LG Bremen-Nord

Virtueller Silvesterlauf als Alternative

Gabriele Rost-Brasholz von der LG Bremen-Nord bestreitet erstmals virtuell den Burginsel-Silvesterlauf des LC 93 Delmenhorst.
30.12.2020, 13:30
Lesedauer: 6 Min
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Von Karsten Hollmann

In diesem Jahr ist wegen der Corona-Pandemie alles anders. Da macht auch das Jahresende keine Ausnahme. Während sich die Veranstalter ansonsten mit der Austragung von Silvesterläufen gegenseitig überboten, bleibt nun nur noch die virtuelle Ausführung eines Laufes übrig.

Darauf greift auch erstmals Gabriele Rost-Brasholz von der LG Bremen-Nord zurück. Diese bestreitet also an diesem Donnerstag virtuell den Burginsel-Silvesterlauf des LC 93 Delmenhorst.

Zu welcher Uhrzeit der Lauf absolviert wird, ist nicht maßgeblich. Nur die Streckenlänge muss stimmen – dafür sorgt das GPS. „Wenn meine Uhr piepst, weiß ich, dass ich 10,0 Kilometer gelaufen bin“, verrät Rost-Brasholz. Jeder Teilnehmer stoppt selbst seine Zeit und übermittelt diese anschließend über das Internet an den Veranstalter. „Weil ich selbst digital nicht so bewandert bin, werde ich wohl einen Nachbars-Jungen darum bitten, mir dabei zu helfen, die gelaufene Zeit erfassen zu lassen“, teilt die 74-Jährige mit. Sie hat zwar bereits zwei virtuelle Läufe in diesem Jahr bestritten, sich aber nicht offiziell angemeldet.

„Ich wollte einfach nur für mich, zehn Kilometer schnell laufen“, versichert Gabriele Rost-Brasholz. Dabei habe sie einmal sogar eine für sie hervorragende Zeit von 53:25 Minuten erreicht. Für den heutigen Lauf wäre sie auch schon mit einer zwei bis drei Minuten langsameren Zeit einverstanden. Für die Absolvierung der zehn Kilometer hat sich die in Schierbrok, einem Ortsteil von Ganderkesee bei Delmenhorst lebende Sportlerin eine Strecke von fünf Kilometern von Bookholzberg in Richtung Drei-Mädel-Haus in Lemwerder ausgesucht.

„Dort gibt es kaum Verkehr“, nennt Rost-Brasholz einen großen Vorteil der Strecke, auf der sie hin und zurück auf ihre zehn Kilometer kommen wird. Den Laufbeginn macht sie auch ein wenig vom Wetter abhängig. „Ich möchte natürlich gerne dem Regen ausweichen“, meint die pensionierte Englisch- und Sportlehrerin – sie bevorzuge aber generell den Vormittag.

In den vergangenen Jahren hatte sich Gabriele Rost-Brasholz meist an den Silvester-Läufen in Fahrenhorst, Stuhr oder in Bremerhaven beteiligt. In diesem Jahr lief alles auf den traditionellen Lauf in Fahrenhorst hinaus. „Bis vor vier Wochen hatten wir auch noch die Hoffnung, dass dieser stattfindet“, sagt Gabriele Rost-Brasholz. Doch dann wurde der Lauf auf den 31. Januar verschoben. „Ich bezweifle aber, dass es dann schon klappen wird“, erklärt die topfitte Pensionärin. Der Lauf in Fahrenhorst, der einem Cross-Lauf ähnele, sei jedoch schon alleine wegen der krummen Streckenlängen nicht für Bestzeiten geeignet.

Nach einem bärenstarken Jahr 2019 hätte auch dieses Jahr ein sehr erfolgreiches für Gabriele Rost-Brasholz werden können. Doch sowohl der für Ende März geplante Wettbewerb in Portugal als auch die Weltmeisterschaften im Sommer in Kanada fielen der Corona-Krise zum Opfer. Bei der WM hätte sie wohl auch ein Fernsehteam der ARD begleitet.

„Zum Glück habe ich anders als viele andere Läufer meine Reisekosten komplett zurückerstattet bekommen“, informiert die 74-Jährige. Dazu hatte Rost-Brasholz sich auch noch für einen Lauf auf der portugiesischen Insel Madeira angemeldet. Dieser wurde aus dem April auf Ende Oktober verlegt und fand dann auch tatsächlich statt. „Zu der Zeit hätte ich aber privat auf Rhodos sein sollen“, teilt die Athletin mit. Doch wenngleich sich die private „Nicht-Lauf-Reise“ zerschlug, war die Anmeldefrist für den verschobenen Wettkampf auf Madeira bereits verstrichen.

„Da haben aber letztendlich auch nur ganz wenige Leute teilgenommen. Die einzelnen Altersklassen waren sehr schwach besetzt“, sagt Gabriele Rost-Brasholz. Ihr wäre auch das Einhalten der Corona-Auflagen zu aufwendig gewesen. So hätte ein negativer Corona-Test vorgezeigt werden müssen. Zudem wäre ein zwölfstündige Quarantäne im Hotel nach der Ankunft fällig gewesen.

Einen Lauf hat Rost-Brasholz in diesem Jahr dann aber doch trotz Corona absolviert. Sie nahm im Oktober am Lauf des TuS Eversten in Oldenburg teil. Dort wurden die Läufer vorher nach den etwa zu erwartenden Zielzeiten in verschiedene Gruppen eingeteilt. „Ich hatte immer mindestens drei Meter Abstand zu jedem anderen Teilnehmer“, informiert die Läuferin. Sowohl beim Start als auch beim Zieleinlauf war dabei eine Maske zu tragen.

