Schule in Coronazeiten Schulleiterinnen schildern ihren Alltag

Vier Schulleiterinnen sprachen in der ersten, virtuellen Sitzung des Bildungsausschusses Beirates Östliche Vorstadt des neuen Jahres über ihre Sorgen und Nöte.
25.01.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Schulleiterinnen schildern ihren Alltag
Von Sigrid Schuer

Hochachtung und Wertschätzung zollten die Mitglieder des Fachausschusses Bildung, Kinder und Jugend des Beirates Östliche Vorstadt den vier Schulleiterinnen, die sich in die erste, virtuelle Ausschuss-Sitzung des neuen Jahres zugeschaltet hatten. Annette McCallum von der Oberschule Schaumburger Straße, Cornelia Dreyer vom Gymnasium an der Hamburger Straße, Frauke Schwagereit von der Gesamtschule-Mitte (GSM) und Gabriele Voßler von der Grundschule an der Schmidtstraße informierten über ihre Sorgen und Nöte und bedankten sich ausdrücklich bei den Ausschuss-Mitgliedern.

Eines wurde dabei sehr deutlich: Während der nun fast ein Jahr andauernden Corona-Pandemie brauchen die Kollegien Nerven wie die Drahtseile, um immer wieder neu auftauchende Herausforderungen zu meistern. Ein Defizit, das an allen Schulen zu bemängeln ist: „Wir brauchen dringend eine langfristige Planung, möglichst bis Ostern, und nicht Entscheidungen, die sich von einer Woche zur anderen verändern“, betonten die vier Schulleiterinnen unisono. Und auch an einer stabilen Internet- beziehungsweise WLAN-Leitung mangele es nicht nur oft bei den Kindern, die zu Hause Home-Schooling machen sollten, sondern auch an den Schulen, was immer wieder zu Problemen führe. So seien die IPads für die Schülerschaft zwar durch die Bank rechtzeitig ausgeliefert worden, bei deren Einrichtung sei dann aber das Netz zusammengebrochen. „In Bremerhaven gibt es mobiles WLAN, warum eigentlich in Bremen nicht?“, fragt sich Dreyer.

Nicht viel besser sehe es mit den Sanitäranlagen an den Schulen aus, deren Sanierung gestalte sich weiterhin als Hängepartie, betonten Dreyer und McCallum. Letztere unterstrich, dass das in Zeiten von Corona besonders fatal sei. Sie stünden bei Immobilien Bremen auf der To-do-Liste, erklärtem die beiden Schulleiterinnen. „Uns wurde gesagt, dass wir 2022 mit der Sanierung dran sein sollen, aber inzwischen habe ich die Befürchtung, dass wegen Corona dann kein Geld mehr da sein könnte“, so Dreyer. Armin Willkomm vom Ortsamt Mitte/Östliche Vorstadt versprach, eine erneute Nachfrage bei Immobilien Bremen zu starten. Ein Beschluss, der dazu bereits in der vorherigen Legislatur-Periode gefasst wurde, soll erneuert werden.

In den Ausführungen der Schulleiterinnen schwang immer wieder Enttäuschung mit. So habe das Kollegium im November nach einem Mainzer Vorbild damit begonnen, an der GSM den Prototyp einer Lüftungsanlage zu bauen, für die es inzwischen zehn Nachfragen von anderen Schulen gebe. „Da hätten wir von der senatorischen Behörde und auch von Immobilien Bremen gern Unterstützung bekommen“, bilanzierte Schwagereit. Inzwischen hätten sich aber Sponsoren für das Projekt gefunden.

Die meisten Sorgen machen sich alle Schulleiterinnen indes um ihre Kollegien. Mit Blick auf die noch einmal verschärften Lockdown-Bestimmungen bleibe angesichts des Bremer Sonderweges doch ein sehr mulmiges Gefühl, dass die Lehrkräfte, die in vollem Stunden-Deputat arbeiteten, mitunter pro Tag zu 100 Schülern in acht Lerngruppen Kontakt hätten, resümierte Dreyer. Die Hoffnung bleibe, dass es schon bald bessere, restriktivere Wege auch an den Schulen zur Virus-Bekämpfung gebe. „Die Kollegien zerreißen sich momentan zwischen Präsenz- und Digital-Unterricht“, betonte McCallum.

Laut Voßler läuft der Betrieb an der Schule an der Schmidtstraße fast normal, das heißt, mit 80-prozentiger Auslastung. So seien insgesamt 133 von 165 Kindern wieder vor Ort. Wobei wegen des Infektionsschutzes zurzeit die Klassenlehrer auch den Fachunterricht erteilten. Um die verlässliche Betreuung der Kinder und einen Unterricht in Halbgruppen stemmen zu können, sei eigentlich eine doppelte Besetzung mit Lehrkräften in jeder Klasse nötig, betonte sie. Beides sei nicht miteinander kompatibel. Sona Terlohr von den Grünen brachte es auf den Punkt, dass es hier wohl weniger um Bildungsgerechtigkeit, sondern vielmehr um die Betreuungs-Problematik ginge. Voßler betonte allerdings auch, dass manche Kinder, wenn sie nicht in die Schule kämen, abgehängt würden.

Bei Gundschülern sei es den Lehrkräften indes kaum möglich, Abstand zu halten. So kämen 24 Kinder auf eine Lehrkraft, die FFP2-Maske trüge, die Kinder hingegen nicht. Die oft mit der Situation überforderten Eltern seien indes erleichtert, dass der Schulalltag normal weiterginge. Terlohr, selbst Mutter einer Erstklässlerin, die sogar schon online mit dem Programm „It‘s learning“ lernt, fragte nach der gegenwärtigen Auslastung der Schulen. An der GSM mit ihren zwei Standorten seien es 100 Schüler von insgesamt 676, sagte Schwagereit.

„Schule lebt eigentlich von vielen Routinen und Ritualen, momentan erfinden wir jeden Tag die Schule neu. Das wird wenig gesehen“, resümierte Dreyer. An der Hamburger Straße seien zurzeit 355 von 900 Schülern vor Ort. Technisch ginge per Tablet-Lernen mittlerweile alles soweit seinen Weg. „Das Problem liegt vielmehr auf emotionaler Ebene. Das ist ein Riesen-Thema, das im Nachklang der Krise noch eine viel größere Herausforderung werden wird“, betonte sie. Das reiche von der Angst vor den Abschluss-Arbeiten, bei denen es keinen Bremer Sonderweg geben dürfte, bis zur Migräne, die manche Schüler vom Online-Unterricht bekämen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+