OHB „Diese Krise ist ein Stresstest“

OHB-Personalvorstand Klaus Hofmann über den Umgang mit Corona am Bremer Standort und den europäischen Tochterunternehmen. Der Technologiekonzern hat unter anderem Standorte in Italien und Schweden.
09.04.2020, 08:09
Lesedauer: 5 Min
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„Diese Krise ist ein Stresstest“
Von Peter Hanuschke

Homeoffice war bislang beim familiengeführten Technologiekonzern OHB die Ausnahme. Seit der Corona-Krise sieht das anders aus. Wie leicht war Homeoffice gerade auch am Bremer Hauptsitz mit etwa 1000 Mitarbeitern umsetzbar?

Klaus Hofmann: Die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten, also Homeoffice zu machen, haben wir bereits vor zwei Jahren eingeführt. Für die deutschen Standorte der OHB System AG, dem größten Tochterunternehmen im Konzern, wurde dazu eine entsprechende Betriebsvereinbarung abgeschlossen. Wir sind also nicht bei null gestartet, wir haben Homeoffice aber natürlich nicht in dieser Dimension genutzt wie im Moment.

Wie viele Mitarbeiter sind derzeit im Home­office?

Wir haben eine Spitzenquote von 40 Prozent.

Nicht jeder ist fürs Homeoffice geschaffen oder benötigt etwas mehr Zeit, damit umzugehen. Was ist aus Ihrer Sicht die größte Herausforderung?

Die größte Veränderung liegt in der komplexeren Verantwortung der disziplinarischen Führungskraft. Sie muss für die richtige Abstimmung im Team sorgen, damit keine Reibungsverluste entstehen. Es gibt Bereiche, die jetzt erstmals bedingt durch die Corona-Pandemie so arbeiten. Das bedarf schon etwas Zeit, bis es sich richtig eingespielt hat. Aber das ist normal, und das berücksichtigen wir. In den ersten zwei Wochen war es etwas ungewohnt für alle, inzwischen hat sich das eingelaufen. Wichtig ist dabei, Kommunikationswege zu nutzen, die praktisch und definiert sind.

Kann in den drei Reinräumen am Bremer Standort, in denen die Satelliten gefertigt werden, weiter normal produziert werden?

Bislang ging das. Wir spüren allerdings bereits an manchen Stellen die ersten Stockungen in der Lieferkette. Je länger die Ausgangssperren dauern, insbesondere im Süden Europas, erwarten wir schon für manche Programme Engpässe.

OHB hat in vielen Ländern Europas Tochterunternehmen. Wie unterschiedlich wird in den Ländern mit der Virus-Pandemie umgegangen?

Wir haben die breiteste Spreizung in diesem Zusammenhang, die man sich derzeit wohl in Europa vorstellen kann. Mit einer letztendlich von dem sehr restriktiven Shut Down in der Lombardei betroffenen OHB Italia, die es aber trotzdem mit einer Mindestkapazität schafft, weiterzuarbeiten und bemerkenswerterweise auch von direkten Infektionsfällen wie durch ein Wunder bislang verschont geblieben ist, bis hin zu OHB Schweden. Dort gibt es bis auf sehr minimale Einschränkungen im öffentlichen Leben eigentlich einen normalen Betriebsablauf.

Können Sie beschreiben, wie die Stimmung unter der Belegschaft im Konzern ist?

Zunächst will ich vorausschicken: Wir machen uns alle Gedanken, wie es in Zukunft weitergehen wird. Und je nach Betroffenheit im ­persönlichen Umfeld durch Corona herrscht n­atürlich auch eine gewisse Unsicherheit. Aber es zeigt sich zum Glück, dass unsere OHB-Grundwerte Zusammenhalt, Vertrauen und dieses ,Wir schaffen das‘ weiterhin Bestand haben. Nach anfänglichen Irritationen, wie man mit Einschränkungen etwa in der Lieferkette oder im öffentlichen Leben als Unternehmen umgeht, war sofort ein gemeinsames Bekenntnis zu spüren. Wer im Unternehmen sein muss, der kommt, wenn er kann, steht dann seine Frau, seinen Mann. Wer entsprechend flexibler im Homeoffice arbeiten kann oder muss, der nutzt das. Und da gibt es niemanden, der da nicht mitzieht.

Ist OHB relativ krisensicher?

