Wenig Bewegung bei Chefposten Jede fünfte Bremer Führungskraft ist weiblich

Im Land Bremen waren 2018 gut 21 Prozent der Führungskräfte weiblich. Der Verein Digital Media Women will daran etwas ändern.
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Von Mario Nagel und Frauke Fischer

Die Freude bei den Initiatorinnen dürfte groß sein: Im Oktober starteten unter anderem die ehemalige Personalvorständin von Siemens, Janina Kugel, und die Soziologin Jutta Allmendinger, die in Berlin das Wissenschaftszentrum für Sozialforschung leitet, zusammen mit Schauspielerin Maria Furtwängler und Schriftstellerin Nora Bossong ihre „#Ichwill“-Kampagne für eine Frauenquote in Vorständen. Nun gibt es einen Erfolg zu feiern: Eine von Union und SPD eingesetzte Arbeitsgruppe hat sich in der Vorwoche auf eine grundsätzliche Einigung für eine Frauenquote verständigt.

Konkret soll diese in Vorständen börsennotierter und paritätisch mitbestimmter Unternehmen mit mehr als drei Mitgliedern eingeführt werden. In Unternehmen mit einer Mehrheitsbeteiligung des Bundes soll es zudem eine Aufsichtsratsquote von mindestens 30 Prozent sowie eine Mindestbeteiligung in Vorständen geben.

Doch wie steht es eigentlich um den Anteil von Frauen in Führungspositionen im Land Bremen? Der Blick auf die Zahlen zeigt, dass er in den vergangenen Jahren stagnierte – und im Vergleich zum Jahr 2004 leicht zurückging. Waren damals etwa 23 Prozent der Inhaber, Geschäftsführer oder Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder weiblich, waren es im Jahr 2018 21,2 Prozent. Das teilte die Arbeitnehmerkammer Bremen auf Anfrage mit.

Dem Betriebspanel des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zufolge gibt es im Land Bremen etwa 23.000 Führungskräfte auf der obersten Führungsebene, von ihnen sind 78 Prozent Männer. Bundesweit liegt der Frauenanteil an Führungspositionen bei 22,6 Prozent.

Um herauszufinden, in welchen Bremer Unternehmen Frauen in Führungspositionen gleichberechtigt teilhaben und Einfluss nehmen, hat der Verein Digital Media Women vor Kurzem eine Umfrage gestartet. Knapp 30 Betriebe haben den Fragebogen bislang ausgefüllt, sagt Sprecherin Monika Karski. Dabei habe sich gezeigt: Je größer das Unternehmen, desto geringer die Frauenquote.

Für Marion Salot von der Arbeitnehmerkammer Bremen ist das nicht überraschend: „Der unterdurchschnittliche Frauenanteil an Führungspositionen im Land Bremen hängt auch mit der Wirtschaftsstruktur Bremens zusammen.“ Diese werde laut Salot stark vom männerdominierten Logistiksektor und der Industrie, zum Beispiel der Automobil- und Luft- und Raumfahrtbranche, geprägt. Hier würden kaum Frauen in den Führungspositionen sitzen. Ein Blick in einzelne Unternehmen bestätigt das: Beim Logistikunternehmen Kühne + Nagel gibt es eine Frau im neunköpfigen Verwaltungsrat. Im Vorstand von Satellitenhersteller OHB sitzen vier Männer, im vierköpfigen Aufsichtsrat eine Frau. Bei BLG Logistics sind es dagegen mittlerweile zwei Frauen im fünfköpfigen Vorstand.

Beim Energiekonzern EWE in Oldenburg gehört eine Frau dem fünfköpfigen Vorstand an, im Aufsichtsrat sind drei der 20 Mitglieder weiblich. Um die Zahl der weiblichen Führungskräfte zu erhöhen, bietet das Unternehmen neu ausgeschriebene Führungspositionen künftig in Teilzeit an – für Frauen und Männer. Bei der EWE-Tochtergesellschaft SWB sitzt dagegen keine Frau im dreiköpfigen Vorstand. Im 21 Personen umfassenden Aufsichtsrat gibt es vier Frauen. „Wir möchten den Anteil von Frauen in Führungspositionen gerne weiter erhöhen“, sagt Angela Dittmer, die Sprecherin des Bremer Energieversorgers.

Im Bremer Bankensektor sind Frauen in den Vorständen und Aufsichtsräten ebenfalls seltener vertreten: Der Vorstand der Bremischen Volksbank besteht aus zwei Männern, der Aufsichtsrat aus sechs Männern und einer Frau. Die Norddeutsche Landesbank, in der die Bremer Landesbank im Jahr 2017 aufgegangen war, wird im Vorstand von fünf Männern geführt. Im Aufsichtsrat sitzen 13 Männer und fünf Frauen.

Bei der Sparkasse Bremen gibt es zwei Frauen im neunköpfigen Aufsichtsrat, der Vorstand besteht aus vier Männern. Im Zuge der Nachfolgeregelung im Frühjahr 2020 habe man sich um eine Frau für den Vorstandsposten bemüht, sich allerdings nur Absagen eingehandelt, sagt die Sprecherin der Sparkasse Nicola Oppermann.

Die angesprochenen Frauen hätten dabei hauptsächlich aus drei Gründen abgesagt: „Viele sind in ihrer jetzigen Position erfolgreich und deshalb nicht an einer neuen Herausforderung interessiert, für andere kommt wegen der Familie eine Verlagerung des Arbeits- oder gar des Wohnortes nicht infrage. Für einige stand die Verlagerung des Wohnortes in die Hansestadt Bremen nicht zur Debatte.“ Am 1. April rückte mit Klaus Windheuser erneut ein Mann in den Vorstand.

Dass Frauen seltener als Männer eine Führungsposition innehaben wollen, zeigt eine Studie der Initiative „Chefsache“ aus dem Jahr 2018, bei der 5000 Menschen befragt wurden. Laut der Studie streben 30 Prozent der befragten Frauen eine Führungsposition an. 32 Prozent von ihnen halten es zudem für realistisch, in eine solche befördert zu werden. Männer scheinen dagegen etwas optimistischer, was ihre Karriere betrifft: 43 Prozent wollen eine Führungsposition erreichen. 48 Prozent glauben, dass sie ihre beruflichen Ambitionen auch verwirklichen können.

Unterdessen werden bei den kleinen und mittleren Unternehmen im Land Bremen laut Digital Media Women auch Frauenanteile in Führungspositionen von bis zu 70 Prozent erreicht, bei den großen Unternehmen ab 250 Mitarbeitern dagegen maximal 23 Prozent.

In einem zweiten Schritt will der Verein auf die befragten Betriebe zugehen. „Wir wollen zeigen, dass und wie es in Unternehmen gelingen kann, den Anteil an Frauen in Führungspositionen auf 30 und mehr Prozent zu erhöhen“, sagt Karski.

Studien wie die des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung 2015 „Zum Potential einer festen Geschlechterquote” hätten gezeigt, dass erst bei einem Frauenanteil von mindestens 30 Prozent in den Führungspositionen die Geschlechterstereotype an Wirkung verlieren würden. „Unternehmen, die Vielfalt in ihren Teams fördern, erzielen bessere Ergebnisse, mehr Zufriedenheit und haben langfristig mehr Erfolg”, sagt Monika Karski. Unterstützung erhält der Verein „Digital Media Women“ auch von der Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Die Linke) und der Wirtschaftsförderung Bremen.

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