Bremer Händler ziehen mit

Bioprodukte bei Bremern beliebt

Lange dominierten im Lebensmittelhandel Eigenmarken und No-Name-Produkte das Bioangebot. Doch die Nachfrage nach Markenprodukten in Bioqualität steigt – nicht nur bei den Bremer Kunden.
21.02.2020, 22:57
Lesedauer: 5 Min
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Von Ivonne Wolfgramm, Rebecca Sawicki und Erich Reimann
Bioprodukte bei Bremern beliebt

Der bundesweite Einzelhandel für Bio- und Naturkost hat im vergangenen Jahr rund 3,76 Milliarden Euro umgesetzt. Das waren rund 8,7 Prozent mehr als noch 2018.

Daniel Karmann/dpa

Die Nachfrage nach Bioprodukten boomt. Eine kurze Internetsuche, Stichwort „Biomarkt Bremen“, ergibt mehr als 20 Treffer dazu, wo Verbraucher in der Hansestadt und umzu Bioware einkaufen können. Allerdings steigt nicht nur in Bremen der Konsum an biologisch erzeugten Produkten. Die Ausgaben der deutschen Verbraucher für Biolebensmittel erhöhen sich Jahr für Jahr. Aber wo früher Eigenmarken der Händler und No-Name-Produkte das Angebot bestimmten, wählen die Kunden immer öfter Marken wie Demeter, Bioland oder Alnatura.

„Aktuell wächst im Biobereich das Interesse an Markenprodukten massiv“, sagt die Nahrungsmittel-Expertin Christina Walz vom Marktforschungsunternehmen Nielsen. „Die Umsätze mit Markenprodukten wuchsen 2019 um 17 Prozent. Die Eigenmarken legten dagegen nur um sechs Prozent zu.“ Die Folge: Markenprodukte – oft mit Verbandssiegeln von Demeter, Bioland und Co. – erhöhten ihren Marktanteil laut Nielsen im vergangenen Jahr deutlich.

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Wo Bio draufsteht, ist auch Bio drin. Zwar gibt es unzählige verschiedene Biosiegel – eines eint alle Bioprodukte in der Europäischen Union: das Bio-Blatt. Dieses Siegel garantiert die Einhaltung der europäischen Öko-Verordnung, die allen Biolebensmitteln in der Union zugrunde liegt. Die Verordnung garantiert Gentechnikfreiheit, artgerechte Tierhaltung und den Verzicht auf chemisch-synthetischen Pflanzenschutz und entsprechende Düngemittel. Das ist der Mindeststandard von Bioprodukten. „Es gibt aber auch Bioanbau-Verbände, die darüber hinaus weitere Grundsätze und Kriterien haben“, sagt Sonja Pannenbecker, Lebensmittelreferentin der Verbraucherzentrale Bremen. Die Vorschriften der Anbauverbände seien häufig deutlich strenger als die EU-Regularien. Die Verbände nutzen neben dem Bio-Blatt auch eigene ­Siegel.

Steigende Verkaufszahlen bei biologisch ­erzeugten Markenwaren kann Hakan Özgüc, Inhaber des Rewe-Marktes in Hastedt, ­verzeichnen. „Bei uns sind besonders Artikel von Demeter gefragt“, sagt er. Aber auch die Biohandelsmarken von Rewe haben das Produktportfolio in der Vergangenheit deutlich erweitert. Denn das Preis-Leistungs-Verhältnis ist für Kunden weiterhin ein Kaufargument. Unabhängig davon, „sind die Bremer sehr bio-affin“, berichtet Özgüc. Das macht der Kaufmann unter anderem daran fest, dass er seine Produktpalette an biologischen Erzeugnissen stetig vergrößern müsse. „Kunden fragen mich gezielt, ob ich bestimmte Artikel in mein Sortiment aufnehmen kann“, sagt er. Erst vor Kurzem habe eine Kundin nach Bio-Aloe-Vera-Blättern gefragt. Özgüc brauchte nur einen Besuch auf dem lokalen Großmarkt, um das ungewöhnliche Produkt nun in seiner Obst- und Gemüseabteilung anbieten zu können – zunächst auf Probe. „Je nachdem wie die Akzeptanz ist, kann ich es auch dauerhaft ins Sortiment aufnehmen.“ Als Eigner eines inhabergeführten Marktes könne er ganz anders auf Kundenwünsche reagieren und daher auch speziellere Biowaren anbieten.

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Bio ist zurzeit einer der größten Wachstumsträger im Lebensmittelhandel. Nach Angaben des Bundes für Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) stieg der Umsatz des Lebensmittelhandels mit Biolebensmitteln und Getränken im vergangenen Jahr um 11,4 Prozent auf mehr als sieben Milliarden Euro. Bio ist damit einer der wenigen Bereiche, in dem Lebensmittelhändler noch echtes Wachstum erzielen können. Sonst kämpft die Branche seit geraumer Zeit mit stagnierenden Absatzzahlen.

