Nach den #Panamapapers Wem gehört das Einkaufszentrum Haven Höövt in Vegesack?

Wer versucht, das Geflecht hinter der Fassade des Haven Höövt zu entwirren, stößt auf eine Reihe von Merkwürdigkeiten.
12.06.2016, 19:08
Lesedauer: 7 Min
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Wem gehört das Einkaufszentrum Haven Höövt in Vegesack?
Von Patricia Brandt

Wer versucht, das Geflecht hinter der Fassade des Haven Höövt zu entwirren, stößt auf eine Reihe von Merkwürdigkeiten.

2010 muss ein schwieriges Jahr für die Geschäftsführer gewesen sein. Ihre Firma war überschuldet, aber noch soll Aussicht auf frisches Geld von der Bank bestanden haben. Die Geschäftsführer, das waren der Shopping-Center-Experte Paul Gubbay in London und die Bankerin Dimitria Coucouni auf Zypern. Sie führten bis zu dessen Insolvenz ein Unternehmen in Norddeutschland: Die Firma Prime Commercial Properties (Bremen), kurz PCP, in Buxtehude, Eigentümerin des Haven Höövts in Vegesack.

Wem das Einkaufszentrum gehört, ist seit den Enthüllungen rund um die Panama Papers nicht mehr klar. „Die Eigentümer sind weltweit verstreut“, sagt der NDR-Journalist Peter Hornung, „sie wollen ihre Identität nicht offenlegen.“ Hornung ist überzeugt, dass Anteilseigner der Firma Venoges Holdings Inc, registriert auf den britischen Jungferninseln vom Offshore-Dienstleister Mossack Fonseca, in den Einkaufstempel investiert hatten. Venoges Holdings ist Hornung zufolge Teil einer verschlungenen Konstruktion von Briefkastenfirmen auf Gibraltar, den Bahamas und den Jungferninseln, die offenbar nur einen Zweck hätten – nämlich den, die Namen der tatsächlichen Eigentümer zu verschleiern.

„Es gibt Firmen, die sich darauf spezialisiert haben, Firmen zu beerdigen.“ Staatsanwalt Frank Passade

Wie hoch der Grad der Geheimhaltung ist, zeigt Peter Hornung, dass selbst der Offshore-Dienstleister Mossack Fonseca nicht über die Eigentümer Bescheid wisse. Mossack hatte demzufolge nach Namen geforscht, weil die Finanzbehörden eine Überprüfung angedroht hatten: „Ihm wurde es zu riskant, dass die Eigentümerstruktur derart verstrickt ist.“ Die Investoren hätten ihre Identität wegen des „Zustands des Investments“ in Bremen offensichtlich lieber nicht preisgeben wollen.

Der Zustand des Investments ist bekanntlich prekär. Das Haven Höövt ist bereits vor Jahren durch Geschäftsabwanderungen in einen Abwärtsstrudel geraten. Die Schulden sollen sich auf weit über 50 Millionen Euro belaufen. Eine Summe, die der Hamburger Insolvenzverwalter Marc Odebrecht nie öffentlich dementiert hat, inzwischen allerdings auch nicht mehr bestätigt. Er versucht im Auftrag des Londoner Immobilienfinanzierers Capita Asset Services, Dienstleister des Hauptgläubigers, seit Jahren einen Käufer zu finden. Ohne Erfolg.

Glaubt man Marc Odebrecht, fehlen jegliche schriftliche Nachweise, aus denen ersichtlich sein könnte, dass die Eigentümer in Verbindung mit dem Haven Höövt in den Panama Papers aufgeführt werden. Eigentümer, das ist laut Odebrecht die Firma Prime Commercial Properties (Bremen), kurz PCP.

Wer versucht, Licht ins Dunkel der Haven-Höövt-Hintergründe zu bringen, stolpert zunächst darüber, dass es Prime Commercial Properties in Buxtehude gleich zweimal gab. Beide Firmen hatten nicht nur dieselbe Geschäftsadresse, sondern sogar die selben Geschäftsführer: Die zypriotische Bankerin Dimitria Coucouni und den Londoner Shopping-Center-Experte Paul Gubbay. Auch die Gesellschafter sind zumindest mit der Sirizia Holdings Limited, registriert auf Zypern, identisch. Das geht aus einem Dokument hervor, das der NORDDEUTSCHEN vorliegt. Die Einträge im Handelsregister des Amtsgerichts Tostedt offenbaren den einzigen Unterschied der PCP-Gesellschaften: die Rechtsform. Es gab die PCP GmbH und die PCP Kommanditgesellschaft.

