Alleinerziehende in Bremen Zwei Zimmer, Küche, Bad und Kind

In fast jedem dritten Haushalt in Bremen lebt eine alleinerziehende Mutter. Die meisten gehen arbeiten, verdienen aber zu wenig. Wie es den Familien geht, wenn die Väter fehlen.
31.05.2017, 00:00
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Zwei Zimmer, Küche, Bad und Kind
Von Katharina Elsner

In fast jedem dritten Haushalt in Bremen lebt eine alleinerziehende Mutter. Die meisten gehen arbeiten, verdienen aber zu wenig. Wie es den Familien geht, wenn die Väter fehlen.

Manchmal wünscht sich Nadja nur zehn Minuten. Zehn Minuten, um allein zu sein. Um mal durchzuatmen oder auch, um die Teller vom Abendbrot abzuwaschen. Stattdessen sitzt Nadja in ihrer 40-Quadratmeter-Wohnung in Walle: zwei Zimmer, Küche, Bad, Kind – kann nicht allein sein und ist es gleichzeitig immer. Ihr Sohn ist immer da. Für ihn trägt Nadja die alleinige Verantwortung, die ihr niemand abnehmen kann.

Nadja ist eine von 28.000 Alleinerziehenden in Bremen. 18 000 von ihnen haben minderjährige Kinder. Bremen ist das Bundesland, in dem die meisten Alleinerziehenden wohnen, in fast jedem dritten Haushalt. Sie sind die einzige Familienform, die wächst. Von 2005 bis 2015 stieg die Zahl der Alleinerziehenden um sechs Prozent. Die Zahl der ­Familien mit zwei Elternteilen nahm um fast zehn Prozent ab.

Die meisten Mütter, es sind vor allem alleinerziehende Mütter, arbeiten zwar, aber zu wenig. Oder sie bekommen zu wenig Gehalt. Das ist schon lange bekannt. An diesem Mittwoch tagt nun die ­Deputation für Wirtschaft, Arbeit und Häfen, um die Situation der Mütter zu besprechen.

Fünf Monate mit zwei Alleinerziehenden

Der WESER-KURIER hat zwei Frauen, Nadja und Sarah, fünf Monate lang in ihrem Alltag begleitet. Sie wollen unerkannt bleiben. So wie Nadja. Sie ist 37 Jahre alt und Illustratorin. Sie ist still und meditiert, seit sie 15 Jahre alt ist. Nadja, dünne, naturblonde Haare und spitze Nase, spricht bedächtig. Wer sie kennenlernt, kann sich gut vorstellen, dass sie zwischen den Menschen verschwindet, um sie unbeobachtet zu zeichnen, so wie ihre feinen Hände die Bleistifte über das Papier ziehen.

Nadja hat sechs Jahre lang studiert, jetzt arbeitet sie freiberuflich – und lebt doch mit Hartz IV. Lukrativ sind Aufträge für Firmen, bei deren Feiern sie auftaucht, und Karikaturen der Gäste zeichnet. Sie will nicht, dass Kunden wissen, dass sie alleinerziehend ist. Manchmal kommen die Aufträge kurzfristig rein. Meistens muss sie die ablehnen. Nadja glaubt, sie würde keine Aufträge bekommen, wenn die Kunden wüssten, dass sie manchmal nicht weiß, wo sie ihr Kind lassen soll.

Das größte Problem der Mütter ist Geld. Die Arbeitnehmerkammer Bremen wertet jedes Jahr die Zahlen der Agentur für Arbeit aus. In deren Bericht zur sozialen Lage 2016 steht, dass knapp 63 Prozent der alleinerziehenden Erwerbstätigen in Teilzeit arbeiten. Mehr als jede Zweite bezieht Hartz IV, komplett oder aufstockend zum Gehalt. In keinem anderen Bundesland ist diese Quote so hoch wie in Bremen.

Gefangen im Teufelskreis

Nadja will dieses Jahr von Hartz IV loskommen. Dafür muss sie eine Betreuung für ihren Sohn finden. Und die bezahlen können. Aber je weniger Aufträge sie annimmt, desto weniger verdient sie.

