46 Jahre auf einem Stellplatz Warum eine Bremerin ihr halbes Leben als Dauercamperin verbracht hat

Die Bremerin Gerda Horst und ihr Mann kennen nur einen Urlaub – bereut haben sie es nie. Ihr halbes Leben haben sie auf ihrem Campingplatz verbracht.
08.09.2018, 20:47
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Warum eine Bremerin ihr halbes Leben als Dauercamperin verbracht hat
Von Peter Voith

In Deutschland gibt es rund 3000 Campingplätze. Na und? Die Bremerin Gerda Horst kennt nur einen, ihren Campingplatz. Er liegt 36 Kilometer südöstlich von ihrer Bremer Wohnung entfernt. Ihr halbes Leben hat sie hier verbracht. Was schon was heißen will. Immerhin ist sie schon 89 Jahre alt. 33 Jahre lang betrieb sie in Bremen eine Kneipe: das Runken-Eck im Viertel, nur wenige Meter von ihrer jetzigen Wohnung entfernt. Aber 1993 war Schluss. Zu dieser Zeit war sie 64 Jahre alt. Bis dahin hatte sie viel erlebt.

Ob Straßenbahn-Unruhen, Mai-Demonstrationen oder andere Krawalle im Viertel – bei ihr in der Kneipe an der Straße In der Runken ruhten sich die Demonstranten aus und tranken ihr Bier. „Aber ich war ja damals auch so eine“, sagt Gerda Horst schüchtern lächelnd. Links und frei also? „Ja, so kann man das wohl nennen.“ Wenn sie sich ausruhen wollte, dann beileibe nicht beim Bier. Für sie gab es dann nur ein Ziel: nicht Mallorca, nicht Kreuzfahrtreise, sondern schnell ins Auto und ab nach Eitzendorf, einem kleinen Dorf in der Gemeinde Hilgermissen (Landkreis Nienburg).

Lesen Sie auch

Hier am idyllischen Alveser See, eine Art lindgrensches Bullerbü, stand und steht ihr Wohnwagen – für ein paar hundert Euro Platzmiete im Jahr plus Nebenkosten. Jeden Urlaub, fast jedes freies Wochenende von Frühjahr bis Herbst, hat die heute 89-Jährige mit ihrem Mann auf dem 100 Quadratmeter großen Grundstück auf dem Campingplatz „Seerose“ verbracht.

Ein halbes Leben lang, seit nunmehr 46 Jahren. Als der Campingplatz 1972 gegründet wurde, war sie noch mit ihrem ersten, inzwischen verstorbenen, Mann hier. Doch jetzt müssen sie und ihr jetziger Mann Hartwig den Stellplatz aufgeben – „aus gesundheitlichen Gründen“. Sie sei wegen einer Krebserkrankung ständig in ärztlicher Behandlung. Deshalb entschied sie zusammen mit ihrem Mann, den Platz aufzugeben.

„Ich kann einfach nicht mehr“, sagt sie schon fast wütend, um hinterherzuschieben: „Aber es tut schon weh, sehr weh.“ Kurze Zeit ist Gerda Horst den Tränen nah, als sie daran denken muss, wie sie immer gerne den Garten mit seinen Rosenbeeten und Rhododendren in Schuss gehalten hat. Aber noch haben sie und ihr Mann ein paar Wochen, bis sie Mitte Oktober ihren Stellplatz an ihren Nachfolger übergeben.

Die Zeit steht still

In Deutschland wächst die Campingbranche seit 2006 jährlich um 2,5 Prozent, hat der ADAC herausgefunden. Urlaub vor der Haustür ist wieder in. Doch die neue Generation Camper will auf Luxus nicht verzichten: etwa einen eigenen WLAN-Hotsport und eine smarte Steuerung von Licht, Heizung oder Klimaanlage per Smartphone. Auch auf vielen der rund 3000 Campingplätze in Deutschland tut sich was: Wellness-Angebote, Kanufahrten, geführte Radtouren, Angebote für Kinder und vieles mehr.

