Kein Ende der Schifffahrtskrise vor 2018 Brexit: Warum Bremen und die EU profitieren könnten

Der Chefvolkswirt des Bankhaus Lampe, Alexander Krüger, spricht über die Folgen, die der Brexit für Bremen und die EU haben könnte - aber auch darüber, das Anhalten der Schiffahrtskrise.
02.07.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Brexit: Warum Bremen und die EU profitieren könnten
Von Maren Beneke

Der Chefvolkswirt des Bankhaus Lampe, Alexander Krüger, spricht über die Folgen, die der Brexit für Bremen und die EU haben könnte - aber auch darüber, das Anhalten der Schiffahrtskrise.

Der Brexit ist zurzeit das bestimmende Thema, die konkreten Folgen sind derzeit noch nicht absehbar. Ihr Job ist es aber ja, in die Glaskugel zu schauen: Welche Branchen, die auch in Bremen ansässig sind, werden besonders unter einem Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union leiden?

Alexander Krüger: Es gab zwar bereits Nachrichten, dass erste Aufträge gestrichen worden sind. Aber daraus ist jetzt keine Konjunkturpanik abzuleiten. Sollte Großbritannien die EU tatsächlich verlassen, dann dürfte auch der Automobilsektor betroffen sein. Es würden weniger Fahrzeuge dorthin exportiert werden. Es kann aber auch zu Standortverlagerungen kommen – Autos, die derzeit in Großbritannien gebaut werden, könnten ja genauso gut auch in der EU produziert werden. Und als erste Reaktion haben auch Banken erklärt, Mitarbeiter aus London abzuziehen. Wir sprechen hier über mehrere tausend Arbeitsplätze. Am Ende werden Unternehmen genau durchrechnen, was sich für sie am meisten lohnt. Der Verlierer ist aber in jedem Fall Großbritannien.

Mit welchen Auswirkungen rechnen Sie für die Volkswirtschaften?

Wir erwarten zum jetzigen Zeitpunkt keine Rezession in Großbritannien, und wir haben auch unsere Wachstumsprognosen für Deutschland und den Euroraum nicht gesenkt. Dafür gibt es keinen Anlass – nüchtern betrachtet hat sich ja nichts geändert. Es gibt lediglich einen formalen Beschluss der britischen Wähler, die EU zu verlassen, der für die britische Regierung rechtlich nicht bindend ist. Sollte es einen Austrittsantrag tatsächlich geben, dann wird aus unserer Sicht frühestens 2018 darüber verhandelt. Bis dahin hat Großbritannien weiterhin uneingeschränkten Zugang zum europäischen Binnenmarkt. Die Wahrscheinlichkeit für einen Exit vom Brexit liegt unserer Meinung nach bei 35 Prozent.

Das ist eine ziemlich hohe Prozentzahl dafür, dass ein Volk eine Entscheidung getroffen hat und erwartet, dass diese Entscheidung auch ernst genommen wird.

Das stimmt. Die Bevölkerung ist aber tief gespalten und das Land ein wichtiger Bündnispartner der EU. Alle wissen, dass es wenig Sinn macht, gute Wirtschaftsbeziehungen, die über einen sehr langen Zeitraum gewachsen sind, plötzlich zu kappen. Warum sollte Großbritannien nicht einen Weg finden, in der EU zu bleiben?

Ihre Voraussagen bilden die Basis für die Anlagestrategie Ihrer Bank und damit für die Kundenzufriedenheit sowie den Erfolg Ihres Instituts. Wie groß ist der Druck auf Sie und Ihr Team nach solch doch überraschenden Entscheidungen wie dem Brexit?

Es war in jedem Fall ein arbeitsintensiver Freitag. Wir haben zwar nicht mit einem Brexit gerechnet, auf jeden Fall aber mit einer knappen Entscheidung. Unsere Konjunkturprognosen für Großbritannien haben wir aber schon vor gut einem Jahr zurückgenommen, weil wir wussten, dass es im Vorfeld dieses Ereignisses Verunsicherung geben wird – bei Unternehmen und Finanzmarktakteuren.

Die Bremer gelten als hanseatisch zurückhaltend. Wenn nun die Kapitalmärkte einmal mehr verrückt spielen: Warum sollten sie dennoch investieren?

Für Bremer Kunden gibt es keine andere Empfehlung als für andere Kunden: Am Ende des Tages sind die konjunkturellen und politischen Risiken, die es aktuell gibt, doch insgesamt recht groß. Auch die Staatsschuldenkrise ist nicht gelöst. Im Gegenteil: Das Problem wird von Monat zu Monat schlimmer. Daher empfehlen wir: Streuen, streuen, streuen – das Vermögen also breit anzulegen.

Hier am Standort gibt es noch ein ganz anderes Problem: Die Schifffahrtskrise beutelt in Bremen nicht nur die Reedereien, sondern auch die Bremer Landesbank. Wann setzt wieder eine Erholung auf den Märkten ein?

Jedenfalls nicht vor 2018. Wir sind als Bank seit Längerem skeptisch gegenüber dem weltwirtschaftlichen Wachstum eingestellt, weil uns die Wachstumstreiber fehlen. Die Volkswirtschaften werden von ihren Regierungen zudem nicht fit gemacht, und auch geopolitisch gibt es Risiken. Beispielsweise die Scharmützel zwischen China und den USA im südchinesischen Meer. Zudem bestehen beispielsweise Überkapazitäten auf dem Containermarkt. Wie soll sich die Schifffahrt in diesem Umfeld erholen?

Das Gespräch führte Maren Beneke.

Zur Person

Zur Person: Alexander Krüger hat Volkswirtschaftslehre studiert. Im Anschluss arbeitete er als wissenschaftlicher Angestellter und promovierte im Fachbereich Wirtschaftspolitik. In die Bankenbranche wechselte er 2000: zunächst als Volkswirt bei der West/LB, ab 2008 als Leiter Kapitalmarkt-Analyse beim Bankhaus Lampe. 2011 wurde er zum Chefvolkswirt befördert.
Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+