Von gut 600 Rewe-Märkten im Nordwesten sind gleich zwei Bremer Filialen in Sachen Bio an der Spitze. Bei Hakan Özgüc machen Bioartikel zwölf Prozent des Gesamtumsatzes aus. „Im Durchschnitt sind es meist eher fünf Prozent“, sagt der Kaufmann. Der Markt an der Pappelstraße in der Neustadt hat hingegen mit 16 Prozent den höchsten Anteil an Bioprodukten im Sortiment.

Die Discounter holen allerdings auf. Sie haben laut Marktforschungsinstitut Nielsen den Umsatz mit Biomarkenartikeln in den vergangenen zwei Jahren mehr als verdreifacht. Aldi sieht sich in Deutschland als Marktführer beim Thema Bio. Bei Aldi Nord stehen Biolebensmittel nach Unternehmensangaben mittlerweile für 5,7 Prozent des Umsatzes mit Lebensmittel-Eigenmarken, bei Aldi Süd 7,7 Prozent. Doch im vergangenen Jahr nahm der Discounter noch zahlreiche Produkte der Traditionsmarke Schneekoppe in sein Angebot auf.

Der Erzrivale Lidl ging sogar noch einen Schritt weiter. Er startete vor gut einem Jahr eine Zusammenarbeit mit dem angesehenen Bioland-Verband, was für einige Unruhe in der Bioszene sorgte. Seitdem findet sich bei Lidl eine wachsende Zahl von Produkten mit dem grünen Bioland-Siegel, das garantiert, dass der Hersteller die weit über die EU-Bio-Richtlinien hinausgehenden Bioland-Richtlinien einhält. Der Schritt scheint sich für Lidl ­gelohnt zu haben. „Unser Bioumsatz wächst im höheren zweistelligen Bereich, und Umfragen zufolge konnten wir Kunden von konventionellen Produkten zu Bio bewegen“, sagte kürzlich Lidl-Manager Jan Bock und kündigte an, dass der Discounter künftig noch mehr Bioland-Produkte anbieten werde.

Der Großflächen-Discounter Kaufland setzt dagegen auf Demeter-Qualität und hat neben dem Eigenmarkensortiment inzwischen mehr als 220 Produkte im Angebot, die die Standards des ältesten deutschen Bioverbandes erfüllen. Erst in diesem Monat ergänzte Kaufland sein Bioangebot mit Demeter-Babynahrung der Marke Holle.

„Bioprodukte sind endlich im Verbraucherbewusstsein verankert“, berichtet Georg ­Appel, Geschäftsführer der Aleco-Biosupermärkte mit Verwaltungssitz in Ottersberg, ­erfreut. Vor mehr als 30 Jahren gründete er das Unternehmen und expandiert seitdem unaufhörlich. 18 Filialen hat er bereits er­öffnet. Kunden- und Umsatzzahlen sind auch beim Fachhändler in den vergangenen Jahren gestiegen: Rund zehn Prozent betrug die ­Umsatzsteigerung 2019. Dabei profitiert Aleco von der ­steigenden Nachfrage bei Discountern und konventionellen Supermärkten. „Dort lernen viele Kunden Bioprodukte kennen und ­kommen dann später zu uns.“ Zum Angebot von Aleco gehört ein Mix aus Markenwaren und Handelsmarken.

Den Trend, dass Markenprodukte eine größere Nachfrage erleben als Handelsmarken, kann der Geschäftsmann für seine Filialen allerdings nicht bestätigen. Nach seiner Auffassung liegt das jedoch ­daran, „dass die Kunden auf unser hundertprozentiges Biosortiment vertrauen“. Für den herkömmlichen Einzelhandel streitet Appel das allerdings nicht ab. „Da setzen die ­Verbraucher ihr Vertrauen mehr auf die ­Verbandskontrollen der Markenhersteller.“

Dass der Umsatz in den vergangenen Jahren so stark gestiegen ist, erklärt Sonja Pannenbecker mit der öffentlichen Diskussion über Klima- und Umweltschutz, Düngevorschriften und Nitrat im Grundwasser. Außerdem habe sich die Verfügbarkeit verbessert: „In den 1980er-Jahren musste man noch in spezielle Läden oder auf den Bauernhof gehen. Heute gibt es Bio in jedem Discounter“, sagt die Expertin von der Verbraucherzentrale. Der Marktanteil für Bioprodukte sei allerdings, trotz des Booms, mit fünf Prozent verschwindend gering.

Bio sei gut für die Umwelt und werde auch häufig mit gesunder Ernährung assoziiert. Das hält Pannenbecker allerdings für einen Trugschluss: „Bioschokolade ist genauso ungesund wie kommerzielle Schokolade“, sagt die Lebensmittelreferentin. Mittlerweile gebe es ein breiteres Spektrum als früher. „Wir haben nicht nur unverarbeitete Bioprodukte, sondern auch Biofertiggerichte. Die sind genau so hoch verarbeitet wie konventionelle Produkte.“

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