Auf dem Campingplatz „Seerose“ von Gerd Heinevetter, der den Platz in dritter Generation betreibt, ist indes die Zeit ein bisschen stehen geblieben. Hier am Alveser See brauchen die Camper Duschmarken, dürfen beim Gang zur Toilette das Papier nicht vergessen und müssen ihr Auto zwischen 13 und 15 Uhr draußen parken. Mittagsruhe eben.

Und vielleicht ist es genau das, was Gerda und Hartwig Horst so lieben. Sie können es nicht genau sagen, was sie über all die Jahre so am Campen am Alveser See zu schätzen gelernt haben. Gerda Horst sagt: „Wir hatten so viele schöne Tage hier. Sind öfter auch mal zum benachbarten Campingplatz am See gegangen und haben Bekannte besucht.“ Und verschmitzt sagt die 89-Jährige mit einem fröhlichen Lächeln: „Da bin ich manchmal ganz schön versackt.“ Ansonsten: Tagsüber Kaffee trinken, mit den Nachbarn klönen, Zeitung lesen, im Garten wühlen – „hier gibt es ja immer was zu tun“.

Auch für ihren Mann. Denn wenn Betreiber Gerd Heinevetter – im Hauptberuf Werbegrafiker in Verden – nicht vor Ort sein kann, kümmert er sich als Platzwart um alles, was anfällt: Duschmarken rausgeben, Radwanderern einen Zeltplatz zuweisen, im Dorfgasthof „Zur Post“ anrufen und Gäste ankündigen („Habt ihr für die noch ein paar Bratkartoffeln?“).

Und manchmal komme auch nur ein Radfahrer vorbei und frage nach einem Weizenbier. Oder am Vatertag. Da kämen beispielsweise jedes Jahr ein Dutzend Männer per Fahrrad: Tänzer des Grün-Gold-Clubs mit weißem Oberhemd und schwarzem Schlips. Und die riefen nach ihrer Ankunft sofort: „Hartwig, wo bist du? Wir haben Durst.“

Den Job als Platzwart hat Hartwig Horst von Gerd Heinevetters Vater zugewiesen bekommen, als ein Nachfolger gesucht werden musste. Ewald „Meister Prötter“ (bekannt aus der Comedyserie Die Camper) Heinevetter sei einfach auf ihn zugekommen, erzählt Hartwig Horst und habe gesagt: „So Hartwig, du machst das jetzt.“ Und Hartwig machte. Zumal er 1998 nach einem Arbeitsunfall als Sicherungsdienst auf einer Baustelle im Gleisbett des Bremer Hauptbahnhofs in Frührente gehen musste.

Immer neue Interessenten

Nun ist auch für ihn Schluss – nach 20 Jahren als Platzwart. Ob er den Campingplatz vermissen wird? Hartwig Horst weicht aus: „Ich guck mal, was passiert.“ Immerhin: Betreiber Gerd Heinevetter hat den Nachfolger auf dem Platz der Horsts gleich als Platzwart verpflichten können. Ohnehin hat er keine Probleme, seine Stellplätze zu vermieten, wenn alte Dauercamper ihren Platz aufgeben müssen. Es kämen immer neue Interessenten.

Oft auch die Kinder, die im Alter zwischen 14 und 17 „keinen Bock mehr auf Camping“ gehabt hätten und dann aber nach Jahren, wenn sie eine eigene Familie hätten, zurückkämen und selber nach einem Stellplatz fragten. Diese Beobachtung deckt sich mit den Ergebnissen einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa. Danach wird die Leidenschaft für einen Urlaub im Wohnwagen oder Wohnmobil in der Familie vererbt. Knapp jeder Zweite (48 Prozent) sagt, dass er schon als Kind mit der Familie im Wohnwagen oder im Wohnmobil Urlaub gemacht hat.

Gerda und Hartwig Horst genießen jetzt ihre letzten Tage auf dem Campingplatz – unter anderem mit einer Feier zum 79. Geburtstag von Hartwig Horst am kommenden Sonnabend, bei dem sich Betreiber Gerd Heinevetter noch mal ganz offiziell für die Dienste seines ehrenamtlichen Platzwartes bedanken will. Danach steht fest: Die Tänzer vom Grün-Gold-Club werden am Vatertag 2019 auf ihre Frage: „Hartwig, wo bist du? Wir haben Durst“ keine Antwort mehr bekommen.

Info

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+