Selbst für Fachleute ist dies verwirrend: „Solche Eintragungen wurden in früheren Zeiten – jedenfalls beim Amtsgericht Frankfurt – wegen der Verwechslungsgefahr nicht vorgenommen“, sagt Roland Glöckner, Sprecher des Amtsgerichtes Frankfurt am Main, wo die PCP GmbH zunächst eingetragen war.

Besitzer des Einkaufszentrums ist nach den Worten des Insolvenzverwalters die 1997 in Buxtehude gegründete und seit 2012 insolvente PCP-Kommanditgesellschaft. Kommanditisten waren nach Dokumenten des Amtsgerichts Tostedt die Sirizia Holdings Limited Zypern mit einer Einlage von 1,3 Millionen Euro, die AVW Albrecht Vermögensverwaltungs-Aktiengesellschaft, Buxtehude (340 747 Euro) und die Arsizio Enterprises Limited, Zypern (5 Millionen Euro). Die beiden Firmen mit Sitz auf Zypern werden heute im Internet als liquidiert geführt.

Die AVW-Gruppe hingegen gehört dem Augenschein nach zu den florierenden Geschäften. Schon vor Jahren hat sich der Hamburger Haven-Höövt-Investor Frank H. Albrecht mit der AVW ein Immobilienimperium aufgebaut. Kommunale Bauten, Bürokomplexe und Einkaufszentren hat er geplant, gebaut und vermietet. Zum Beispiel das Walle-Center.

Viele Objekte gehören der AVW noch. Nicht so das Haven Höövt, sagt Firmensprecher Dirsko von Pfeil. Mit der heutigen Eigentümergesellschaft PCP habe die AVW nichts mehr zu tun, betont von Pfeil. Die AVW Immobilien AG habe ihre Anteile 2007 an die PCP-Gruppe veräußert, „so dass sich unsere Verbindungen zu PCP ausschließlich auf diese Käufer-/Verkäufer-Verbindung beschränken“. Selbst die Minderheitsbeteiligung an der PCP-Kommanditgesellschaft, die der Immobilienkonzern zunächst behielt, sei seit der Insolvenzeröffnung nicht mehr existent. Dass die PCP ihren Firmensitz immer an der Kottmeierstraße 1 in Buxtehude behielt – der früheren AVW-Adresse – erwähnt von Pfeil nicht.

„Die AVW müsste die Verflechtung mit der PCP offenlegen.“ Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel

Merkwürdig ist auch, dass die „AVW Vermögensverwaltungs GmbH & Co. Vierzehnte Objekt KG, Buxtehude“ und nicht die PCP (Bremen) bis heute als Eigentümerin des Haven Höövt im Grundbuch eingetragen ist. Eine Erklärung hat von Pfeil dafür nicht: „Wieso in dem ihnen vorliegenden Grundbuchauszug diese Umschreibung scheinbar nicht erfolgt ist, entzieht sich unserer Kenntnis (...).“

Für Mitarbeiter des zuständigen Amtsgerichts Blumenthal ist mit der Eintragung klar, dass der Eigentümer des Grundstücks weiterhin die genannte AVW-Objekt KG ist. Es handele sogar um dieselbe Firma: Die PCP sei die Rechtsnachfolgerin der im Grundbuch eingetragenen Eigentümerin: „Eine Namensberichtigung von Amts wegen ist nicht erfolgt“, sagt eine Mitarbeiterin, die namentlich nicht genannt werden möchte.’

