Müttern und haben Fragen zur Ernährung“, sagt Zywica.

Ein Thema sei häufig das Übergewicht. „Da geht es dann darum, herauszufinden, was die Kinder gerne mögen und ihnen Wege zu zeigen, was sie ändern können und wie sie mitbestimmen können, was auf den Tisch kommt.“ Übergewichtige Kinder schämten sich häufig sehr. „Deswegen ist oberste Priorität, sie zu schützen“, sagt Zywica. Sie setzt auf sanfte Unterstützung. „Ich würde niemals ein Kind unter Druck setzen“, betont sie.

Für die Kinder, Eltern und Lehrer sei es erst mal eine neue Situation gewesen, als Maria Zywica ihre Stelle an der Grundschule antrat, erzählt Schulleiterin Gudrun Bleeker. „Die Eltern mussten erst mal sensibilisiert werden und das Angebot annehmen. Je länger das Projekt läuft, desto mehr wird angestoßen. Es kommt jetzt richtig in Fahrt“, sagt Bleeker.

Allerdings: Das Projekt ist vorerst auf drei Jahre begrenzt, zwei davon sind herum. Über eine dauerhafte Finanzierung wird derzeit auf Senatsebene gesprochen, sie ist abhängig vom Bremer Haushalt. Zurück geht das Projekt auf das 2015 beschlossene Präventionsgesetz (siehe Bericht unten).

Auf Maria Zywicas Lehrplan der Gesundheitsförderung stehen auch Projekte zur Hygiene und zur Körperpflege und der Umgang mit Medien. Aber sie stößt auch an ihre Grenzen: zwei Schulen, zwei Stadtteile, das Gesundheitsamt, die Schulbehörde, die Netzwerke in den Quartieren – alles muss unter einem Hut gebracht werden. „Die Stadtteilarbeit musste ich etwas reduzieren, weil es nicht mehr zu schaffen war“, erklärt Zywica bedauernd.

Unterdessen haben Elias und andere Fleißige die Brötchen fertig geschmiert, haben die Spieße auf Tabletts gestapelt und Fruchttüten zusammengestellt. Bei Elias wird auch daheim gesund gefrühstückt. „Zuhause kauft mein Vater Gemüse und Obst ein und meine Mutter macht gesundes Brot.“ Lilli ist zehn Jahre alt, ihre große Leidenschaft ist der Sport. „Ich bin beim Hood-Training, gehe zum Schwimmen und übe mit meinem Vater Basketball“, sagt das Mädchen mit lebhaften Augen. Nach der Frühstücksvorbereitung haben die Kinder aus der vierten Klasse nun aber erst mal Pause.

Vor dem Verkaufstresen bildet sich dann eine lange Schlange. Mädchen und Jungen stehen mit pinkfarbenen und blauen Brotdosen an, kaufen sich Brötchen, Spieße, Bananen und Tüten mit frischem Obst. Ein Erstklässler im blauen Sweatshirt will sich einen Spieß mit Tomaten, Gurken und Paprika kaufen. Etwas unsicher und dann mit Unterstützung seines Lehrers zählt er die Münzen passend ab, bis es stimmt. Dann reckt er die Hände vor Freude in die Luft.

Info

Zur Sache

Mit dem Präventionsgesetz, das 2015 verabschiedet wurde, verfolgt die Bundesregierung das Ziel, die Zusammenarbeit der Kommunen und der Sozialversicherungsträger im Bereich der Gesundheitsförderung zu verbessern. Besonderer Schwerpunkt soll auf den Bereichen Kitas, Schulen, Kommunen und Pflegeeinrichtungen liegen.

In Bremen wird das Projekt Pflegefachkräfte in Schulen zur Hälfte aus dem Ressort von Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke) finanziert. Die andere Hälfte steuern die Krankenkassen bei. Insgesamt stehen für die drei Jahre des Projekts 1,2 Millionen Euro zur Verfügung. „1,2 Millionen Euro, das ist eine immense Summe für ein Haushaltsnotlageland“, sagt Gesa Wessolwoski-Müller, Verantwortliche im Gesundheitsressort. Bundesweit sei das Projekt aber ein „Leuchtturmprojekt“. „Weil es das erste Projekt aus den Präventionsmitteln ist.“

Zur Etablierung der Gesundheitsfachkräfte sagt Wessolwoski-Müller: „Bei den Kindern und den Erwachsenen ist immer weniger Hauswissen zum Thema Gesundheit vorhanden und wir haben viele Kinder, die zum Beispiel ohne Frühstück zur Schule kommen.“ Daten aus den Schuleingangsuntersuchungen hätten außerdem ergeben, dass immer weniger Kinder schwimmen könnten, eine wenig ausgeprägte Motorik besäßen und zum Teil übergewichtig seien. Insgesamt sei nur noch wenig Wissen über Gesundheitsförderung vorhanden.

In der Folge wurde anhand der Schuleingangsuntersuchung eine Rangfolge besonders bedürftiger Schulen erstellt. Insgesamt zwölf Grundschulen in Bremen und Bremerhaven bekamen in der Folge eine Gesundheitsfachkraft zugeteilt.

Die Koordinierung und Antragstellung übernahm die Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen und die Landesvereinigung für Gesundheit Bremen in Kooperation mit dem Gesundheitsamt Bremen.

Über eine Fortführung muss der Senat entscheiden. „Es wird als wesentliches Vorhaben für die Schaffung von Chancengleichheit gesehen, deswegen ist das Projekt im Haushalt für eine Verstetigung angemeldet“, sagt Wessolwoski-Müller.

Unterdessen wird an einer Evaluation, also einer Auswertung des Projekts gearbeitet, sagt Dirk Gansefort von der Landesvereinigung Gesundheit. Bei Kindern, Eltern, den Schulen und den Pflegekräften setze die Evaluation an. „Bei den Kindern geht es vor allem darum, ob sich das Wissen verändert hat“, erklärt Gansefort. Die Eltern bekämen Fragebögen, ob und wie sie beraten worden seien, was sie verändert hätten und ob die Kinder Informationen mit nach Hause gebracht hätten. „Die Zwischenergebnisse sind gut“, sagt Gansefort. Es gebe eine hohe Akzeptanz und Interesse bei den Schulen und den Eltern.

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