Krankenkasse senkt Zusatzbeitrag in Bremen „Wir haben die AOK auf den Kopf gestellt“

Krankenkassen-Chef Olaf Woggan senkt den Zusatzbeitrag seiner Mitglieder, weil die AOK von einer Verjüngung profitiert. Das hat auch mit der Flüchtlingskrise zu tun.
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„Wir haben die AOK auf den Kopf gestellt“
Von Florian Schwiegershausen

Herr Woggan, bereits vor einem Monat hatten Sie angekündigt, den Zusatzbeitrag von derzeit 1,1 Prozent deutlich zu senken. Was hat der Verwaltungsrat nun beschlossen?

Olaf Woggan: Der Verwaltungsrat hat eine Absenkung um 0,3 Prozentpunkte auf 0,8 Prozent beschlossen. Diesen Schritt haben wir seit drei Monaten erwogen, seit dem Zeitpunkt, an dem wir positive Halbjahresergebnisse vorliegen hatten.

Damit liegen Sie 0,2 Prozent unter dem, was der Schätzerkreis in Berlin vorgeschlagen hatte.

Der Schätzerkreis hat eine Senkung von 1,1 auf 1,0 Prozent empfohlen. Bundesgesundheitsminister Gröhe ist dieser Empfehlung jetzt schon gefolgt, obwohl die Frist erst in zwei Tagen ausläuft. Anscheinend wollte er sich diese historische Ankündigung nicht nehmen lassen, dass der Beitrag in der Krankenversicherung sinkt. Das ist in der Tat schon besonders. Wir werden in den nächsten Wochen und Monaten noch erfahren, wie die Wettbewerber darauf reagieren.

Jede 0,1 Prozent weniger bedeuten für Sie fünf Millionen Euro weniger Einnahmen. Inwiefern kann sich das die AOK Bremen/Bremerhaven erlauben?

Unsere Rücklage ist ausreichend und gut. Unser Verwaltungsrat hat ausdrücklich beschlossen, dass wir den finanziellen Spielraum für die Beitragssenkung nicht völlig ausreizen. Denn wir rechnen auch wieder mit Kostensteigerungen, etwa aufgrund der Beschlüsse des Bundesgesundheitsministers. Selbst dann wollen wir die 0,8 Prozent möglichst lange halten.

Wo erwarten Sie die Kostensteigerungen?

Das wird auf alle Fälle im Krankenhausbereich der Fall sein, zum Beispiel durch die Beschlüsse zur Sicherstellung der Pflege im Krankenhaus. Außerdem fordern die Leistungserbringer in der Heilmittelversorgung, also zum Beispiel Krankengymnastik oder Logopädie, die Vergütungen prozentual zweistellig zu erhöhen.

Nun sind Sie ja mit die erste Krankenversicherung, die eine Senkung bekanntgibt. Das hat ja wohl strategische Gründe.

Normalerweise hätten wir wie alle Krankenkassen unseren Haushalt im November beraten, und der Verwaltungsrat hätte dann im Dezember den Beschluss gefasst. In einer guten Situation wie dieser wollten wir die Senkung des Zusatzbeitrages unseren Mitgliedern und auch denen, die noch nicht Mitglied bei uns sind, rechtzeitig kundtun – so dass sich letztere zum Jahreswechsel vielleicht für uns entscheiden.

Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass eine mögliche Jamaika-Regierung an diesen Zusatzbeitrag rangehen wird?

So wie es momentan aussieht, wird eine mögliche Jamaika-Regierung die Themen Gesundheit und Soziales nicht als Schwerpunkt auf die Agenda setzen. Dadurch, dass die SPD vermutlich nicht an der neuen Regierung beteiligt ist, wird auch das Thema Bürgerversicherung für die nächsten vier Jahre zu den Akten gelegt werden. Ich denke, dass die Rahmenbedingungen im Prinzip so bleiben, wie sie jetzt sind.

Inwiefern hat die AOK Bremen/Bremerhaven vom Flüchtlingszustrom profitiert?