Auch wenn wir kein Just-in-time-Fertigungsunternehmen sind, möchte ich trotzdem nicht unsere Sorge um die Zukunft runterspielen. Wir haben sicherlich einen etwas größeren Zeitpuffer als Unternehmen, die von der Just-in-time-Produktionszulieferung abhängen, aber wenn die jetzige Einschränkungswelle so anhält, wie wir es befürchten müssen, wird es auch uns nicht erspart bleiben, weitere Maßnahmen vorzubereiten, um handlungsfähig zu bleiben.

Kann man als Unternehmen irgendetwas Positives aus dieser Krise für die Zukunft ziehen?

Diese Krise ist ein Stresstest, und da würde ich uns als Unternehmen ein positives Zeugnis ausstellen. Wir haben aber auch sicherlich eine vorteilhaftere Situation als derzeit viele andere Unternehmen, weil wir weiterhin relativ flächendeckend arbeiten können. Als Befürworter von flexibler Arbeitsorganisation verspreche ich mir, sei es auf Homeoffice oder individuell geschneiderte Arbeitszeiten bezogen, dass wir das, was wir ohnehin schon tun, noch intensiver in der Zukunft vorantreiben können. Die Bewährungsprobe, die wir diesbezüglich jetzt durchlaufen, kann man dafür sehr gut nutzen.

Ich möchte noch einmal auf OHB Italia zurückkommen, wo die Situation in Europa sicherlich mit am schlimmsten ist. Wie unterstützt man sich als Konzern?

Wir stehen in regelmäßigem, intensivem Austausch mit unseren Kolleginnen und Kollegen in Italien. Für sie ist im Moment das Wichtigste, zu wissen, dass sie mit dem Bremer Stammhaus einen Partner haben, der ihnen jederzeit bei Bedarf mit Rat und Tat zur Seite steht.

Wie sind die Mitarbeiter vor dem Virus in der Produktion geschützt?

In der Produktion arbeiten wir ohnehin schon immer mit einer speziellen Schutzkleidung für Reinräume. Dort ist es nicht überall möglich, den erforderlichen Abstand einhalten zu können. Denn eine Person macht die Integrationsarbeit, ein Qualitätsingenieur kontrolliert das parallel. Zudem arbeiten die Kolleginnen und Kollegen dort oft gemeinsam an einem Bauteil recht nah beieinander. Deshalb müssen wir in Zeiten der Corona-Pandemie diese Schutzkleidung um einen Mundschutz ergänzen.

Wie wird der Umgang mit dieser Krise innerhalb des Konzerns gesteuert?

Wir haben bereits Ende Februar ein Krisenkoordinationsteam aufgestellt, das sich seither täglich trifft und auf Basis der sehr aktuellen Informationen und Entwicklungen Entscheidungen trifft. Auf Grundlage dieser Entscheidungen informieren wir die Belegschaft sehr gezielt. Diese Informationspolitik folgt den Grundsätzen von Aktualität, Transparenz und Schnelligkeit. Dabei zählt für uns Sorgfalt vor Schnelligkeit. Vor allem liefern wir unseren Führungskräften einen Leitfaden, an dem sie ihre Entscheidungen in den Projekten und Abteilungen ausrichten können. Das wird von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern honoriert. Da wir sehr frühzeitig mit dem Krisenstab begonnen haben, konnten wir uns dadurch an der einen oder anderen Stelle sicherlich etwas besser darauf vorbereiten. Der Schutz der Belegschaft hat den absolut höchsten Stellenwert.

Was ist wichtig bei einem Krisenstab eines Konzerns, der europaweit aufgestellt ist?

Es geht beispielsweise um einen permanenten Austausch mit den europäischen Tochterunternehmen. Es geht etwa darum, dass unsere Leitlinien, soweit es geht angepasst an die Situationen in den Ländern, sich in einer koordinierten Konzernvorgehensweise wiederfinden. Das muss mehr oder weniger ständig passieren, weil wir eine so dynamische Entwicklung haben. Nur so ist es möglich, unsere Teams schnell und transparent zu informieren.

Das Gespräch führte Peter Hanuschke.

Info

Zur Person

Klaus Hofmann

ist seit 2015 Vorstandsmitglied der OHB SE. Hofmann, Jahrgang 1960, hat an der Universität München Betriebswirtschaftslehre studiert. Von 1992 bis 2011 bekleidete Hofmann verschiedene leitende Funktionen bei Airbus.

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