Situation im Frauenhaus Bremen-Nord

„Es gibt keinen Plan B“

Susanne Eilers spricht im Interview über die Arbeit im Frauenhaus Bremen-Nord vor dem Hintergrund der Corona-Krise.
19.04.2020, 21:50
Lesedauer: 2 Min
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„Es gibt keinen Plan B“
Von Kim Torster
Frau Eilers, im Ausland kam es mit den Einschränkungen des öffentlichen Lebens aufgrund des Coronavirus zu mehr Fällen von häuslicher Gewalt. Haben Sie aktuell den Eindruck, dass es sich hierzulande auch so verhält?

Susanne Eilers: Ich kenne die Zahlen. Insbesondere in China sind die Fälle exorbitant gestiegen. Wir haben allerdings nicht mehr Anfragen als sonst.

Überrascht Sie das?

Ja, und nicht nur mich. Alle gehen davon aus, dass die Frauenhäuser jetzt besonders viele Anfragen bekommen. Wir warten schon fast auf den Tag, an dem es losgeht. Aber der ist bisher nicht eingetreten. Und da bin ich sehr glücklich drüber.

Wie hat sich Ihr beruflicher Alltag durch Covid-19 verändert?

Zunächst arbeiten wir zurzeit so gut es geht kontaktlos. Das bedeutet, wir machen zum Beispiel gar keine Außengespräche mehr. Normalerweise finden recht viele Beratungsgespräche außerhalb unseres Hauses statt. Es gibt viele Frauen, die gar nicht zu uns ins Haus wollen, sondern die sich beispielsweise beraten lassen möchten, wie sie eine Trennung durchführen können, welche Rechte sie haben und so weiter. Dann treffen wir uns mit diesen Frauen und beraten sie persönlich. Und das geht zurzeit natürlich nicht.

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Gibt es eine Alternative dazu?

Ja, natürlich. Wir führen die Beratungsgespräche jetzt eben telefonisch. Das funktioniert auch, führt aber dazu, dass die Leitung hier auch mal eine Stunde lang besetzt ist. Unter normalen Umständen versuchen wir das zu vermeiden, falls uns Frauen anrufen möchten, die in einer Notsituation sind. Das ist tatsächlich unser größtes Problem.

Fallen bei den Beratungsgesprächen denn mehr Fragen an, die auf die Corona-Krise als Auslöser hindeuten?

Nein, das sind die gleichen Fragen wie immer. Ich denke ohnehin, dass auch vorher schon Probleme da gewesen sein müssen, die nun durch das Coronavirus vielleicht verstärkt werden könnten. Aber momentan merken wir das noch nicht.

Ist es in Bremen-Nord also friedlicher als woanders?

Nein, das denke ich nicht. Erst vergangene Woche habe ich mit den Verantwortlichen von den Frauenhäusern in Bremen-Stadt gesprochen und die sagen das Gleiche: Es gibt nicht mehr Anfragen als sonst. Und die sind ebenso verwundert.

Schon vor einigen Tagen hat die Landesregierung über alternative Unterbringungen für Frauen gesprochen, die aufgrund der Corona-Krise in den Frauenhäusern keinen Platz mehr finden. Könnten Sie die Plätze denn überhaupt gebrauchen?

Ja, sehr gut sogar. Auch wenn wir jetzt nicht mehr Not haben als sonst, waren die Plätze immer schon sehr begrenzt. Wenn ich mehr zu bieten habe, kann ich mehr Hilfsangebote machen und mehr Frauen aufnehmen. Unser Haus ist aktuell voll und ich weiß, dass es bei den anderen Frauenhäusern nicht besser aussieht. Und das geht schon so seit zwei oder drei Jahren. Hin und wieder haben wir mal ein Zimmer frei, aber das ist dann auch ruckzuck wieder belegt.

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Was passiert denn, wenn sich eine Ihrer Frauen mit dem Coronavirus infiziert?

Das wäre der Super-Gau. Küchen und Badezimmer werden gemeinsam benutzt und hier sind auch einige Kinder. Es gibt kein Ausweichquartier, keinen Plan B. Ich hoffe einfach, dass wir glimpflich davonkommen. Hier sind alle sehr vorsichtig und unterstützen sich gegenseitig. Das ist wirklich toll, ich bin sehr stolz darauf, wie gut unsere Frauen zusammenhalten.

Das Interview führte Kim Torster.

Info

Zur Person

Susanne Eilers arbeitet seit 18 Jahren im Autonomen Frauenhaus Bremen-Nord. Die Sozialpädagogin berät und betreut dort derzeit acht Frauen und ihre Kinder.

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