Bremer Weltraumunternehmen US-Investor stellt OHB-Führungsriege infrage

Die US-amerikanische Wyser-Pratte Management Company hat in einem offenen Brief an den OHB-Vorstandsvorsitzenden Marco Fuchs die Führungsstruktur des Bremer Weltraumunternehmens infrage gestellt.
17.08.2017, 11:50
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US-Investor stellt OHB-Führungsriege infrage
Von Maren Beneke

Die Synonyme, die Medien in den vergangenen Jahren für US-Investor Guy Wyser-Pratte erfunden haben, sind alles andere als nett. „Heuschrecke“ und „Schreckgespenst“ sind da noch zwei der harmloseren Wörter, gern ist auch von „Finanzrambo“ oder dem „gefürchtetsten Firmenjäger der Wall Street“ die Rede. Am Donnerstag hat sich der Amerikaner das nächste Unternehmen vorgeknöpft: das Bremer Raumfahrtunternehmen OHB.

In einem offenen Brief an den OHB-Vorstandsvorsitzenden Marco Fuchs greift der frühere US-Marine die Firma und vor allem ihre Führungsriege an. In dem Papier stellt er infrage, ob die Geschäftsführung tatsächlich unabhängig arbeitet.

Mit der Familie verbunden

„Ich weiß, es gibt einen sogenannten unabhängigen Direktor, aber er scheint, wie die anderen, mit Ihrer Familie verbunden zu sein“, schreibt Wyser-Pratte. Auch wundert sich der US-Investor über das Alter der Vorstandskollegen von Fuchs. „Ist es zulässig, dass einer von ihnen vor zwei Jahren schon das Rentenalter erreicht hat?“, fragt er. Auch Fuchs‘ Mutter Christa, die bei OHB Aufsichtsratschefin ist, habe „bei allem Respekt“ mittlerweile ein fortgeschrittenes Alter erreicht.

Das Unternehmen hat nach Wyser-Prattes Ansicht gute Wachstumschancen, nutzt diese aber nicht. Er würde daher gern mit den OHB-Verantwortlichen über die Wertschöpfung und die zukünftige Firmenstrategie diskutieren, schlägt er vor.

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Wyser-Pratte vertritt nach eigenen Angaben die Interessen seiner Kunden, die Anteile an OHB halten. Dem offenen Brief zufolge ist Wyser-Pratte der zweitgrößte Anteilseigner, der nicht zur Inhaber-Familie Fuchs gehört.

Mehr als drei Prozent der Aktien können allerdings nicht im Besitz der von Wyser-Pratte vertretenen Anteilseigner sein, Beteiligungen oberhalb dieser Grenze hätten in der Vergangenheit öffentlich gemacht werden müssen. Das „Handesblatt“ schreibt, dass die Kunden des Investors nur ein Prozent halten. Mit 70 Prozent ist OHB nach wie vor zum Großteil in Familienhand. 30 Prozent der Aktien sind in Streubesitz.

Strategisches Getöse

Es ist nicht das erste Mal, dass der mittlerweile selbst 77-jährige Wyser-Pratte Unternehmen öffentlichkeitswirksam unter Druck setzt. Bei diversen Firmen wie etwa Rheinmetall oder Cewe Color ist er in den vergangenen Jahren bei niedrigem Aktienkurs eingestiegen und hat daraufhin mit unzufriedenen Kleinaktionären die Unternehmen öffentlich angegriffen und einen Umbau der Firmen gefordert.

Das Ergebnis: Die Aktienkurse stiegen fast immer – und der Investor konnte sein Aktienpaket mit Gewinn verkaufen. Eine ähnliche Entwicklung war auch am Donnerstag zu beobachten: Die OHB-Aktie stieg am Handelstag um 3,20 Prozentpunkte auf 31,74 Euro.

Suche nach unterbewerteten Firmen

Dem „Spiegel“ gegenüber räumte der Investor einst ein: „Wir suchen den Markt ab nach unterbewerteten Firmen. Ergibt sich eine Möglichkeit, bauen wir eine Beteiligung im Stillen auf.“ Erst bei einem Anteil von etwa fünf Prozent würde Wyser-Pratte „an die Tür klopfen“ und dem Management erklären, was sich ändern müsse, um den Wert zu steigern.