Wir haben mit dem Bremer Modell, der Betreuung von Flüchtlingen, schon vor Jahren Verantwortung übernommen. Davon profitieren wir jetzt. Denn die Menschen aus den Krisengebieten sind deutlich jünger als der Durchschnitt unserer normalen Wohnbevölkerung, und damit in der Regel auch gesünder. Sie haben im Durchschnitt mehr Kinder. Und das trägt insgesamt zum Verjüngungseffekt bei – auch in unserer Mitgliederstruktur. Wir werden den stetigen Zuzug weiterhin haben, auch von jungen Menschen aus anderen EU-Ländern, die bei uns einen Job gefunden haben. Deshalb sagen wir, die Annahme, dass die Gesellschaft immer älter wird und dadurch die Kosten immer weiter steigen, ist nicht mehr richtig.

Allein wegen der Migration?

Die AOK Bremen/Bremerhaven ist auch in den Jahren vor der Flüchtlingskrise immer jünger geworden. Denn die Zahl der bei uns versicherten Rentner ist stetig gesunken – weil sie ihr Lebensende erreicht haben. Gleichzeitig hat es in Bremen und Bremerhaven als Hochschul- und Industriestandorte einen starken Zuwachs an jüngeren Menschen gegeben, die auch zu einem großen Teil bei uns Mitglied geworden sind. So ist das Durchschnittsalter unserer Mitglieder von 45 auf 42 Jahre gesunken. In der gesetzlichen Krankenversicherung bundesweit liegt der Durchschnitt bei etwas mehr als 44 Jahren. Junge Menschen sind weniger krank und haben daher weniger Leistungsbedarf. Dadurch geben wir weniger Geld aus.

Liegt es nur daran?

Nein, nicht nur. Wir haben die AOK Bremen/Bremerhaven insgesamt auf den Kopf gestellt. Seit 2013 haben wir alle internen Arbeitsabläufe komplett neu aufgebaut. Im Augenblick sind wir in einem umfassenden Prozess der Digitalisierung. Ende 2018 wollen wir damit fertig sein. Spaßeshalber sage ich immer: Von da an wird hier kein Papier mehr gekauft.

Als Sie 2013 Ihren Posten antraten, wollten Sie die Eigenständigkeit der AOK Bremen/Bremerhaven behalten. Ist das noch Thema angesichts von 250.000 Versicherten?

Das war damals Thema. Und wir sind weiterhin davon überzeugt, dass unser regionales Modell der Krankenversicherung das bessere Modell ist gegenüber Wettbewerbern, die eine Zentrale mit vielen unselbständigen Filialen betreiben. Denn wir sind dadurch in der Lage, die Entscheidungen auch für die Region zu treffen.

Was meinen Sie damit?

Es vergeht ja kaum eine Woche, in der nicht einer unserer Wettbewerber irgendwo eine Geschäftsstelle schließt. Menschen, die mit Krankheit zu tun haben, wollen nicht im Internet bedient werden – es sei denn, es geht um einfache Dinge wie eine Adressänderung. Deshalb bauen wir unsere Geschäftsstellen aus. Wir hatten mal sieben Geschäftsstellen und sind jetzt bei neun. 2015 haben wir eine in Gröpelingen eröffnet. Dieses Jahr ist eine Geschäftsstelle in Vegesack in der Fußgängerzone hinzugekommen, bis Jahresende wollen wir in der Überseestadt einen Servicepunkt eröffnen. Und 2018 eröffnen wir in Huchting.

Im Roland-Center?

Nein, gegenüber. Die Einzelhandelsmieten dort können wir uns als Krankenversicherung nicht erlauben. Und 2019 wollen wir im Ellener Feld eine Geschäftsstelle eröffnen. Unsere Strategie ist also, intern zu digitalisieren, aber draußen für die Menschen da zu sein. Aber das könnten wir nicht, wenn wir nicht dieses Regionalmodell der Krankenversicherung hätten.

Sehen Sie die Konkurrenz eher bei den anderen Kassen oder den privaten Krankenversicherungen?

