Runder Tisch zieht Bilanz

Weniger Energie- und Wassersperren in Bremen

In Bremen ist im vergangenen Jahr deutlich weniger Menschen der Strom, das Wasser oder Gas abgedreht worden. Damit setzt sich ein Trend fort.
05.03.2019, 12:23
Lesedauer: 4 Min
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Weniger Energie- und Wassersperren in Bremen
Von Lisa Boekhoff
Weniger Energie- und Wassersperren in Bremen

Was tun, wenn der Strom abgestellt wird? In Bremen gibt es seit 2015 einen Runden Tisch, der verhindern soll, dass es zu Energie- und Wassersperren kommt.

Jonas Güttler

Im Bundesland setzt sich ein erfreulicher Trend fort. Im vergangenen Jahr hat es erneut weniger Strom-, Gas- und Wassersperren in Bremen gegeben. Um 12,4 Prozent oder um gut 800 Sperren ging die Zahl im Vergleich zum Vorjahr zurück. Insgesamt 5581 Mal mussten Strom, Gas oder Wasser unfreiwillig abgestellt werden.

Am Dienstag stellten die Akteure des Projekts "Zappenduster!" ihre Bilanz vor – und das äußerst zufrieden. "Ich kann Ihnen tolle Zahlen präsentieren", sagte Iris Klauck, beim Energieversorger SWB für das Projekt zuständig. Seit 2015 sei die Zahl der Energie- und Wassersperren um fast ein Viertel zurückgegangen. "Das zeigt, dass sich eine kontinuierliche Arbeit auszeichnet."

"Zappenduster!" ist hervorgegangen aus einem Runden Tisch, der sich Ende 2014 zum Ziel gesetzt hat, Energie- und Wassersperren in Bremen zu vermeiden. Ein Bundesländervergleich macht deutlich, dass das notwendig war: 2017 haben die Netzbetreiber Unterbrechungen erstmals auf die Bundesländer aufgeschlüsselt. Bremen verzeichnete dabei in der Statistik der Bundesnetzagentur den höchsten Wert an Stromsperren gerechnet auf die Haushalte und lag deutlich über dem Bundesschnitt.

20.000 Sperrankündigungen im vergangenen Jahr

Um etwas zu verbessern, haben sich die im Projekt engagierten Organisationen ausgetauscht. Alle Beteiligten hätten dafür interne Prozesse transparent gemacht, sagte Andrea Klähn, im Sozialressort Referentin für Miet- und Energieschulden. "Wir haben viel überlegt, wie wir früh ansetzen können." Schnell reagieren zu können, wie eine Feuerwehr, sei notwendig, sagte Klauck. "Wenn eine Sperre droht, müssen wir schnell handeln."

In den allermeisten Fällen konnten die Kunden tatsächlich allein oder mit Hilfe eine Sperre abwenden: Im vergangenen Jahr gab es insgesamt 20 000 Sperrankündigungen. Sollte es doch zum Äußersten kommen, können die im Projekt beteiligten Organisationen die Sperre mittlerweile unterbrechen, um in der Zeit das Problem mit den Betroffenen zu lösen. Voraussetzung ist jedoch, dass sich der Kunde selbst an einen der Ansprechpartner wendet. Der Runde Tisch, zu dem 20 Vertreter von Jobcenter, Behörde und Vereinen gehören, setzt zudem in jüngster Zeit verstärkt auf Prävention. Die Verbraucherzentrale bietet etwa eine kostenlose Energiebudgetberatung an, um Menschen dabei zu unterstützen, eine Sperre zu verhindern. Wenn das notwendig ist, gibt sie Hilfe bei weiteren Sorgen.

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Das sei wichtig, macht Michael Runge, Projektleiter des Förderwerks in Bremerhaven, deutlich. Denn die Betroffenen hätten in der Regel gleich mehrere Probleme. Das könnten auch Krankheiten oder Todesfälle in der Familie sein. Manchmal breche die Welt über den Menschen zusammen. Die Mahnungen ließen die Kosten weiter steigen. "Dann verkriecht man sich", versetzt sich Runge in die Situation. In Bremerhaven gab es im vergangenen Jahr allein 1369 Strom-, Gas oder Wassersperren.

Oft seien die Menschen in diesem Moment nicht in der Lage, zu kommunizieren. Michael Runge zieht darum ein gutes Fazit für das Projekt "Zappenduster!", weil es nun jemanden gebe, der die Menschen an die Hand nehme und als Mediator auftrete. "Gott sei Dank haben wir es jetzt endlich zusammen geschafft." In Bremerhaven erfahre man oft durch Mundpropaganda, wer von Strom-, Gas- oder Wassersperren betroffen sei. Projektleiter Runge sieht das Problem noch woanders begründet: Die Regelsätze der Hartz-IV-Empfänger seien nicht ausreichend, um die Energiekosten gut abzudecken. "Die Leute haben einfach das Geld nicht."

"Das ist ein kleiner Baustein"

Dass schon Kleinigkeiten im Alltag helfen könnten, Sperren zu vermeiden, machte Dieter Schmidt, Teamleiter des Kundencenters der SWB deutlich. Möglich sei es nun etwa, Strom, Gas und Wasser an weiteren Terminen im Monat zu zahlen und damit womöglich näher an dem Zeitpunkt, wenn Geld auf dem Konto sei. "Das ist ein kleiner Baustein." Wichtig sei zudem, dass die Abschlagsbeträge für die Energie angemessen seien. Von allein erhöhe die SWB diese aber nach Preissteigerungen nicht.

Der Oldenburger Energiekonzern EWE, Muttergesellschaft der Bremer SWB, hat im vergangenen Jahr ebenfalls seltener Strom- und Gassperren vollzogen, und zwar in 7500 Fällen. Im Vorjahr gab es noch 8165 Unterbrechungen auf 900 000 Strom- und 650 000 Gaskunden. Sprecher Dietmar Bücker sieht den Rückgang aber als gewöhnliche Schwankung. Die Zahl der Sperren sei relativ konstant auf niedrigem Niveau. In Deutschland lässt sich mit Blick auf Stromsperren kein Trend ausmachen. Zuletzt stiegen sie 2017 wieder.

Der Runde Tisch will weitermachen

Die rückläufigen Zahlen in Bremen sieht Ingmar Vergau, Geschäftsführer von Haus und Grund Bremen, positiv. "Das zeigt, dass an den richtigen Schrauben gedreht wurde", sagte er. In Bremen seien die Wohnnebenkosten im Vergleich sehr hoch. Zugleich lebten hier viele Menschen mit sozialen Problemen. Das ist Vergaus Ansicht nach eine ungünstige Konstellation. Energiesperren seien auch für Vermieter dramatisch, wenn deshalb nicht geheizt und gelüftet werde. "Dann tritt unweigerlich Schimmel auf."

Die nun vorgestellte Bilanz ist für Jürgen Ritterhoff von der Agentur Ecolo für Ökologie und Kommunikation ein "schöner Erfolg". Allerdings ergänzte er: "Jede Sperre ist eine zu viel." Der Runde Tisch will also weitermachen. Bald soll es eine neue Broschüre geben, um weitere Kreise über "Zappenduster!" zu informieren. Neue Wohnungsgesellschaften sollen ins Boot geholt werden. Iris Klauck war für den Moment aber dennoch zufrieden: Der Runde Tisch habe sich ausgezahlt. In Hamburg erkunde man sich nun nach den Erfahrungen in Bremen.

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