Im Sommer wird ihr sechsjähriger Sohn eingeschult. Sie will, dass er auf eine Ganztagsschule geht. Dann könnte sie mehr arbeiten. Matthis hat eine Behinderung, ist geistig auf dem Stand eines Dreijährigen. Deswegen prüft die Schulbehörde, welche Schule für ihn infrage kommt. Bis dahin muss sie Anträge für Jobcenter und Finanzamt ausfüllen, vier Mal im Jahr. Das frisst Zeit, dafür braucht sie eigentlich Ruhe, dafür wäre sie gern manchmal allein.

Matthis besitzt das große Zimmer der Wohnung. Er baut gern Verstecke und stapelt im Flur Kartons, Klötze und Klapp­stühle. Der Gang ist nur so breit, dass sich eine Person durchschieben kann. Am Ende des Flures, im zweiten Zimmer, sitzt Nadja und will arbeiten. Die Papiere auf dem Schreibtisch, dahinter das Bett, davor eine kleine dunkle Couch für Gäste und Kunden, die ihre Arbeiten abholen. „Ich finde es super, dass er das bauen kann. Aber manchmal ist es zu eng. Dann sitze ich da und rattere Mantras im Kopf herunter.“

Wenn man Nadja fragt, wie es ihr geht, erzählt sie oft, wie es ihrem Kind geht.
Sie redet nicht gern darüber, wie sie sich fühlt – auch weil ihr Alltag mit dem ihres Kindes verwoben ist, nicht nur räumlich. „Manchmal sind wir wie eineiige Zwillinge“, sagt sie. Wie sich Matthis entwickeln wird, weiß Nadja nicht. Wie lange er ihre Betreuung benötigen wird, wie lange sie ihn wickeln muss, auch nicht.

Keine Chance ohne Hilfe

Allein rausschicken kann sie ihn nicht, obwohl ein Spielplatz gegenüber der Haustür ist. Es ist warm an diesem Novembertag, diesig und knapp über zehn Grad. Sie kann ihn nicht zu Oma und Opa geben, sie wohnen nicht in Bremen. Deswegen ist sie diejenige, die immer da ist. Die Matthis zur Kita bringt, zur Ergotherapie, zum Schwimmen, zum Spielplatz. Einen Babysitter leistet sie sich nur im Notfall. Eine 71-jährige Dame unterstützt Nadja. Die sei ein Fan von Matthis. Die Termine muss Nadja Wochen vorher planen. „Wenn ich ihn nicht betreuen lassen kann, ist mein Arbeitsleben so gut wie erledigt.“

Wäre Sarah eine Sportlerin, würde sie wohl als Boxerin im Ring stehen. Auch die 41-Jährige kämpft für eine bessere Betreuung. Auch sie will mehr arbeiten. Sarah, blonde Strähnen, trägt meist dunklen Lidschatten, Puder, dezent aufgetragen. Sie arbeitet im öffentlichen Dienst. In Teilzeit. Die Stelle, die sie übernommen hat, war auf 40 Stunden ausgelegt. Sie arbeitet 26. Den Rest erledigt sie Zuhause, „ehrenamtlich“, wie sie sagt.

Sie studiert gleichzeitig, will danach Vollzeit arbeiten. „Ich will mich nicht ausbremsen lassen“, sagt sie. „Ich suche mir keinen Mann, der mein Leben finanziert oder mir einen Nagel in die Wand haut.“ Ihrem achtjährigen Sohn will sie zeigen, dass man mit Fleiß etwas schaffen kann. Dafür müsse Noah mitziehen. Sarah wacht über ihn wie eine Löwin über ihr Junges.

Das Uhrwerk muss laufen

Donnerstags und dienstags spielt Noah Fußball. Am Wochenende meistens auch. Dann steht Sarah am Spielfeldrand. „Wir sind ein Team, ich und Noah. Er weiß, dass er ein Rädchen ist, das mitlaufen muss. Wenn er nicht funktioniert, funktioniere ich auch nicht“, sagt sie, als sie an einem kalten Januartag im Vereinsheim von Eiche-Horn sitzt. Draußen der Schnee, der den sonst grünen Rasen des Fußballplatzes im Flutlicht weiß aufglimmen lässt. Drinnen rotieren Sarahs Hände im Kreis. Sie spricht und ihre Finger tanzen in der Luft, greifen wieder ineinander, als ob sie Zahnräder eines Uhrwerks seien.