Der Wettbewerb findet primär innerhalb der gesetzlichen Krankenkassen statt. Aus der privaten Krankenversiche­rung darf ja in der Regel niemand zu uns wechseln. Die einzige Möglichkeit wäre, wenn das Hamburger Modell auch bei uns in Bremen zum Tragen kommen würde. In Hamburg darf die Landesregierung für Beamte jetzt den Arbeitgeberanteil übernehmen. Es ist also der Einstieg in eine Art Bürgerversicherung. In Bremen wollen wir das auch zur Diskussion stellen, dazu muss sich das Land aber auch erstmal positionieren. Bei uns sind Beamte als Mitglieder natürlich willkommen.

Sie haben 700 Mitarbeiter, wie wird sich das weiter entwickeln?

Durch die Digitalisierung werden wir effizienter arbeiten, so soll es auch sein. Trotz des Versichertenwachstums wollen wir uns in der Verwaltung nicht weiter vergrößern. Es werden wohl eher weniger sein, weil in den kommenden Jahren viele ältere AOK-Mitarbeiter in den Ruhestand gehen werden. Gleichzeitig haben auch wir Probleme, genügend Fachkräfte zu finden. Wir bilden aber nach Kräften aus. Jedes Jahr schließen wir 16 bis 17 neue Ausbildungsverträge, so dass wir insgesamt 50 Azubis ausbilden, zum Teil mit dualem Studium. Dieser Zuwachs wird den Weggang an älteren Mitarbeitern nicht ausgleichen können. Deshalb werden wir uns verkleinern müssen.

Gibt es irgendwelche Krankheiten, die unter Ihren Mitgliedern öfter vorkommen als in anderen Regionen?

Hier macht sich die veränderte Mitgliederstruktur bemerkbar. So sind die Herz-Kreislauf-Erkrankungen ebenso zurückgegangen wie Rücken- oder Gelenkerkrankungen oder Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes. Gleichzeitig ist die Zahl der Schwangerschaften gestiegen.

Wie sehr arbeiten Sie gegen dieses alte Vorurteil an, die AOK sei leicht verstaubt?

Das stimmt ja nun wirklich nicht. Wir haben zum Beispiel schon fünf Mal unter den Krankenkassen den Young Brand Awards gewonnen. Wir sind also für die junge Zielgruppe die attraktivste Krankenkasse. Das alte Image kennen die jungen Leute nicht mehr.

Und wenn Sie auf einer Party erzählen, dass Sie bei der AOK arbeiten, wie sind dort die Reaktionen?

Keine negativen. Als ich noch jung war, hatte die AOK den Begriff „die Gesundheitskasse“ erfunden. Damals wurde das noch belächelt. Inzwischen haben die Menschen verstanden, was wir damit meinen. Außerdem sind wir in der Vergangenheit ja nie der Versuchung erlegen, zu sagen, diesen Menschen möchten wir versichern und diesen nicht. Wir sind für alle da.

Ihre Vereinsfarben sind ja Grün-Weiß, das ist in Bremen ja nicht von Nachteil.

Mit Werder kooperieren wir gut, beispielsweise in dem Projekt „Manndeckung“. Dort geht es um das Thema Männergesundheit. Männer sind ja bei Vorsorgeuntersuchungen eher zurückhaltend. Mit dieser Kampagne versuchen wir, das zu ändern.

Sie vermitteln ja, verantwortungsvoll zu wirtschaften – also sollte Ihr Verwaltungsgebäude jetzt nicht Luxusglaskästen sein, aber Bretterbude soll es ja auch nicht sein. Wie sollte der Spagat also bei Ihnen für die kommenden Jahre aussehen?

Unser Verwaltungsgebäude ist aus den 50er-Jahren. Das Gebäude ist aber in der Substanz noch gut. Deshalb ist es also kein neuer Glaspalast. Stattdessen haben wir hier im laufenden Betrieb, Etage für Etage, das Gebäude saniert und modernisiert.

Die Fragen stellte Florian Schwiegershausen.

Zur Person:

Olaf Woggan wurde in Hagen geboren und wuchs in München auf. Nach dem Jura-Studium in Bremen war er am Zentrum für Europäische Rechtspolitik der Uni Bremen tätig und beim Landesverband der Betriebskrankenkassen. Seit 2013 ist der 60-Jährige Vorstandschef der AOK Bremen/Bremerhaven.

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