Aktuelle Umfrage Bremer streiten oft ums Erbe

Wenn es um den Nachlass geht, fahren die Bremer ihre Krallen aus. Dabei scheuen sie keinen Ärger mit den Verwandten. Und auch bei der Steuer gucken sie, wie das Finanzamt möglichst leer ausgeht.
07.06.2017, 19:26
Lesedauer: 3 Min
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Bremer streiten oft ums Erbe
Von Marlo Mintel

Wenn es ums Erben geht, wird in Bremen bundesweit am häufigsten gestritten. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Marktforschungsinstituts YouGov. Demnach streitet mehr als ein Viertel der befragten Bremer ab 18 Jahren um den Nachlass.

Das sind neun Prozentpunkte mehr als im Bundesdurchschnitt und fast doppelt so viele Menschen wie in Sachsen-Anhalt und Berlin. Direkt hinter Bremen liegen bei den Streitigkeiten um das Erbe auf Platz zwei Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. Beide Bundesländer kommen bei der Studie auf jeweils 23 Prozent.

Der Bremer Rechtsanwalt und Notar Günther Hoffmann kann sich das Ergebnis nur so erklären, dass in ländlichen Gebieten „ein anderer Familienzusammenhalt“ herrsche als in der Stadt. Er schätzt die Situation so ein: „Wenn man sich die Familienverbände in kleinen Orten oder Dörfern anschaut, dann ist dort der Familienverband viel häufiger zusammen.“

Konfliktpotenzial unter Geschwistern

Hier herrsche eine „andere Gemeinschaft“, der Familienverbund sei nachhaltiger als der in der Stadt. „Je enger die Familie aufeinander hockt, desto weniger streitsüchtig sind die einzelnen Familienmitglieder untereinander“, sagt Hoffmann und fügt an: „Die, die auf dem Land leben und vielleicht eher aus einfachen Verhältnissen kommen, nehmen es dann so hin, wie es die Eltern gewollt haben.“

Hoffmann hat als Anwalt vornehmlich mit Erbangelegenheiten zu tun. Seiner Meinung nach spiele bei diesem Thema generell das Verhalten der Eltern zu Lebzeiten eine entscheidende Rolle. Haben sie eines der Kinder bevorzugt, bringe das später Konfliktpotenzial unter den Geschwistern mit sich.

„Zu Lebzeiten der Eltern werden die Neidgefühle unterdrückt. Danach ist es anders“, weiß Hoffmann aus seinem Arbeitsalltag zu berichten. Ein Disput hänge aber auch meist von der Erbsumme ab. „Je mehr Vermögen zu verteilen ist, desto größer ist das Streitpotenzial“, sagt der Rechtsanwalt.

Viele fühlen sich ungerecht behandelt

Doch bei den Bremern ist der Streit ums Erbe nur der eine Aspekt. Der andere Aspekt ist, dass sie eher unzufrieden mit ihren bisherigen Erbschaften sind. Knapp ein Viertel von ihnen geben an, dass sie sich „eher ungerecht“ behandelt fühlen bei den Erbangelegenheiten, mit denen sie bisher zu tun hatten.

Damit ist Bremen Schlusslicht. Am zufriedensten mit der Verteilung der Erbschaften sind dagegen die Bürger aus Sachsen-Anhalt. Fast neun von zehn der Befragten halten die Höhe der bisherigen Erbschaften für gerecht. An der Spitze stehen die Bremer allerdings, wenn es darum geht, Erbschaftssteuern zu vermeiden.

Bei 18 Prozent der Erbfälle wird geschaut, wie das Finanzamt nach Möglichkeit leer ausgeht. Laut der Studie liegt der Durchschnittswert hier bundesweit bei zehn Prozent. Eine Möglichkeit, um hier Steuern zu vermeiden, ist, den Kindern bereits zu Lebzeiten einen Teil des Vermögens zu übertragen – und zwar so, dass die Summe unter dem steuerpflichtigen Betrag liegt.

Höhe der Erbschaften steigt

21 Prozent aller Bremer nutzen diese Option, die der Gesetzgeber so erlaubt. Auch damit liegen die Hansestädter über dem Bundesdurchschnitt. Grundsätzlich fallen laut Umfrage die Erbschaften in Bremen besonders hoch aus. Bei 20 Prozent lag der Wert höher als 100.000 Euro.

Nur in Hessen, Bayern und Hamburg liegen die Summen noch höher. Gleichzeitig müssten laut der Online-Befragung in Bremen 18 Prozent überdurchschnittlich viel Erbschaftssteuer zahlen. Die Studie geht davon aus, dass die Höhe der Erbschaften in den kommenden Jahren steigen wird.

Ein Grund dafür sei, dass hier eine große Zahl an Immobilien von einer Generation an die nächste weitergegeben werde. Dies sei wohl bei mehr als der Hälfte der Erbschaften zu erwarten. 40 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass sie hier mehr als 100.000 Euro vererben werden. 20 Prozent gaben sogar Immobilienwerte an, die bei 250.000 Euro und mehr liegen.

Auf der Linie des Bundesdurchschnitts

Die Umfrage gibt zudem auch Aufschluss darüber, was die Bremer neben Immobilien noch erben. Demnach handelt es sich bei 24 Prozent der Nachlässe um Schmuck. Bei zwölf Prozent werden Wertpapiere wie Aktien und Fonds weitergegeben. Bei beidem liegt die Hansestadt damit wiederum über dem Bundesdurchschnitt.

Übrigens haben bei der Umfrage 35 Prozent der Bremer angegeben, dass sie in der Vergangenheit schon mal etwas geerbt hatten. Damit liegen sie genau auf der Linie des Bundesdurchschnitts. Als Basis für die Umfrage dienten mehr als 7400 Online-Interviews. Diese wurden im April vom Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Berliner Quirin Bank erhoben.

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