Im Falle von OHB bezweckt der US-Investor laut Brief, dass man bei dem Raumfahrtunternehmen über die Wertschöpfung und die zukünftige Strategie nachdenkt.

OHB teilte am Donnerstagmorgen mit, dass der Brief derzeit studiert werde. „Wir werden die Fragen entsprechend ebenfalls öffentlich beantworten“, sagte ein Sprecher. „Wir haben nichts zu verbergen.“ Mit den Antworten sei frühestens in der kommenden Woche zu rechnen.

Tatsächlich ist auf der OHB-Homepage für jedermann einsehbar, in welchen Punkten das Unternehmen vom Deutschen Corporate Governance Kodex, also den Empfehlungen für die Kontrolle von Unternehmen und deren Offenlegungspflichten, abweicht: Es gibt bei OHB demnach keine Altersgrenze für Vorstandsmitglieder, da dies aus Sicht des Unternehmens für den Aufsichtsrat eine Einschränkung bei der Auswahl der Vorstandsmitglieder bedeuten würde. Fritz Merkle, der bei der OHB SE als Vorstand die Bereiche Geschäftsentwicklung und Marketing betreut, ist im Jahr 1950 geboren.

Ausnahme beim Aufsichtsrat

Auch bei der Altersgrenze im Aufsichtsrat und der Regelgrenze, wie lange ein Mitglied dem Gremium angehören darf, macht das börsennotierte Bremer Unternehmen eine Ausnahme.

Transparenz und ein unabhängiges Management seien natürlich im Sinne der Anteilseigner außerhalb der Familie, sagt Adrian Pehl. Als Commerzbank-Analyst bewertet er die OHB-Aktie regelmäßig. Er sagt aber auch: „Jeder Investor weiß, dass der Großteil der OHB-Aktien in Familienbesitz ist – das ist kein neues Thema. Wyser-Pratte hätte es daher auch schon vor ein paar Jahren aufgreifen können.“

Daher fehlt Pehl nach eigenen Angaben die Erklärung dafür, was der US-Investor mit seinem offenen Brief eigentlich bezwecken will. Dass OHB nun ebenfalls öffentlich reagieren möchte, lobt Pehl: „Es ist richtig, dass das Unternehmen die Diskussion sucht und nicht einfach die Tür zuschlägt.“

Der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel spricht von einer „brutalen Rufschädigung“. Wyser-Prattes Spekulations-Strategie ziele immer darauf ab, die Führungsqualitäten von Unternehmen, an denen er beteiligt ist, infrage zu stellen. Er wolle dadurch eine Veränderung im Führungsgremium herbeiführen und den Eindruck vermitteln, dass das Unternehmen so noch besser funktionieren könne – um am Ende den Aktienkurs nach oben zu treiben.

„Kein Erfolg“

Hickel rechnet aber nicht damit, dass diese Strategie im Fall von OHB aufgehen wird: Das Unternehmen sei international sehr gut aufgestellt und habe eine hervorragende Auftragssituation. „Ich glaube, dass die anderen OHB-Aktionäre klüger sind, das erkennen und dieses reine Spekulationsgeschäft zu keinem Erfolg führen wird.“

Tatsächlich steht es gut um den Bremer Mittelständler. Mit 2,2 Milliarden Euro ist das Auftragsbuch von OHB gut gefüllt, heißt es in einer aktuellen Bewertung der DZ Bank.

Zu den jüngeren Geschäftsabschlüssen zählen etwa der Auftrag für die Heinrich-Hertz-Kommunikationssatelliten in Höhe von 311 Millionen Euro und die dritte Serie der Galileo-Navigationssatelliten. Der Auftrag umfasst ein Volumen von acht statt nur vier Satelliten und hat einen Wert von 324 Millionen Euro.

Die DZ Bank riet noch am Dienstag dazu, in die Aktien der Raumfahrtfirma zu investieren. Denn die Unternehmensziele für das Jahr 2017 könnten den Analysten zufolge „sogar leicht übertroffen werden“.

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