Bergwerksanlage in Bremerhaven verschifft Ein Koloss für Kanada

So etwas ist auch in Bremerhaven nicht alltäglich. Im Kaiserhafen auf der ABC-Insel wurde eine Steinbrecheranlage komplett aufgebaut. Wie viel Zeit notwendig ist, um so viele Tonnen Stahl aufs Schiff zu bringen.
15.07.2019, 22:25
Lesedauer: 4 Min
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Ein Koloss für Kanada
Von Florian Schwiegershausen

Harold Gammenga ist an diesem Tag der Mann, ohne den nichts geht auf der ABC-Insel im Kaiserhafen von Bremerhaven. Denn der Niederländer hält die Fernbedienung für die Räder in der Hand, mit denen eine 1470 Tonnen schwere Steinbrecheranlage auf ein Spezialschiff gehievt wird. Thyssen-Krupp Industrial Solutions hat die Anlage auf der ABC-Insel zusammengebaut, und von Bremerhaven aus soll sie zusammen mit einer Siebanlage nach Kanada gebracht werden. Doch was man als erstes braucht an so einem Tag, ist Geduld und Zeit. Lieber überprüfen Gammenga und seine Kollegen von der Spezialfirma Ale alles einmal mehr als einmal zu wenig.

Eigentlich sollte es ja bereits um 12 Uhr losgehen. Daraus wurde dann aber 13 Uhr, und schließlich werden um 15.30 Uhr die Motoren angelassen für die 76 Spezialachsen, die sich unter der tonnenschweren Anlage befinden. Die BLG Logistics hat davon selbst 36 Stück, die restlichen sind aus ganz Europa extra nach Bremerhaven gebracht worden, um den Koloss von der Kaimauer auf das High-and-Heavy-Schiff zu bringen. Der Projektleiter von Thyssen-Krupp, Andreas Wiegeler, hat eine Spiegelreflexkamera mit dabei und macht Fotos.

Zwei Jahre Planung

Die sind aber für ihn privat. Auch wenn er seinen Job schon seit Jahren macht, sagt er trotzdem: „Solch ein Projekt erleben Sie nicht so oft. Davon werden Sie noch lange erzählen.“ Auch einige andere Arbeiter haben eine Kamera dabei und machen Fotos – manche nehmen ihr Smartphone. Für Wilfried Hermann, Geschäftsführer von Ipos Logistics in Stuhr, endet damit ein Projekt, das von der Planung her vor zwei Jahren begonnen hat. Ipos und die Projektfirma Deugro haben seitdem daran gearbeitet, dass alles im Kaiserhafen gebaut und verschifft werden kann. Zu Spitzenzeiten haben hier täglich 150 Mann gearbeitet.

Inzwischen ist es 16 Uhr. Harold Gammenga setzt den 33 Meter hohen Koloss in Bewegung. Erst muss er mit den 1470 Tonnen eine 90-Grad-Kurve fahren, um die Steinbrecher-Anlage dann geradeaus auf das Schiff zu setzen. Dass er 2,03 Meter groß ist, ist für diesen Job nicht von Nachteil. Gleichzeitig strahlt Gammenga eine Tiefenentspannung aus, die auch notwendig ist. Sonst steuert er mit der Fernbedienung und den Spezialrädern Rotorblätter oder Schiffsteile von der Kaimauer auf das Transportschiff. Für diese Räder musste er eine Spezialschulung machen.

Es ist eine Frage des Klimas

Um 16.30 Uhr rollt die Bergwerksanlage ganz ruhig Richtung Kaimauer. Dass der Steinbrecher und die Siebanlage in Bremerhaven zusammengebaut wurden, hat mit dem Klima zu tun. Denn dort auf Baffin Island im Norden Kanadas, wo die Kolosse hinsollen, ist es wegen des Permafrostes nur drei Monate im Jahr möglich, die schwere Ladung anzulanden und an den Bestimmungsort zu bringen. Das Spezialschiff, die Biglift Barentsz, ist nicht nur für Ladungen von 5500 Tonnen und mehr ausgelegt, es ist auch eines der wenigen Transportschiffe der Eisklasse.

Um 16.57 Uhr hält das Gefährt an. Es gibt eine kurze Besprechung, bevor die Anlage endlich über die Kaimauer an Bord geht. Für den BLG-Ingenieur Ronald Weiterer und seine Kollegen ist die meiste Arbeit getan. Er hat von BLG-Seite berechnet, ob die Achsen die schwere Last stemmen können. Die Kaimauer selbst kann an dieser Stelle 20 Tonnen pro Quadratmeter tragen.

Sonst werden von hier aus Windanlagen verschifft – nun aber dieser Steinbrecher von Thyssen-Krupp. Auch für die BLG ist es ein besonderes Projekt, und es sollen in Zukunft gern mehr werden. Als die Anlage gebaut wurde, lief immer eine Kamera mit, woraus ein Zeitraffer entstanden ist. Auch an diesem Tag geht immer wieder eine Kameradrohne in die Luft, um die Arbeiten von oben zu dokumentieren. Die einzigen, denen das nicht gefällt, sind die Möwen. Sobald sich das surrende Fluggerät in die Luft begibt, ist lautes Gekreische zu hören.

Gegen 17.20 Uhr rollt die Anlage auf das Schiff. Vorher lag der Tiefgang bei etwa acht Metern, und das bleibt auch so. Dafür sorgt Kapitän Rien Daane. Der Niederländer pumpt während des Ladens im Inneren des Schiffs als Ballast das Wasser in die richtigen Tanks, damit es sich keinen Zentimeter zur Seite neigt. Denn wenn doch, könnte im schlimmsten Falle die Anlage zur Seite kippen, was lebensgefährlich wäre. Der 62-Jährige zeigt sich ebenso tiefenentspannt wie sein Landsmann an der Rädersteuerung. „Ich habe schon viele Projekte ähnlicher Art gefahren.“ Erfahrung hat er reichlich, immerhin fährt er seit seinem 17. Lebensjahr zur See.

Nordengland über Grönland nach Kanada

Es ist 17.45 Uhr. Der Steinbrecher ist komplett an Bord, nun muss Harold Gammenga nochmals eine 90-Grad-Kurve drehen, damit alles an die richtige Stelle kommt. An Land witzelt einer der Anwesenden: „Das ist so ähnlich wie Ausparken, nur etwas größer.“ 45 Minuten später steht an Bord schließlich alles an der richtigen Stelle. Projektleiter Andreas Wiegeler und seine Kollegen von Thyssen-Krupp können nun Feierabend machen: „Für uns war es ein langer Tag.“ Er selbst war seit 6.30 Uhr vor Ort. Die anderen Mitarbeiter von Deugro und Ale müssen noch etwas weiterarbeiten an diesem Tag. In den kommenden Tagen sollen noch weitere Teile auf das Schiff kommen.

Laut Plan soll Kapitän Daane mit seiner 21-Mann-Crew am 25. Juli am Kaiserhafen ablegen. Für die Millimeterarbeit durch die Schleuse ist nochmals seine Erfahrung gefragt. Etwa 14 Tage dauert die Fahrt vorbei an Nordengland und Grönland nach Kanada. Dort wird extra gerade eine provisorische Anlandemole gebaut. Für die Thyssen-Krupp-Mitarbeiter ist noch eine kleine Feier geplant als Abschluss des Projekts. Und spätestens 2020 sollen die Anlagen in Kanada im Bergwerk in Betrieb gehen.

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