Speicher Lesum In Bremen lagern Deutschlands Öl-Reserven

Bremen. Mit 60 Millionen Barrel aus den nationalen Reserven will die Internationale Energie-Agentur IEA den Öl-Preis drücken. Ab Mittwoch stehen auch die ersten Chargen aus deutschen Speichern zur Verfügung. Eins der größten Depots liegt in Bremen.
28.06.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Krischan Förster

Bremen. Die Entscheidung kam überraschend, der Effekt ist umstritten. Mit 60 Millionen Barrel aus den nationalen Reserven will die Internationale Energie-Agentur IEA den Öl-Preis drücken. Ab morgen stehen auch die ersten Chargen aus deutschen Speichern zur Verfügung.

Das Depot liegt unter Bremens Ortsteil Burglesum. In riesigen Kavernen lagern 1,3 Millionen Tonnen Rohöl und Öl-Produkte wie Benzin und Diesel. Schon vor Jahren hatte die damalige EU-Energiekommissarin Loyola de Palacio erstmals Interventionen der internationalen Staatengemeinschaft gegen zu hohe Öl-Preise ins Spiel gebracht. Erfolglos. Denn dafür sind die Reserven nicht gedacht, und der Öl-Preis bewegte sich seinerzeit um aus heutiger Sicht läppische 33 US-Dollar pro Barrel. Inzwischen haben sich politische Mehrheiten und Preise geändert.

Auf 125,50 US-Dollar pro Barrel war der Öl-Preis Anfang April dieses Jahres schon geklettert. Da war die historische Rekordmarke von 2008 (147 Dollar) nicht mehr weit entfernt. Experten wie der Chef-Ökonom des Öl-Multis BP hatten dies mit der steigenden Nachfrage begründet, mit der das Angebot nicht mehr mithalte, vor allem auch nach dem Zusammenbruch der libyschen Förderung. Ende vergangener Woche kosteten die 159 Liter, die ein Barrel ausmachen, dagegen weniger als 107 Dollar, gestern waren es noch einmal zwei Dollar weniger. Die Ankündigung der IEA hatte Wirkung gezeigt und für den erhofften Preisrutsch gesorgt.

Ein richtiges Signal

Die unter den hohen Rohstoffkosten stöhnenden Wirtschaftsunternehmen können vorerst ebenso aufatmen wie die privaten Autofahrer. Der Liter Benzin kostete im bundesweiten Durchschnitt noch 1,48 Euro je Liter, an manchen Bremer Tankstellen waren es sogar noch zwei Cent weniger. Auch die übliche Preisrunde nach dem Wochenende blieb gestern aus. Im Vergleich zum Höchststand Ende April ist der Preis um 14 Cent gesackt.

Nun sind 60 Millionen Barrel nicht die Welt, die globale Tagesproduktion liegt um die Hälfte höher. "Der Effekt ist aber nicht zu unterschätzen", sagt Claudia Kemfert, Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. "Es war das richtige Signal, um Druck aus den Preisen zu nehmen." Der IAE-Vorstoß hatte allerdings auch sie überrascht.

Denn ein Anzapfen der Notvorräte sei eigentlich nur für echte Krisenfälle vorgesehen, wenn eine Störung der Energieversorgung befürchtet wird und die eisernen Reserven helfen sollen. Zuletzt, auch in Deutschland, war dies 2005 geschehen, nachdem der Hurrikan "Katrina" die Öl-Förderung im Golf von Mexiko verwüstet hatte. "Solch eine Extremsituation gibt es dieses Mal nicht." Der Ausfall der libyschen Fördermenge falle angesichts weltweit hoher Lagerbestände kaum ins Gewicht.

Auch die Branche selbst sieht überhaupt kein Versorgungsproblem und spricht von einem relativ entspannten Markt. Eher hätten Spekulationen an der Börse den Preis in die Höhe getrieben, was nun dank der staatlichen Intervention korrigiert werde. "Ob das dauerhaft wirkt, muss abgewartet werden", dämpft Kemfert allzu hohe Erwartungen.

Heute soll im Bundesgesetzblatt die Verordnung des Bundeswirtschaftsministeriums zur Freigabe der nationalen Reserve veröffentlicht werden. Von diesem Zeitpunkt an kann der Erdölbevorratungsverband (EBV) insgesamt 4,2 Millionen Tonnen Öl und Öl-Produkte aus deutschen Reserven verkaufen - zum marktüblichen Preis zuzüglich einer Transportpauschale. "Wir haben schließlich nichts zu verschenken", sagt EBV-Sprecher Eberhard Pott. Die erste Charge soll 570000 Kubikmeter umfassen.

Die vier wichtigsten Depots befinden sich allesamt in Salzstöcken tief in der norddeutschen Erde. Das mit Abstand größte Vorratslager mit insgesamt gut sechs Millionen Kubikmetern Fassungsvermögen befindet sich in Wilhelmshaven-Rüstringen, danach kommt schon der Speicher Lesum.

Kavernen in 2000 Metern Tiefe

Unter dem unscheinbaren Betriebsgebäude liegen in unmittelbarer Nähe zur Autobahn A27 und in bis zu 2000 Metern Tiefe fünf riesige Kavernen, die vor mehr als 40 Jahren in die Formationen aus Steinsalz gespült worden waren. Jede etwa 30 bis 40 Meter im Durchmesser und gut 200 Meter hoch, mit insgesamt 1,3 Millionen Tonnen gefüllt. Als ob fünf große Super-Tanker aufrecht im Boden stecken würden. Zum Vergleich: Der größte bekannte Tank über der Erde fasst nur gut 100000 Kubikmeter. "Lesum ist einer unserer besten Speicher", sagt Pott. Denn dort würden neben Rohöl auch teurere Produkte wie Heizöl und Auto-Kraftstoffe eingelagert.

Bei Bedarf könnte Wasser aus der Lesum hinuntergepumpt werden, um das leichtere Öl an die Oberfläche zu drücken. Bis zu 400 Kubikmeter könnten pro Stunde ans Tageslicht befördert werden. Eine neun Kilometer lange Pipeline führt direkt zum Hafenterminal von Weser Tanking an der Hüttenstraße, einer Tochter der Bremer Unternehmensgruppe Diersch&Schröder (D+S), einer der größten Mineralöl-Großhändler und Tanklager-Betreiber im Land. Mit Tankern könnte der Rohstoff dann an die Kunden verteilt werden.

Ob allerdings die im Lesumer Speicher gelagerten Reserven überhaupt angepackt werden, ist noch offen. Zum einen können die Kavernen nicht unendlich oft befüllt und wieder entleert werden. Ein zweiter Grund: Wo sind Transport und Verarbeitung am einfachsten zu bewerkstelligen? Eher kommen daher wohl andere Kavernen in Sottdorf südlich von Hamburg, in Heide (Schleswig-Holstein) oder aber die bundesweit mehr als 170 oberirdischen Tanklager in Betracht, um die benötigten Mengen abzuzapfen. "Die Entscheidung wird noch gefällt", sagt EBV-Sprecher Pott.

Unklar ist bislang auch, ob der Markt die zusätzlichen Mengen überhaupt aufnehmen wird. Die großen Mineralölgesellschaften, die in der Regel eigene Raffinerien betreiben, könnten sich ebenso eindecken wie Großhändler - allesamt sind sie Mitglieder im Erdölbevorratungsverband.

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