Risiken der Mediennutzung

Digitaler Dauerstress

Am Arbeitsplatz sind wir von Ablenkungsmöglichkeiten am Handy und am Laptop umgeben. Drei Bremer Experten erklären Strategien, diesem Verlangen nicht zu erliegen und die Konzentration zu halten.
03.06.2021, 08:00
Lesedauer: 4 Min
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Digitaler Dauerstress
Von Frieda Ahrens
Digitaler Dauerstress

Permanente Erreichbarkeit beeinflusst die Konzentrationsfähigkeit, warnen Medienforscher.

Christin Klose/dpa

Viele Menschen verbringen ihre Freizeit vor allem mit Medien – davon ist Stephan Görland, Forscher für Mediennutzung am Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung (ZeMKI) in Bremen, überzeugt. Und er legt noch nach: "Unsere begrenzte Kapazität von Minuten am Tag haben wir schon mit Medien gefüllt. Deshalb bedienen wir jetzt noch mehrere Medien parallel." Damit meint er zum Beispiel: Tatort schauen und nebenbei twittern. Oder: Am Laptop sitzen und Musik über das Handy hören.

"Es gibt diese etwas unseriöse Studie von Microsoft, dass die durchschnittliche Dauer der Aufmerksamkeit des Menschen von zwölf Sekunden im Jahr 2000 auf acht Sekunden in 2013 abgenommen hat. Ein Goldfisch hat laut der Studie eine Aufmerksamkeitsdauer von neun Sekunden", sagt Görland. Durch den Medienwandel gebe es eine Beschleunigung des Lebens. Dabei seien Menschen gar nicht fähig zum Multitasking, dies hätten mehrere Studien gezeigt. "Durch die Beschleunigung müssen wir immer mehr Prozesse in kürzere Zeitspannen packen, deswegen versuchen wir uns an Multitasking. Das ist keine Fähigkeit, sondern eine Antwort der menschlichen Psyche auf die Informationsüberflutung."

Im Schnitt entsperren Nutzer 53 Mal am Tag ihr Handy und schauen drauf. Alle 18 Minuten unterbrechen sie eine Tätigkeit, um sich mit anderen Apps zu beschäftigen. Diese Zahlen stammen aus einer Studie des Bonner Forschers Alexander Markowetz. Görland beschreibt dieses Phänomen als "rutschende Abhänge": "Man hat Angst, etwas zu verpassen, man will sich durch das Handy ständig mit der Welt synchronisieren."

Laut Cindy Roitsch ist es eine große Herausforderung, sich im Homeoffice nicht ständig vom Handy oder Webseiten am Laptop ablenken zu lassen. An dem Bremer Zentrum forscht sie zu diesen Themen. Mit Auftreten der mobilen Medien im Jahr 2010, vor allem des Smartphones, habe man unabhängig von Zeit und Ort die Möglichkeit, auf Apps und Kommunikation zuzugreifen – umgekehrt sei man immer auch für andere erreichbar. Dieses Phänomen der permanenten Erreichbarkeit habe sich im Homeoffice noch verstärkt. Deswegen sei es wichtig, Grenzen zu ziehen.

Eine Variante der Grenzziehung, die Roitsch präsentiert: Trennung der privaten und dienstlichen Geräte. Diensthandys und Dienstlaptops seien  eine gute Strategie, sich nicht von privaten Anrufen, Instagram oder Facebook während der Dienstzeit ablenken zu lassen – indem man die privaten Geräte nicht mit an den Arbeitsplatz nimmt. Doch diesen Luxus, über mehrere Geräte zu verfügen, habe nicht jeder. Helfen könnte aber schon, für dienstliche Angelegenheiten eine andere Mail-Adresse einzurichten.

"Für junge Menschen ist es nicht mehr leicht, sich dem komplett zu entziehen", sagt Roitsch. Im Studium beispielsweise brauchen die Studierenden einen Laptop. "Viele nutzen ein Gerät für alles und sind dann permanent mit allen Lebensbereichen verbunden." Weil viel parallel passiere – wie Mails beantworten, recherchieren, an Texten schreiben, Zoom-Konferenzen –, lasse man sich auch schneller ablenken.

