Strukturwandel in Bremen

Werftenkrise war einmal

Bremen hat als Industriestandort, der heute in Deutschland als fünftgrößter gezählt wird, den Strukturwandel im Besonderen zu spüren bekommen - und anscheinend gut verkraftet.
09.09.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Werftenkrise war einmal
Von Peter Hanuschke
Werftenkrise war einmal

Das Bremer Mercedes-Werk ist mit 12.500 Mitarbeitern Bremens größter privater Arbeitgeber.

Karsten Klama

Veränderungen der Nachfrage, technologische Entwicklungen oder Konkurrenz aus dem Ausland – die Gründe, warum sich Strukturen in einer von der Industrie geprägten Wirtschaft immer wieder verändern, sind vielfältig. Bremen hat das als Industriestandort, der heute in Deutschland als fünftgrößter gezählt wird, im Besonderen zu spüren bekommen. Und mit Industrie 4.0 steht der nächste Wandel an.

Wie massiv ein Strukturwandel ausfallen kann, hat das kleinste Bundesland vor allem durch die Werftenkrise erlebt, die in den 70er-Jahren begann – unter anderem mit dem Konkurs der Rolandwerft 1972 – und im Herbst 1995 ihren Höhepunkt durch den Untergang des Bremer Vulkan-Verbundes fand. 2000 Menschen verloren auf einen Schlag ihre Jobs. Ein Industriezweig, der über Jahrzehnte für Wohlstand und sichere Jobs in Bremerhaven und Bremen gesorgt hatte, lag am Boden.

Auch wenn ein paar Werften die Krise überstanden und sich inzwischen erfolgreich im Spezialschiffbau etabliert haben, war Mitte der 70er-Jahre überhaupt nicht absehbar, dass Bremen überhaupt wieder ein bedeutender Industriestandort werden könnte: Das Mercedes-Werk in Sebaldsbrück nahm erst 1978 auf dem ehemaligen Borgward-Gelände seine Produktion auf, und wer damals gesagt hätte, dass Bremen einmal zur Hightech-Schmiede in Sachen Luft- und Raumfahrtbau gehören wird, der wäre wahrscheinlich als Träumer abgestempelt worden. Mit Airbus und OHB sind heute gleich zwei Firmen in Bremen tätig, die unter anderem maßgeblich für den Bau und die Entwicklung der Oberstufen für die europäische Trägerrakete Ariane verantwortlich sind.

Insgesamt arbeiten in Bremen 18 Prozent aller Beschäftigten in der Industrie. Diese Angestellten sorgen laut einer aktuellen Studie der Arbeitnehmerkammer Bremen für ein Fünftel der Wertschöpfung. Ihre Löhne sind im Vergleich zu anderen Branchen recht hoch: Wer im verarbeitenden Gewerbe tätig ist, hat laut den Zahlen im Durchschnitt einen Bruttomonatsverdienst von etwa 4240 Euro. Im Vergleich dazu verdient man im Dienstleistungsbereich über alle Branchen hinweg betrachtet im Schnitt 3460 Euro.

"Genau zum richtigen Zeitpunkt"

„Ich bin zwar kein Wirtschaftshistoriker, aber mein Eindruck ist, dass die Ansiedlung von Mercedes genau zum richtigen Zeitpunkt kam und für einen enormen Schub für Bremens weitere positive Entwicklung als Industriestandort gesorgt hat“, sagt Cornelius Neumann-Redlin, Hauptgeschäftsführer der Bremer Unternehmensverbände. „Durch das Mercedes-Werk haben sich zahlreiche Zulieferer in Bremen angesiedelt und solch ein Unternehmen strahlt auch auf andere Industriezweige positiv aus.“ Welche Bedeutung Mercedes für Bremen hat, das hatte Alt-Bürgermeister Hans Koschnick (SPD) anlässlich 35 Jahre Mercedes-Produktion in Sebaldsbrück vor zwei Jahren im Gespräch mit dem WESER-KURIER eingeordnet. „Wir haben mit der Ansiedlung die Region verändert“, sagte Koschnick, der sich über Jahre intensiv für ein Engagement des Autoherstellers in Bremen eingesetzt hatte. „Mit der Ansiedlung haben wir einen wirtschaftlichen Erfolg erzielt, wie wir ihn später nur noch mit der Luft- und Raumfahrt erreichen konnten.“

Für Neumann-Redlin ist Bremen auch in anderen Industriezweigen sehr gut aufgestellt – traditionell etwa in der Nahrungs- und Genussmittelindustrie. „Das ist insgesamt ein großer Vorteil, weil sich Krisen nicht auf alle Branchen gleichzeitig auswirken würden.“ Der Standort zeichne sich auch dadurch positiv aus, weil Industrie sehr eng mit den Hochschulen und den vielen Instituten in Bremen vernetzt sei.

Als eine der künftigen Herausforderungen sieht Neumann-Redlin den Ausbau der Infrastruktur oder zumindest deren Erhalt. Außerdem stehe Industrie insgesamt vor einem massiven Wandel: „Man muss die Chancen erkennen und nutzen, die durch Industrie 4.0 im Bereich digitalisierter Produktionsprozesse stecken. Ich glaube, da wird Bremen eine Vorreiterrolle spielen, weil es hier viele Unternehmen gibt, die gerade im technisch-wissenschaftlichen Produktionsbereichen sehr weit vorne sind.“

Die künftige Produktion werde sich massiv drehen, ist Frank Thoss, Leiter des Geschäftsbereich Industrie bei der Handelskammer Bremen, überzeugt. Industrie 4.0 bezeichnet er als „Zeitenwende“, die allerdings noch nicht in jedem Unternehmen als solche gesehen wird. „Das wird aber spätestens dann ein Thema sein, wenn der Mitbewerber seine Produktion mit 3D-Druckern ergänzt und digitalisierte Produktionsprozesse einführt.“ Thoss ist von den Vorteilen überzeugt, er geht nicht davon aus, dass es durch den Wandel zu einem Personalabbau kommt – zumindest nicht im klassischen Sinne. „Vielmehr haben wir die Chance, durch Industrie 4.0 den demografischen Wandel auszugleichen.“ Notwendig sei aber eine höhere Qualifizierung der Mitarbeiter. „Mit ungelernten Kräften sind solche computergestützten Produktionsprozesse nämlich nicht zu bedienen“, sagt er. Strukturwandel hervorgerufen durch technologische Entwicklungen müsse keine Angst machen, sondern vielmehr als Chance gesehen werden. „Ich denke, Bremen als Industriestandort ist da gut aufgestellt.“

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