Wissenschaftler zeichnen Entwicklung nach Wie Milch verträglich wurde

Bremen. Zürich.Dass heute viele Menschen Milch verdauen können, ist ein vergleichsweise spätes Ergebnis der Evolution.
28.01.2014, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Wie Milch verträglich wurde
Von Jürgen Wendler

In der europäischen Küche spielen Milchprodukte wie Quark oder Käse schon lange eine herausragende Rolle. Wenn ein Erwachsener keine Milch vertrug, galt dies noch vor nicht allzu langer Zeit als Krankheit. Inzwischen ist jedoch bekannt, dass dies ursprünglich der Normalzustand war. Dass heute viele Menschen Milch verdauen können, ist ein vergleichsweise spätes Ergebnis der Evolution. Das Bild, das Forscher von der Entwicklung zeichnen, bekommt zunehmend feinere Konturen.

Zu den Merkmalen von Säugetieren, zu denen Wissenschaftler auch den Menschen rechnen, gehört, dass der Nachwuchs mit Milch ernährt wird. Das von der Mutter gebildete Nahrungsmittel enthält Laktose, das heißt Milchzucker. Um ihn verdauen zu können, muss im Dünndarm Laktase gebildet werden, ein sogenanntes Enzym, das dafür sorgt, dass die Laktose aufgespalten wird. Mit zunehmendem Alter wird normalerweise immer weniger Laktase gebildet; es kommt zur sogenannten Milchunverträglichkeit, auch Laktoseintoleranz genannt. Das bedeutet, dass die Laktose nun unverdaut in den Dickdarm gelangen kann. Ist dies der Fall, wird sie von Darmbakterien in Säuren und Wasserstoffgas umgewandelt. Die Betroffenen leiden unter Schmerzen.

Wissenschaftler haben in den vergangenen Jahren eine Reihe von Hinweisen gefunden, dass sich die Fähigkeit, auch nach dem Säuglingsalter Milch zu verdauen, in der Jungsteinzeit entwickelt hat. So erklärte eine Forschergruppe im Jahr 2009 im Fachjournal „PLOS Computational Biology“, dass sich diese Fähigkeit vor etwa 7500 Jahren aufgrund einer genetischen Mutation bei Bauern im Gebiet Ungarns, Österreichs oder der Slowakei entwickelt habe.

Experten wie der Anthropologe Professor Joachim Burger von der Universität Mainz nehmen an, dass sich das Merkmal deshalb durchgesetzt hat, weil die Fähigkeit, Milch von Tieren zu verwerten, große Vorteile bot. Wahrscheinlich habe die energiereiche Milch dazu beigetragen, die Kindersterblichkeit zu senken und Zeiten mit schlechten Ernten zu überstehen.

In einer aktuellen Mitteilung zu dem Thema weist die Universität Zürich darauf hin, dass das von Fachleuten als Laktasepersistenz bezeichnete Merkmal nicht nur bei europäischen Bauern entstanden sei. Unterschiedliche Bevölkerungsgruppen, darunter auch Gruppen in Saudi-Arabien und Ostafrika, hätten nach heutigem Kenntnisstand unabhängig voneinander die Fähigkeit entwickelt, auch im Erwachsenenalter genügend Laktase zum Verdauen der Milch zu bilden.

Eine Forschergruppe um Annina Krüttli von der Universität Zürich hat jetzt im Fachjournal „PLOS ONE“ Untersuchungsergebnisse vorgestellt, die den Schluss erlauben, dass Menschen im Gebiet Deutschlands bereits im Mittelalter, vor mehr als 1000 Jahren, ebenso gut Milch vertragen konnten wie heutige Mitteleuropäer. Genauer: Ungefähr drei Viertel der Erwachsenen konnten Milch verdauen.

Wie die Wissenschaftler erklären, lag der Anteil der Menschen mit Laktasepersistenz zu jener Zeit in Osteuropa niedriger. Dies hätten menschliche Überreste gezeigt, die im Rahmen früherer Studien untersucht worden seien. Wahrscheinlich sei die Laktasepersistenz in Mitteleuropa früher verbreitet gewesen als in Osteuropa. Nicht nur in Europa, sondern auch in Nordamerika und Australien ist die Mehrzahl der Erwachsenen heute in der Lage, Milch zu verdauen. In vielen anderen Gebieten sieht die Situation allerdings völlig anders aus. So ist die Laktoseintoleranz in Südamerika, in weiten Teilen Afrikas und in Asien ein Phänomen, das den weitaus größten Teil der Bevölkerung betrifft.

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