Cordula Schrör, stellvertretende Leitung der psychologischen Beratungsstelle des Studierendenwerks in Bremen, berichtet von mehr Anfragen während der Pandemie: "Die Frage nach Hilfestellung bei Konzentrations- und Motivationsschwierigkeiten ist gestiegen", sagt sie. Auf der Internetseite der Beratungsstelle gibt es eine Übersicht mit Hilfsangeboten zu Arbeitszeitaufteilung, Pausenzeiten und Tagesplanungen. Laut Schrör kann der Griff zum Handy oft auch Symptom für etwas anderes sein. Die zentrale Frage dabei sei: Warum bin ich gerade nicht fokussiert? "Und da kann man schauen: Was steigert die Konzentrationsfähigkeit? Das wären klassisch: Bewegung, trinken, Ernährung, Schlaf", sagt Schrör.

Roitsch empfiehlt, sich auch im Homeoffice Rituale für Arbeitsbeginn und Feierabend anzugewöhnen, um eine klare Grenze zwischen Freizeit und Arbeit zu ziehen. Dazu habe sie auch Interviews geführt; Strategien seien  unter anderem, den Feierabend mit bestimmten Medieninhalten wie der Tagesschau einzuleiten oder das gemeinsame Abendessen mit der Partnerin oder dem Partner.

Aber nicht nur vor und nach der Arbeitszeit gibt es konkrete Herangehensweisen, sondern auch währenddessen: "Alle Signaltöne ausstellen, das Handy mit dem Monitor nach unten auf den Tisch legen", empfiehlt die Expertin. Dann gebe es bei Smartphones – auch mithilfe von Apps – die Möglichkeit, Ruhezeiten einzustellen. "Das Widersinnige ist, dass man versucht, den Teufel mit dem Beelzebub zu vertreiben. Man nutzt Medien, um weniger Medien zu nutzen." Diese Strategien funktionierten zudem nicht bei jedem.

Gerade die Apps sieht Roitsch kritisch: "Es ist sehr stark auf eine Art Selbstoptimierung ausgerichtet. Auf der Strecke bleibt dabei der Gedanke, auch mal zu sich zu kommen." Und auch Görland sieht in den Apps nicht die optimale Lösung. Nur weil man das Handy weglege oder bestimmte Apps blockiere, bedeute das nicht, dass auch Pause gemacht werde. Die Erwartungshaltung des Gegenübers, dass schnell auf Nachrichten reagiert wird, bleibe. "Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die ein bisschen von dieser Kommunikationserwartung und dem damit einhergehenden Druck ablässt", betont Görland.

Konzentration sei etwas sehr Individuelles. "Ich habe den einen Trick, der für alle hilft, nicht in petto", sagt Schrör. Bei allen Techniken gelte: Ausprobieren und sich selbst dabei beobachten, von welchen Apps am meisten Ablenkung ausgeht. Und nicht zu streng mit sich selbst zu sein. Auch Pausen gehörten zum konzentrierten Arbeiten, darin sind sich alle Expertinnen und Experten einig.

Zur Sache

Pomodoro-Technik

ist eine Methode des Zeitmanagements, die Francesco Cirillo entwickelt hat. Um konzentriert zu arbeiten, soll man 25 Minuten arbeiten und danach eine Pause von fünf Minuten einlegen. Cordula Schrör von der psychologischen Beratungsstelle des Studierendenwerks in Bremen empfiehlt neben dieser auch andere Methoden: Bei besonders schweren Aufgaben helfe es, sich zunächst nur zehn Minuten an die Aufgabe zu setzen. Außerdem empfiehlt die Beratungsstelle eine Zeitaufteilung von 45 Minuten Arbeit plus 15 Minuten Pause. Nach drei bis vier von diesen Zeitabschnitten sollte es eine längere Pause geben.

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