„Ich habe meine Mund-Nase-Maske nach dem Start herunter genommen und mir an den Arm gehängt. Ich hätte diese nicht während der gesamten zehn Kilometer tragen wollen“, räumt Gabriele Rost-Brasholz ein. Nach dem Zieleinlauf sei es dann ganz schnell ohne soziale Kontakte auf die Heimfahrt gegangen. Mit der Laufzeit von 58:41 Minuten war sie trotz des ersten Platzes bei den Frauen W70 nicht unbedingt zufrieden.

Virtuelle Läufe gibt es mittlerweile zuhauf. „Eine Freundin von mir läuft praktisch jede Woche irgendwo virtuell“, lässt Gabriele Rost-Brasholz wissen. Sie sei auch schon einmal gefragt worden, wer denn dabei überhaupt überprüfe, dass man selbst den entsprechenden Lauf bestritten habe. „Natürlich könnte ich theoretisch auch meinen 30 Jahre jüngeren Nachbars-Jungen bitten, für mich zu laufen. Das wäre dann aber doch Selbstbetrug. Ich laufe doch für mich selbst“, gibt die ehemalige Lehrerin zu bedenken. Sie sei sehr froh, dass sie ihre Sportart in Zeiten des Corona-Lockdowns überhaupt noch ausüben könne.

„Die Kontakt-Sportarten müssen schließlich alle ruhen. Ich kann hingegen jederzeit an der frischen Luft laufen“, so Rost-Brasholz. Sie bedaure auch die Menschen, die beruflich mit Sport zu tun hätten oder Solo-Selbständige, die finanzielle Einbußen hinnehmen müssten. Auch Familien litten unter den Beschränkungen. „Da jammern wir Läufer trotz der vielen Ausfälle der Wettbewerbe doch auf hohem Niveau“, findet die passionierte Aktive.

Gabriele Rost-Brasholz kam mehr durch Zufall zum Laufen. „Ich habe meinen späteren Mann Manfred Brasholz bei der Physiotherapie kennengelernt. Der gründete damals gerade eine Laufgruppe“, berichtet Rost-Brasholz. Erst nach sechs Wochen sei sie in der Lage gewesen, gerade einmal 20 Minuten am Stück zu laufen. Während ihres ersten Marathons in Bremen hätte sie sich am liebsten vor Erschöpfung in den Graben gelegt und wäre nie wieder aufgestanden. „Ich blieb aber dabei und wurde immer schneller“, sagt die Schierbrokerin, die im Jahre 2000 vom LC Hansa Stuhr zur LG Bremen-Nord wechselte. „Hier bin ich gut versorgt. Der Verein zahlt Startgelder und Benzingeld, sowie kleine Zuschüsse für Unterkünfte“, freut sich die Ex-Pädagogin.

Bei ihrem dritten Platz bei der EM in Izmir im Jahre 2014 war es mit etwa 40 Grad derart heiß auf einer abgesperrten Autobahn, dass sie seither keinen Marathon mehr in Angriff nahm. Dass Gabriele Rost-Brasholz heutzutage nicht mehr Lehrerin ist, sieht diese als Vorteil: „Der Beruf hat sich sehr verändert. Wenn ich von ehemaligen Kolleginnen höre, was diese heute erleben, möchte ich keine Lehrerin mehr sein.“

42 Jahre nonstop in diesem Beruf hätten ohnehin an den Kräften gezehrt. Von morgen an rückt Gabriele Rost-Brasholz in die Altersklasse W75 auf. „Ich kann dann also ganz viele neue Landesrekorde aufstellen, sofern die Meisterschaften denn ausgetragen werden“, sagt die 74-Jährige, die im Mai 75 Jahre alt wird.

Ohne Wettbewerbe sei es aber schwer, sich zu pushen. „Man läuft alleine vor sich hin, ohne dass einem jemand sagt, dass man sich zusammenreißen solle“, so Rost-Brasholz. Alleine zu trainieren, sei sie aber gewohnt. Die WM in Finnland im Juli wurde bereits abgesagt – hier wollte Gabriele Rost-Brasholz eigentlich mehrere Läufe von 100 Metern bis hin zum Halbmarathon an mehreren Tagen absolvieren.

Info

Zur Person

Gabriele Rost-Brasholz (74)

ist seit 20 Jahren Mitglied bei der LG Bremen-Nord. Die pensionierte Lehrerin für Englisch und Sport wurde von ihrem späteren Ehemann Manfred Brasholz zum Laufen motiviert. Im Jahre 1987 absolvierte Rost-Brasholz beim Bremen Marathon nach nur zehn Monaten Lauftraining bereits ihren ersten Lauf über die 42,195 Kilometer. Gabriele Rost-Brasholz nimmt regelmäßig an internationalen Wettkämpfen teil. So gewann sie im Jahre 2014 im türkischen Izmir die Bronzemedaille über die Marathon-Distanz bei den Frauen W65. Beim Berliner Marathon bejubelte sie bei den Frauen W45 in 3:08 Stunden ihre Bestzeit über die 42,195 Kilometer. Ihr wohl erfolgreichstes Jahr feierte die frühere Pädagogin im Jahre 2019, als sie bei den Frauen W70 fünf Medaillen bei den Europameisterschaften im polnischen Torun und vier Medaillen bei den Weltmeisterschaften in Venedig einheimste. Insgesamt sprangen im vergangenen Jahr 21 Podestplätze und zahlreiche neue Bremer Landesrekorde in ihrer Altersklasse heraus. KH

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