­Swantje Büssenschütt ist Psychologin und arbeitet in einer Erziehungsberatungsstelle. Dort hilft sie Familien bei Streit oder Scheidung. Die Alleinerziehenden, die zu ihr kommen, ermutigt sie, sich einen Tag freizuschaufeln – und greift Sarahs Metapher auf: „Auch die Zahnräder müssen gewartet werden, sonst läuft die Maschine irgendwann nicht mehr.“ Die Belastung, das Gefühl, keine Pause zu haben, werde sonst zu groß. Und das merkten die Kinder. „Die Verantwortung tragen die Mütter am Ende alleine, staatliche Einrichtungen können das nicht auffangen“, sagt sie.

Kein Ganztagsschulenanspruch für Alleinerziehende

Gerade auf die Behörden ist Sarah manchmal sauer, weil sie das Gefühl hat, sie legten ihr künstlich Steine in den Weg. Zum Beispiel in den Schulferien. Alleinerziehende haben keinen besonderen Anspruch darauf, dass ihr Kind auf eine Ganztagsschule kommt. Sie können, wie andere Kinder auch, Ferienbetreuung in Anspruch nehmen. Die kostet einen Bruchteil des Gehalts. Wer wie Sarah bis 21 000 Euro im Jahr verdient, zahlt zehn Euro pro Woche und Kind.

Aber manchmal verursacht diese Betreuung, die alles erleichtern soll, Stress. Sarahs Sohn geht in Horn zur Schule, sie arbeitet in Schwachhausen. Die Schulbehörde hat während der Ferien in Borgfeld eine Betreuung angeboten. Sarah müsste einen Umweg von einer halben Stunde fahren, pro Strecke. Morgens vor der Arbeit, abends danach.

Es wäre leichter, könnte sie zu Hause arbeiten. „Ich poltere alle paar Tage ins Büro, sage, dass ich Home-Office brauche, dass ich das Gehalt brauche. Ich bekomme das durch, irgendwann geben sie alle auf“, sagt sie – und lacht. Es klingt rau.

Wenige Alleinerziehende schaffen Sprung in die Vollzeit

Die Zahl der Alleinerziehenden, die aus der Arbeitslosigkeit in einen Job wechseln, ist gering, nur jede Vierte schaffte das 2015. Das zeigt die Analyse des Arbeitsmarktes der Agentur für Arbeit. Im Durchschnitt bleiben sie mehr als ein Jahr arbeitslos. 92 Prozent davon sind Frauen, die meisten zwar mit Schulabschluss – aber 70 Prozent dieser Arbeitslosen sind ohne abgeschlossene Berufsausbildung. Die Agentur für Arbeit will Alleinerziehende vor allem aus- und fortbilden. „Die Frauen sind trotz eines erfolgreichen Abschlusses abhängig von Hartz IV, weil die Arbeitsstunden, die sie leisten können, nicht ausreichen, genug Geld zu verdienen“, sagt Arbeitsvermittlerin Natascha Hesse.

Sarah würde gern ihre Rechnungen pünktlich bezahlen. Manchmal klappe das nicht. „Dann muss ich meine Eltern anrufen und fragen, ob sie mein Konto ausgleichen können.“ Was ihr fehlt, ist ein zweites Einkommen. Unterhalt für Noah bekommt sie vom Vater. Damit gehört sie einer Minderheit in Bremen an.

60 Prozent der Alleinerziehenden bekommen nicht das Geld, das ihnen zusteht, gibt die Arbeitnehmerkammer an. Von denen bekäme auch nur die Hälfte den Vorschuss, sagt Esther Schröder von der Kammer. Das ist Geld, das das Land zahlt, wenn Väter das nicht können. Wie viele Unterhaltspflich­tige es in Bremen gibt, die zu wenig verdienen, die Hartz IV beziehen, weiß niemand. Weder das Statistische Landesamt noch das Jobcenter erheben diese Zahlen. Was sie wissen: Das Land Bremen zahlt etwa 7000 Alleinerziehenden einen Unterhaltsvorschuss, insgesamt etwa zehn Millionen Euro im Jahr. Nur in jedem zehnten Fall holt sich Bremen das Geld zurück. Damit liegt Bremen bundesweit auf dem letzten Platz.

