Rheinmetall Electronics Warnschuss vor dem Werkstor

Die IG Metall hat die Belegschaft der Rheinmetall Electronics zu einer Protestaktion zusammengerufen. Grund ist der Streit mit der Geschäftsführung um Tarifverhandlungen. Nun droht der nächste Streik.
17.10.2017, 20:59
Lesedauer: 3 Min
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Warnschuss vor dem Werkstor
Von Lisa Schröder

Am Pavillon vor dem Werkstor ist gerade Mittagspause. „Lecker Würstchen. Und die IG Metall gibt ihren Senf dazu“, schallt es aus einem Megafon. Mitarbeiter des Unternehmens Rheinmetall Electronics (RME) stehen am Dienstag in kleinen Gruppen zusammen und beißen in ihre Brötchen mit Wurst. Doch die Mahlzeit hat einen Beigeschmack.

Gerade ist es fünf vor zwölf. Die IG Metall hat die Belegschaft nicht ohne Grund zum gemeinsamen Mittagessen zur symbolträchtigen Uhrzeit eingeladen. Denn die Gewerkschaft will den Druck auf die Geschäftsführung erhöhen. Noch immer gibt es Streit.

Seit April vergangenen Jahres fordern Betriebsrat und IG Metall Tarifverhandlungen für die Mitarbeiter von RME. Das Rüstungsunternehmen will sich darauf aber nicht einlassen. Ernesto Harder, Gewerkschaftssekretär der IG Metall, hat dafür kein Verständnis. Zumal es nicht um illusorische Forderungen gehe, sondern eine Lösung passend für Rheinmetall. „Wir bleiben dran. Wir werden weitermachen.“ Weitere Aktionen seien bereits jetzt geplant. „Das ist die letzte Warnung. Von unserer Seite gibt es da nur eine Steigerung.“

Der Warnschuss vor dem Werkstor ist eine deutliche Botschaft. Schon im vergangenen Sommer haben Rheinmetaller ihre Arbeit hier niedergelegt. In der Sache gibt es jedoch bisher keinen Fortschritt. Der Knackpunkt: Die Gewerkschaft und der Betriebsrat wollen keine weiteren unverbindlichen Gespräche, sondern sofort in Tarifverhandlungen gehen. Geschäftsführer Thorsten Quade schließt das jedoch aus und setzt zunächst auf ein gemeinsames Konzept. Bevor das nicht stehe, seien Verhandlungen nicht sinnvoll: „Wir wollen gemeinsam schauen, was die geeigneten Instrumente für ein zukunftsfähiges Personalkonzept sind – ob nun ein Haustarifvertrag oder eine Betriebsvereinbarung. Wir setzen uns aber nicht mit einer fixen Zusage an den Tisch. Das ist kontraproduktiv.“ Bisher habe jedoch keine der beiden Parteien die Einladung zur Mitarbeit angenommen. Das Konzept soll Teil einer im vergangenen Jahr aufgenommenen Modernisierungsstrategie sein. Dabei stehen laut Quade drei Ziele im Vordergrund: neue und transparente Entgeltsysteme sowie flexiblere Arbeitszeiten für verschiedene Lebensphasen und die Qualifizierung der Belegschaft. Das koste Zeit.

Zeit, die RME aufgrund anderer Themen nicht hat, sagt dagegen Dagmar Muth, Vorsitzende des Betriebsrats. Außerdem müsse man das Entgeltsystem doch nicht neu erfinden. „Warum nehmen wir nicht einen Tarifvertrag eines vergleichbaren Unternehmens zur Grundlage?“, fragt Muth. Durchaus sei der Betriebsrat bereit, mit der Geschäftsführung Vereinbarungen für die 350 Mitarbeiter zu finden, deren Vertrag nicht mehr auf einem Tarif fußt. Doch für den Großteil der insgesamt 1200 Mitarbeiter sei eine andere Lösung notwendig. „Diese Themen gehören in die Hände der IG Metall.“ Eine Umfrage der IG Metall habe zudem gezeigt, dass viele Mitarbeiter die Verhandlungen wollen.

Schon jetzt ist klar, dass es einen Flächentarifvertrag für die Tochter des Düsseldorfer Rüstungs- und Autozulieferkonzerns Rheinmetall nicht geben wird. „Das ist aufgrund der Kostensituation nicht tragbar. Das ist für uns ein absolutes No-Go“, sagt Quade. Steigerungen in der Rüstungsbeschaffung wirkten sich erst in zwei bis drei Jahren positiv auf das Geschäftsergebnis aus.

Seit mehr als einem Jahr hängt nun am Brückengeländer vor dem Werk ein Plakat mit der Tarifforderung. Am Dienstag kamen weitere dazu. „Ich bin enttäuscht, dass es nicht mal Gespräche zwischen den beiden Parteien gibt. Das ist eine bockige Haltung auf beiden Seiten“, kommentiert ein Mitarbeiter bei der Aktion die Situation und bekommt dafür die Zustimmung von drei Kollegen. Ein anderer Mitarbeiter kann den Stillstand ebenfalls nicht nachvollziehen: „Da ziert man sich aus Gründen, die ich nicht kenne.“ Ihn stört zudem, dass Bremen eines der wenigen Unternehmen im Konzern ohne Tarifbindung ist. „Da fühlt man sich schon ein wenig zurückgestellt gegenüber den anderen Rheinmetallern.“ Für die Kollegen im Konzern habe es gerade im Sommer wieder zwei Prozent mehr Entgelt gegeben. RME schied 2002 aufgrund der wirtschaftlichen Situation aus dem Tarifvertrag aus.

Sorgen gibt es bei Betriebsratsmitglied Jürgen Merkel auch, weil größere Umstrukturierungen im Betrieb geplant sind. Rheinmetall Electronics soll wegen der veränderten Marktsituation mittelfristig neu ausgerichtet werden. Unternehmen der Branche müssen laut einem Sprecher des Konzerns etwa in Zukunft stärker in der Lage sein, anspruchsvolle und hochkomplexe Großprojekte zu realisieren und international zusammenzuarbeiten. Darauf will man reagieren.

An diesem Donnerstag treffen sich Betriebsrat, IG Metall und Geschäftsführung zu einem nächsten Gespräch. Zuversicht ist in Bezug auf das Treffen jedoch nicht zu spüren.

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