Trennung von der Abteilung Distribution

GHB will 600 Mitarbeiter entlassen

Der Gesamthafenbetriebsverein (GHB) will sich von der Abteilung Distribution trennen. Davon betroffen sind insgesamt 600 Mitarbeiter.
28.02.2017, 15:10
Lesedauer: 3 Min
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GHB will 600 Mitarbeiter entlassen
Von Lisa Boekhoff

Der Gesamthafenbetriebsverein (GHB) will sich von der Abteilung Distribution trennen. Davon betroffen sind insgesamt 600 Mitarbeiter.

„Es ist fünf nach zwölf“ – der Satz hallt immer wieder über den Marktplatz. Die Turmuhr des Doms zeigt 12.05 Uhr. Die Mitarbeiter des Gesamthafenbetriebsvereins (GHB) sind zu einer Demonstration zusammengekommen. In ihren Händen halten sie eine lange Bahn Tapete.

Lutz, Ömer, Irina, Brigitte: 520 Namen sind darauf zu lesen. Die Beschäftigten haben sie aufgeschrieben, um zu zeigen, wer von der Entscheidung betroffen ist, die in diesen Momenten in der Bremischen Bürgerschaft getroffen wird. Dort tagt an diesem Dienstag der Aussschuss für Personal und Arbeit des GHB. Mitarbeiterin Gabi Böse hat kein gutes Gefühl: „Die Guillotine hängt in der Luft.“

Die Abteilung Distribution wird komplett geschlossen

Als die Demo vor der Bürgerschaft sich um kurz nach eins aufgelöst hat, ist klar: Das Unternehmen will die Abteilung Distribution komplett schließen. Das bestätigt Verdi-Sprecherin Vera Visser. Insgesamt seien davon 600 Mitarbeiter in Bremen und Bremerhaven betroffen. „Die Situation ist immer dramatischer geworden. Es musste gehandelt werden.“

Doch nun sei es wichtig, dass die Mitarbeiter vollständig und unbefristet in die Hafeneinzelbetriebe des Vereins übernommen werden – samt ihrer Rechte. Die Forderung der Gewerkschaft sei da klar. Teilweise arbeiteten die Beschäftigten seit Jahren und Jahrzehnten für die Hafenbetriebe.

Die BLG-Logistikgruppe, zu deren Kunden Tchibo und Mercedes gehören, beschäftigt mit 450 die meisten Mitarbeiter des GHB. Sie plant laut einer Sprecherin mindestens 300 der Mitarbeiter einzustellen. „Wir sehen das Problem und sind uns unserer sozialen Verantwortung bewusst.“ Nun müsse noch geprüft werden, welche Konditionen für die Einstellung gelten sollen.

Wirtschaftliche Schieflage

„Wir möchten einstellen und sind auf die Mitarbeiter angewiesen.“ Genug Arbeit gebe es, das sagt auch Visser. Die Mitarbeiter leisteten Überstunden und Sonderschichten bei den Hafenbetrieben. Doch der Druck sei groß. Die Distribution des GHB sei in eine wirtschaftliche Schieflage geraten. „Seit Monaten sind die Mitarbeiter im Unklaren und kommen mit Bauchschmerzen zur Arbeit.“

Uwe Schmidt, Betriebsrat des GHB und Mitglied der Bremischen Bürgerschaft für die SPD, sieht die Schuld bei der BLG. Der Druck für die Belegschaft entstehe, weil die Logistikgruppe den Gesamthafenbetriebsverein bewusst unterfinanzieren wolle. Das Ziel sei, die Mitarbeiter schließlich unter schlechteren Bedingungen wieder für sich arbeiten zu lassen.

„Sie sollen in prekäre Arbeitsverhältnisse gedrängt werden.“ Dabei nehme die Logistikgruppe eine drohende Insolvenz in Kauf. „Die BLG hat sich komplett vom Sozialplan verabschiedet. Sie spielt den GHB und andere Personaldienstleister gegeneinander aus.“

BLG bestreitet die Vorwürfe

Die Sprecherin der BLG bestreitet das. „Wir sind bestrebt, eine gute Lösung zu finden.“ Es gehe nicht um die Kosten. Viel wichtiger sei dem Unternehmen Flexibilität, um die Mitarbeiter nach Bedarf einzusetzen. In der Vergangenheit sei die seitens des GHB nicht immer gewährleistet gewesen hieß es im vergangenen Jahr.

Klar ist jedoch auch, dass der Preiskampf in der Branche groß ist. Der Geschäftsführer des GHB, Bernt Kamin-Seggewies, äußerte sich in der Vergangenheit schon öfter, dass er die Zukunft des Betriebs in der klassischen Hafenwirtschaft sehe. Das sei das Kerngeschäft. Die Distribution verursache dagegen monatlich ein Minus von 300.000 Euro. Er war am Dienstag nicht für ein Gespräch zu erreichen.

Am Ende der Tapete steht Gabi Böse. Sie ist hier, um für sich und ihre Kollegen zu kämpfen. „Das sind 520 Schicksale.“ Seit fast zehn Jahren arbeite sie für den GHB. Als Packerin und Lkw-Fahrerin sei sie für Tchibo oder Dettmer Container Packing tätig. Doch nun sei die Zukunft ungewiss.

Angst vor schlechteren Konditionen

Sie befürchtet, dass es viele Abstriche für sie gäbe, wenn sie von einem der Hafenunternehmen übernommen würde. Sie hat bereits von schlechteren Konditionen gehört: Langjährige Mitarbeiter sollen erneut eine Probezeit leisten, kein Urlaubsgeld und weniger freie Tage bekommen. Erste Kollegen wechselten schon bald.

Der Regen hat eingesetzt. Teile der Tapete sind bereits eingerissen. Amany Prächter harrt auf dem Marktplatz aus. Seit elf Jahren arbeite sie für den GHB. Nun sollen sie undihre Kollegen wieder befristet eingestellt werden, sagt sie. „Was hat das für einen Grund?“ Sie fürchtet um die Jobs. 2018 endet zudem der Vertrag der BLG mit Tchibo.

Es heiße, dass er nicht verlängert werden soll. Jan Restat, Mitglied der Linkspartei, hält ebenfalls ein Stück der Tapete. „Ich bin aus Solidarität gekommen. Die Sache ist eine Schweinerei.“ Er kritisiert, dass hinter dem Schachzug eine Gesellschaft stehe, an der die Politik beteiligt sei. 50,4 Prozent der Bremer Lagerhausgesellschaft Aktiengesellschaft, die nach außen mit der Marke BLG Logistics auftritt, gehören Bremen.

Im Anschluss an den Ausschuss ging es für einige Teilnehmer nahtlos zur Konferenz zum Thema „Strategie Küste“. Doch bevor sie sich mit der Zukunft der Hafenwirtschaft beschäftigten, wendeten sich vier Mitarbeiter des GHB an die Teilnehmer: „Wir haben wahnsinnige Zukunftssorgen.“

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