Beide Väter sind nicht da, weder in Matthis‘ noch in Noahs Leben. Warum sie nicht da sind, soll hier keine Rolle spielen. Nadja fährt an einem Dezembertag zur Ergo­therapie, auf dem Rücksitz schnattert ihr Sohn vor sich hin. „Matthis hat noch nicht nach seinem Vater gefragt, er bindet ihn manchmal in Geschichten ein, die er erfindet.“ Aber er verstehe das noch nicht.

Matthis hat einen Koalabär in der einen Hand. In der anderen Hand: zwei Bretter, zusammengenagelt wie ein Kreuz, vorn einen Karton angeklebt. Alles muss mit, vom Parkplatz vor der Waterfront über die vierspurige Straße hin zur Praxis der Ergotherapeutin. Links schiebt Nadja den leeren Kinderwagen, rechts Matthis den Spielzeugwagen. „Es ist wie eine Parallelwelt, andere dackeln mit ihrem gestylten Kind, ich eiere mit meinem und dem Kreuz umher. Ich werde halt angeschaut. Aber das ist okay.“

Ihr tue es nur leid, das mit dem Vater. „Dabei ist es so wichtig, wenn ich daran denke, was ich von meinen Eltern alles gelernt habe. Da ist so viel Leere da, das ist schade.“ Gleichzeitig stärkt die Mutterrolle viele Frauen. „Alleinerziehende tragen ein großes Potential in sich, weil sie vor allem in ihren Stadtteilen Netzwerke schaffen und aktivieren können“, sagt Büssenschütt.

Nadja engagiert sich im Gartenverein, in der Kirche und Elterngruppe, hat den Spielplatz vor der Haustür mitgestaltet. Sie sei viel entspannter als früher, sagt sie. „Ich sehe, was andere Eltern von ihren Kindern verlangen. Sie sollen zum Fußball oder mit vier Jahren schon bis 200 zählen können. Das sind Ansprüche, die Matthis nicht erfüllen kann. Ich freue mich, wenn er es schafft, sich auf ein Blatt Papier zu konzentrieren, und einen Kreis zu zeichnen.“

Nadja entscheidet sich im April, nicht auf die Beurteilung der Schulbehörde zu warten. Matthis soll auf eine Schule, die die körperliche Entwicklung fördert. Eine Regelschule könne die Betreuung, die ihr Sohn brauche, nicht gewährleisten, sagt sie. Nur: Das ist eine Halbtagsschule, um halb zwei ist Schluss. Einen zweiten Babysitter hat sie noch nicht gefunden. Ihre Chance, bald mehr zu arbeiten, ist klein. Ihr Ziel aber, sich von Hartz IV zu lösen, bleibt.

„Viele wollen ein Vorbild für ihre Kinder sein, sind deswegen deutlich engagierter als reguläre Arbeitslose, Arbeit zu finden“, sagt Hesse vom Jobcenter. Trotzdem arbeiten immer weniger Alleinerziehenden in Bremen. Damit ist das Land seit Jahren bundesweit Schlusslicht.

„Ich habe keine Fehlzeiten, weil ich strenger zu mir und meinem Kind bin. Wegen eines Schnupfens bleibt niemand zu ­Hause“, sagt Sarah und nimmt ihren Sohn manchmal mit ins Büro. Im März hat sie einen kleinen Sieg errungen. Sie darf mehr arbeiten, wurde von 65 auf 80 Prozent hochgeschraubt. Nur zu Hause darf sie weiterhin nicht arbeiten. Aber sie kämpft weiter.

Ein Bekannter passt nun auf Noah auf, sechs Wochen lang. Das Angebot der Schulbehörde schlägt sie aus. Der Plan steht, nichts darf dazwischenkommen. Darauf sei sie angewiesen, sonst falle ihr Kartenhaus zusammen, sagt sie. Aber natürlich hat sie einen Plan B. Ohne geht es nicht als alleinerziehende Mutter.

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