Bremer Arbeiterwohlfahrt Die AWO erfindet sich neu

Bremen. Noch ist der AWO-Kreisverband Bremen in der vorläufigen Insolvenz. Wenn alles gut geht, wird der neue AWO-Verein ab April die bisherigen Geschäfte weiter führen. Die Arbeitsfelder (etwa die Kitas) werden dann von einer gemeinnützigen GmbH übernommen.
16.03.2011, 05:00
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Von Rainer Kabbert

Bremen. Die Bremer Arbeiterwohlfahrt (AWO) stellt sich neu auf. Wichtigste Änderungen: Sie wird durch einen Aufsichtsrat kontrolliert. Noch ist der Kreisverband Bremen in der vorläufigen Insolvenz. Wenn alles gut geht, wird der neue AWO-Verein ab April die bisherigen Geschäfte weiter führen.

In Zukunft soll das operative Geschäft der AWO komplett vom Kreisverband getrennt werden. Dazu gehören die Kitas, Jugendclubs, das Frauenhaus, Dienstleistungszentren, Beratungsstellen für Migranten sowie Pro Sozial (In-Job-Gelegenheiten). Der Entwurf für eine neue Satzung sieht vor, diese Geschäftsfelder als Tochtergesellschaft auszugliedern in Form einer gemeinnütziger GmbH.

Bisher sind Aufgaben der AWO schon in mehreren Tochtergesellschaften des Kreisverbands konzentriert: Vor allem in der AWO Integra gGmbH, der AWO Ambulant gGmbH und der AWO Pflege gGmbH. Dazu kommen noch diverse Beteiligungsgesellschaften wie zwei Zeitarbeitsfirmen, aber auch Beteiligungen etwa an der Lidice-Haus gGmbH.

Die Sozial- und Jugendbehörde beobachtet den Prozess der Neugründung genau. Arbeiterwohlfahrt Kreisverband Hansestadt Bremen e.V. soll der neue Verein heißen. Sozialstaatsrat Joachim Schuster kündigt die Prüfung der neuen AWO-Strukturen an: Ist sie tragfähig und glaubwürdig, die bisherigen Aufgaben zu erfüllen? Können Zuwendungen etwa für die Kindertagesstätten oder das Frauenhaus weiter fließen? "Was die AWO bisher an Leistungen erbrachte, war immer in Ordnung", bestätigt Schuster. Sein Eindruck ist, dass alle zuversichtlich sind, dass die neue AWO-Konstruktion funktionieren könnte.

Allerdings müssen bis dahin noch juristische Hürden genommen werden. "In solchen Verfahren wird häufig bis zum Ende gepokert", vermutet Schuster im Hinblick auf Verhandlungen mit den Gläubigern. Dabei geht es vor allem um Mietverträge aus den 90er-Jahren, die der AWO das Leben schwer gemacht haben. Bis Ende März muss der vorläufige Insolvenzverwalter Edgar Grönda dem Insolvenzgericht einen Insolvenzplan vorlegen. Eröffnen die Richter das Insolvenzverfahren, benötigt Grönda die Zustimmung der Gläubiger für seine Vorschläge. Der neue AWO-Verein wird ab 1.April neuer Rechtsträger und übernimmt die Arbeitsfelder, das Eigentum und das Personal des alten AWO-Kreisverbands, der am 31.März liquidiert wird.

Sollte wider Erwarten das Insolvenzverfahren schief laufen, hat die Sozialbehörde schon einen Notplan in der Schublade. Der lückenlose Betrieb etwa der AWO-Kindertagesstätten würde übergangsweise von der städtischen KiTa Bremen oder einem anderen Träger gewährleistet. Die Betreuung der rund 1000 betroffenen Kinder, so Sozialstaatsrat Schuster, würde auf jeden Fall sichergestellt werden. Für die Sozialbehörde ist entscheidend, dass die Dienstleistungen weiter erbracht werden, mit den bisherigen Beschäftigten, vielleicht aber auch mit einem neuen Träger. "Was die AWO betrifft, sind wir da leidenschaftslos."

Die wirtschaftlichen Probleme der AWO haben auch Zweifel an den Organisationsstrukturen geweckt. Jochen Zimmermann, Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, Unternehmensrechnung und Controlling an der Universität Bremen: "Ehrenamtliche Strukturen haben sich bei wirtschaftlichen Größenordnungen wie bei der AWO nicht bewährt." Er vergleicht den Mitgliederverein Arbeiterwohlfahrt mit Bundesliga-Fußballvereinen, die inzwischen strikt nach wirtschaftlichen Kriterien organisiert sind - aus dem Ehrenamt hin zur Professionalisierung. "Bei der AWO werden die Gremien dagegen mit Leuten besetzt, die sich mehr in der Sozial- als Finanzpolitik auskennen - da ist zu viel Gutmenschentum."

Gefragt seien Leute, die sich in Kostenstrukturen auskennen und betriebswirtschaftliche strategische Entwicklungen nachvollziehen könnten. Die Arbeit etwa der Aufsichtsräte wird nach Ansicht Zimmermanns unterschätzt, was Sachverstand und Zeitbudget betrifft: "Das ist das Risiko beim Ehrenamt."

Für Schuster sind ehrenamtliche Strukturen in den Wohlfahrtsverbänden dagegen positiv, auch wenn sie sich inzwischen zu Wirtschaftsunternehmen entwickelt haben. "Die Verbindung zum Ehrenamt ist zukunftsfähig", sagt der Sozialstaatsrat. Auch wenn es um Kontrollfunktionen geht? Ja. Schuster verweist auf Wirtschaftsprüfungen sowie auf Prüfungen, ob staatliche Zuwendungen ordnungsgemäß fließen. "Alles andere ist Sache der AWO, sie muss wissen, wie sie sinnvoll betriebswirtschaftlich handelt." Doch warum hat der Sozialstaatsrat seine AWO-Mitgliedschaft zurückgegeben? "Das ist reine Privatsache."

Im Aufsichtsrat der neuen AWO, der die gemeinnützigen GmbHs kontrollieren soll, sind Eva-Maria Lemke-Schulte als Präsidiumsvorsitzende (langjährige Senatorin) und Erich Kruschel (Bankmanager) als ihr Stellvertreter gesetzt. Dazu kommt ein weiteres gewähltes Mitglied aus dem Präsidium sowie zwei vom Präsidium zu benennende externe Aufsichtsratsmitglieder. AWO-Landesvorsitzende Ute Wedemeier macht den Arbeitnehmern Hoffnung: "Das kann auch ein Vertreter aus dem Betriebsrat sein." Diesen Sitz hatten die Arbeitnehmer immer wieder gefordert.

Geht im Insolvenzverfahren alles glatt, muss noch das Verhältnis mit den Bremerhavenern im AWO-Landesverband geklärt werden. Anfang April ist, nach einigen Nickligkeiten, ein Krisengespräch geplant. "Da sollte man auch mal grundsätzlich diskutieren, auch strategisch-politisch", fordert der Bremerhavener AWO-Chef Volker Tegeler.

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