Schmelztiegel der Nationen Flüchtlingshilfe wird zu Neubürgerhilfe

In der Vahr gibt es weiter einen hohen Bedarf an Integrationsprojekten. Die Zuwanderung in den Stadtteil ist nach wie vor hoch.
19.01.2020, 22:30
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Flüchtlingshilfe wird zu Neubürgerhilfe
Von Christian Hasemann

Vahr. Statt Sprint nun Marathon – so in etwa lässt sich der Wandel in der Flüchtlingshilfe in der Vahr beschreiben. Ging es 2015/2016 noch darum, Flüchtlingen aus Kriegsgebieten kurzfristig und mit großer Kraftanstrengung ein Dach über den Kopf zu geben und sie mit dem Nötigsten zu versorgen, geht es nun darum, einen langen Atem zu haben. Als zentraler Punkt gilt dabei die Versorgung mit – derzeit nicht ausreichenden – Betreuungsplätzen in der Vahr.

Zentraler Anlaufpunkt für Neubürger im Stadtteil ist das Büro von Dorit Andrea Lamprecht im Familien- und Quartierszentrum (FQZ) in der August-Bebel-Allee. Ankommen im Quartier – so heißen die acht Beratungsstellen, die sich an geflüchtete Menschen richten, die eigenen Wohnraum gefunden haben. Im Bremer Südosten gibt es neben dem im FQZ noch Büros im Schweizer Viertel und in Hemelingen.

Auch wenn die Flüchtlingszahlen insgesamt zurückgegangen sind, bedeutet das für Lamprecht nicht weniger Arbeit. „Das Angebot wird immer noch rege genutzt.“ Denn erstens kämen immer noch viele Neubürger nach Bremen und zweitens gebe es immer noch großen Beratungsbedarf bei denjenigen, die schon länger in der Vahr wohnten. „Es geht viel um die Unterbringung von Kindern“, nennt Lamprecht einen Schwerpunkt der Beratung. „Viele Frauen, die mit dem Familiennachzug gekommen sind, schauen, was sie für sich selbst machen können, um die Sprache zu lernen und sich zu integrieren.“ Für Sprachkurse und Qualifikation aber brauchen die Frauen Betreuungsangebote für ihre Kinder. „Und da können wir leider oft nicht weiterhelfen.“ Krippe und Kita seien aber auch für die Kinder enorm wichtig, sagt Lamprecht. „Die Sozialisation und das Erlernen der Sprache müssten möglichst schon in der Krabbelgruppe geschehen“, sagt Lamprecht.

Weiterhin hoher Bedarf herrscht auch an den Schulen in der Vahr. Nach wie vor kämen insbesondere durch EU- und Fachkräftezuwanderung, Familienzusammenführungen und Zuwanderung aus Drittstaaten viele Menschen nach Bremen, heißt es aus der Bildungsbehörde von Senatorin Claudia Bogedan (SPD) auf Nachfrage. Einen Bedarf an Übergangswohnheimen gibt es in der Vahr dagegen nicht mehr. Die Einrichtung in der Bardowickstraße hat schon 2018 geschlossen, obwohl ursprünglich eine Nutzung bis 2020 geplant war.

Die Vahr gilt aufgrund der vergleichsweise niedrigen Mieten für Zuwanderer als besonders attraktiv. Zusätzlich hat die Gewoba einen Teil von frei werdenden Wohnungen für Flüchtlinge aus Übergangswohnheimen bereitgestellt. Nach Angaben des Wohnungsbauunternehmens seien dies von 2013 bis Ende 2019 594 Wohnungen gewesen, die inzwischen allerdings neu vermietet sein können.

Der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund liegt laut Statistischem Landesamt 2018 bei 53,8 Prozent in der Vahr (Bremen: 37,8 Prozent), bei den unter Achtzehnjährigen bei 75,4 Prozent (Bremen: 58,9 Prozent). Die Kinder „erben“ in der Statistik allerdings die Bezeichnung „Migrationshintergrund“, wenn mindestens ein Elternteil dieses Merkmal aufwies. Das heißt: Auch in Bremen geborene Kinder, deren Eltern vielleicht schon Jahrzehnte in Deutschland leben, werden in der Statistik mit Migrationshintergrund erfasst.

2019 sind nach Angaben des Ressorts durchschnittlich 90 schulpflichtige Kinder und Jugendliche in Bremen angekommen. Diese werden in sogenannten Vorkursen auf den Schulbesuch vorbereitet. In den Grundschulen Witzlebenstraße und der Grundschule Vahr gibt es je einen Vorkurs für zehn Schülerinnen und Schüler. Die Kurse dauern in der Regel sechs Monate und haben einen Umfang von 20 Stunden in der Woche. Parallel werden die Kinder in der zukünftigen Regelklasse unterrichtet.

Ähnliches gilt für die beiden Oberschulen. Dort werden zwischen 15 und 20 Schüler in den Vorkursen aufgenommen, die bis zu zwölf Monate dauern. Nach Angaben des Bildungsressorts sind die Vorkurse in den Grundschulen voll, eine Ausweitung sei in Planung. Die Auslastung in den Oberschulen liege bei 77 Prozent.

Integrationsarbeit ist vonnöten in der Vahr. Für Andrea Lamprecht bedeutet dies viel Beratungsarbeit, gerade bei Behördenbriefen. „Jobcenter, GEZ, aber auch Abofallen – solche Fragestellungen kommen sehr viel“, sagt Lamprecht. Auch wenn die Deutschkenntnisse oft schon gut seien, sei es schwer für die Menschen, sich zurechtzufinden. „Es gibt das große Bemühen alles zu verstehen, aber die Menschen sind froh, dass es noch jemanden gibt, den sie fragen können.“

Lamprecht spricht dennoch davon, dass etwas Ruhe eingekehrt sei. „Die Menschen sind angekommen“, sagt sie. Eine große Frage sei nun, wie sie in Arbeit kommen. Sollten die Deutschkenntnisse noch nicht für den ersten Arbeitsmarkt ausreichen, dann gebe es in der Vahr verschiedene geförderte Stellen. Aber gerade für Mütter stellt sich dabei immer die Frage nach einer Kinderbetreuung.

Ein wachsendes Thema ist der Umgang mit traumatischen Erlebnissen. Lamprecht glaubt, dass diese zukünftig deutlicher an die Oberfläche treten werden. „Wir haben in den Sprachcafés in Kleingruppen Zugang und berühren das Thema vorsichtig, um dahinter zu kommen, ob jemand zusätzliche Unterstützung braucht.“ Als Beispiel nennt sie das Erzählcafé, in dem deutsche Senioren, die im Zweiten Weltkrieg selbst Krieg und Flucht erlebt haben, sich mit Kriegsflüchtlingen ausgetauscht haben. „Das wäre so ein Angebot, wo man behutsam das Thema anspricht.“

Weitere Angebote speziell für Flüchtlingen seien in der Vahr derzeit nicht geplant. „Im Moment gibt es genügend spezifische Angebote“, sagt Lamprecht. Stattdessen startet am 22. Januar ein integratives Gesundheitsprojekt für alle Bewohner der Vahr.

Ortsamtsleiterin Karin Mathes sieht die Integrationsarbeit „weitgehend auf die richtigen Schienen gesetzt.“ Auch das Ortsamt selbst versucht sich in der Integrationsarbeit: „Wir machen hier vor Ort Demokratiebildung mit dem Schwerpunkt Ortsteilpolitik.“

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