Es stellt sich die Frage, ob der Grundbucheintrag für das laufende Insolvenzverfahren eine Rolle spielt. Der Bremer Wirtschaftsexperte Rudolf Hickel jedenfalls hält das nicht für abwegig: „Der Verdacht, dass die AVW im Zuge der Insolvenz der PCP mit haftet, ist groß. Um dies endgültig zu klären, müsste die AVW die vertragliche Verflechtung mit der PCP offenlegen.“

An einer Lösung des Rätsels sind die Bremer Behörden offensichtlich wenig interessiert. An wen beispielsweise der von der Stadt mitfinanzierte Pflegestützpunkt seine Miete überwiesen hat, will die Sozialbehörde nicht offenlegen. Eine Überprüfung der Grundbücher hat in Bremen im Zuge der Panama Papers zudem nicht stattgefunden. „Allein die Vermutung, dass eingetragene Eigentümer sogenannte Briefkastenfirmen sein könnten, ist (…) kein Anlass für eine Überprüfung der Grundbucheintragungen“, heißt es in der Senatsantwort auf eine Anfrage der Linken.

Ermittlungen im Zuge der Panama Papers hat die Bremer Staatsanwaltschaft im Zusammenhang mit dem Haven Höövt nicht aufgenommen. Überschuldete GmbHs, die für einen Euro auf andere Personen übertragen werden, Sitzverlegungen, bei denen wichtige Unterlagen verloren gehen und Strohmänner, deren Identität nicht feststellbar ist – all das gibt es nach den Worten des Sprechers Frank Passade auch hierzulande. „Es gibt sogar Firmen, die sich darauf spezialisiert haben, solche Firmen zu beerdigen. Stichwort: GmbH Beerdigung.“

Was die Vorwürfe zu Tricksereien beim Bau des Haven Höövts betrifft: Schon 2015 war der Verdacht laut geworden, die von der AVW beauftragten Planer hätten Daten manipuliert, um die Verkaufsfläche ausdehnen zu können und das Projekt so profitabler zu machen. Beobachter gehen davon aus, dass die Zentrale Antikorruptionsstelle Bremen noch Monate brauchen wird, um sich den Fall genauer anzusehen.

Sprung nach Großbritannien. Auch hier gibt es eine Firma namens Prime Commercial Properties, kurz PCP. Hinter der britischen PCP steht die Gubbay-Familie. Direktor Paul Gubbay gilt als Experte für Shoppingcenter. Nach einem Bericht der Zeitung The Wall Street Journal überlegte PCP 2009, ob es das Haven Höövt mit drei weiteren Einkaufszentren in Deutschland im Paket für 400 Millionen Euro verkaufen sollte: Dieses Angebot, so steht es in dem Artikel, werde die Risikofreude der Investoren testen.

Wer die Internetseiten von PCP anklickt, stößt nicht nur auf Direktor Paul Gubbay, sondern auch auf ein stimmungsvolles Foto aus Vegesack – das 2003 eröffnete Haven Höövt mit hell erleuchtetem Glasturm wird Investoren als Geschäftsadresse im Norden von Bremen avisiert. Die Anbieter locken mit einer Verkaufsfläche von 36000 Quadratmetern. Das ist doppelt so viel Fläche, wie tatsächlich existiert. Anfragen per E-Mail lässt die Firma ins Leere laufen. Auch der Hamburger Insolvenzverwalter hat keine Antwort auf die Frage, was die britische PCP mit der Bremer PCP zu tun hat.

Auf den Namen Gubbay war übrigens auch der NDR-Journalist Peter Hornung bei seinen Recherchen zu den Panama Papers gestoßen. Laut einer E-Mail von 2014, die dem NDR vorliegt, hat Venoges in Prime Commercial Properties (Bremen) GmbH& Co KG investiert und hält Anteile an dieser Firma. Hornung spricht von einem Sitzungsprotokoll der „Venoges Holdings Inc.“ von Januar 2011, nach dem C. Gubbay zeichnungsberechtigt sei. Hornung geht davon aus, dass Gubbay möglicherweise zwar kein Eigentümer ist, aber zumindest jemand, der die Geschäfte steuert. Gut möglich ist, dass es sich bei C. Gubbay um Claude Gubbay handelt, Pauls Bruder.

Nach den Enthüllungen rund um die Panama Papers hat das International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) eine eigene Datenbank zum Leak im Internet veröffentlicht. Darin finden sich unter anderem Namen und Adressen von mehr als 300000 Briefkastenfirmen und Anteilseignern. Es tauchen weitere Namens-Verwandtschaften auf.

Aber die Albrecht Limited auf den Bahamas und die AVW Development Limited auf Jersey sind der hiesigen AVW „gänzlich unbekannt“.

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