Gas-Umstellung In Mahndorf fließt ab jetzt das neue H-Gas

Ab 2029 soll nur noch Erdgas aus Norwegen und Russland durch Deutschlands Leitungen fließen. In Bremen ist am Dienstag der Start dafür gewesen. Warum Gaskunden ihre Technik checken müssen.
21.06.2017, 06:03
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
In Mahndorf fließt ab jetzt das neue H-Gas
Von Florian Schwiegershausen

Bremen. Bei der Umstellung vom bisherigen L-Gas auf das neue H-Gas ist Bremen ganz vorn mit dabei. Am Dienstag haben SWB-Vertriebsvorstand Timo Poppe und Wesernetz-Geschäftsführer Andreas Fröstl symbolisch an der Gasübernahmestation in Uphusen den Schalter umgelegt. Etwa 3700 Haushalte im Bremer Stadtteil Mahndorf nutzen statt des bisherigen L-Gases nun das neue H-Gas. Die Hansestadt ist eine der ersten Großstädte, in denen das H-Gas fließt. Bis voraussichtlich 2021 werden alle 170 000 Haushalte im Bundesland abschnittweise darauf umgestellt.

Beim L-Gas (Low calorific gas) handelt es sich um Gas aus den Niederlanden und Nordwestdeutschland. Nach Angaben der Bundesnetzagentur soll ab 2029 kein niederländisches Gas mehr nach Deutschland fließen. Denn der Großteil der Weltgasreserven ist sogenanntes H-Gas (High calorific gas). Dieses Gas kommt vor allem aus Norwegen, Russland und Großbritannien. Der Brennwert liegt mindestens um 20 Prozent höher als der vom L-Gas.

Deshalb muss bei allen Gaskunden in Bremen und umzu überprüft werden, ob deren Anlagen auch mit H-Gas laufen können. Meist sind es die Düsen, die in den Gasthermen ausgetauscht werden müssen, weil das H-Gas auch bei höheren Temperaturen als das L-Gas verbrennt.

Sobald das erste H-Gas die Haushalte in Mahndorf erreicht, könnten einige der insgesamt 4000 Verbrauchsgeräte in einen Störungsmodus fallen. „Bei fast 20 000 verschiedenen Baumustern und Anlagentypen kann eine Versorgungsunterbrechung in einzelnen Häusern nicht ganz ausgeschlossen werden“, sagt Wesernetz-Chef Fröstl. „Unser Entstörungsdienst überprüft dann umgehend das Gerät und passt es neu an.“

Einige Gasthermen und Durchlauferhitzer sind dann allerdings doch so sehr in die Jahre gekommen, dass eine Umstellung nicht mehr möglich ist. „Nach unseren Berechnungen ist das wohl bei weniger als zwei Prozent der Fall“, sagt SWB-Sprecher Alexander Jewtuschenko. „In solchen Fällen schaut Wesernetz aber, wie man gemeinsam eine Lösung findet.“ Sicher ist, dass in einem solchen Fall der Anlagenbesitzer die Kosten für die Erneuerung tragen muss. So sieht es die derzeitige Rechtsprechung vor.

Davon betroffen ist auch Helmut Passe-Tietjen in Mahndorf. Sein Wasserheizer der Marke Vaillant stammt aus den 80er-Jahren. In einer alten Betriebsanleitung hatte er einen Hinweis gefunden, dass eine Umstellung möglich sei. Doch Vaillant-Sprecher Jens Wichtermann sagte dem WESER-KURIER: „Die Produktion des benannten Gerätes ist bereits im Jahr 1989 ausgelaufen ist. Nach über 25 Jahren ist zwischenzeitlich leider auch die Ersatzteilversorgung ausgelaufen. Das Gerät kann daher nicht umgerüstet werden, da die erforderlichen Ersatzteile nicht mehr verfügbar sind.“ Dass in Deutschland die Umstellung auf H-Gas anläuft, merkt der Heizungsanlagenbauer in Remscheid: „Es kommt in letzter Zeit gelegentlich zu Rück- und Anfragen bezüglich der H-Gas-Umstellung“, ergänzt der Vaillant-Sprecher. „Ansprechpartner sind dabei in erster Linie aber die Projektbüros der Energieversorger.“

Zumindest auf einen kleinen Obulus kann der SWB-Kunde hoffen, wie die Verbraucherzentrale Bremen mitteilt: „Seit Januar 2017 bekommen Betroffene einen Zuschuss in Höhe von 100 Euro.“ Auch wer sich freiwillig ein neues Gerät anschaffe und so die Umstellung überflüssig mache, erhalte einen Zuschuss in dieser Höhe. So schreibt es das Energiewirtschaftsgesetz im Paragraphen 19a vor. Tipps hierzu gibt es bei der Verbraucherzentrale Bremen.

Über einen eventuell höheren Zuschuss diskutieren den Angaben zufolge aktuell die Bundesministerien für Wirtschaft und Energie sowie Justiz und Verbraucherschutz. Da es deswegen möglich ist, dass zukünftig, etwa nach der Bundestagswahl, mehr als 100 Euro erstattet werden, sollten Betroffene laut Rat der Verbraucherzentrale alle Kaufbelege sowie die Bescheinigung des Netzbetreibers, dass ein Austausch erforderlich ist, aufbewahren.

Die L-Gas-Gebiete liegen eher im Nordwesten Deutschlands. Denn die L-Gas-Netze sind laut Bundesnetzagentur historisch in der Nähe zu den deutschen L-Gas-Vorkommen und entlang der niederländischen Importleitungen entstanden. Daher sind vor allem die Bundesländer Bremen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen von der Umstellung betroffen, in Teilen auch Rheinland-Pfalz, Hessen und Sachsen-Anhalt.

Bei der Umstellung in Bremen und umzu wird Wesernetz aus eigenem Interesse versuchen, die Zahl der Termine möglichst gering zu halten, wenn in einem Wohnhaus mehrere Mietwohnungen und Geräte betroffen sind. In bisher vier Fällen wollten die Gaskunden die Techniker nicht hineinlassen. In einem Fall musste laut SWB sogar der Gerichtsvollzieher anrücken, um sich Zutritt zu verschaffen. Denn schließlich gehe es dabei auch um Sicherheit.

Wesernetz und SWB weisen nochmals ausdrücklich darauf hin, dass sie die Gaskunden schriftlich informieren und dabei direkt einen Termin vorschlagen. Kein Techniker wird irgendwo unangekündigt klingeln. Hintergrund: In den vergangenen Monaten haben sich Betrüger immer mal wieder als Wesernetz- oder SWB-Mitarbeiter ausgegeben, um sich Zugang zu Wohnungen zu verschaffen. Wer skeptisch ist, lässt sich notfalls den Dienstausweis der Mitarbeiter vorzeigen.

„Bei weniger als zwei Prozent der Geräte ist die Technik zu alt.“ Alexander Jewtuschenko, SWB-Sprecher
Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+