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Buchkritik
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Sheila Hetis „Mutterschaft“: Radikal ehrlich

Katharina Frohne 04.03.2019 0 Kommentare

„Ob ich Kinder will, ist ein Geheimnis, das ich vor mir selbst verberge“, schreibt Sheila Heti.
„Ob ich Kinder will, ist ein Geheimnis, das ich vor mir selbst verberge“, schreibt Sheila Heti. (Angela Lewis)

Ob man ein Baby bekommen möchte oder nicht, das spürt man einfach – mit diesem Satz will die Protagonistin in Sheila Hetis neuem Roman sich nicht zufrieden geben. Denn: Sie spürt nichts. Weder ein Ja noch ein eindeutiges Nein. Mutter sein oder nicht? Hetis Ich-Erzählerin weiß es nicht. Und das, findet sie, ist ein Problem.

Die Frage, ob ein Kind zu einem gelungenen Leben gehört, ist der Ausgangspunkt von Hetis kürzlich erschienenem Buch „Mutterschaft“. Wie sehr sie dabei über sich selbst und ihre eigenen Gedanken spricht, lässt die Autorin offen. Ganz fern liegt die Annahme nicht. Wie ihre Figur ist Heti Mitte 30 und Schriftstellerin, auch sie lebt mit ihrem Partner in Toronto, auch sie hat jüdische Wurzeln.

Will ich Kinder? Für Hetis Protagonistin spielte das in den ersten drei Jahrzehnten ihres Lebens keine Rolle. Sie hatte nicht den Wunsch danach, ein Kind zu bekommen, also bekam sie keines. Doch mit der nahenden 40 kommen die Bedenken: Reicht das vage Gefühl, wohl eher nicht Mutter werden zu wollen? „Ob ich Kinder will, ist ein Geheimnis, das ich vor mir selbst verberge“, lässt Heti ihre Erzählerin sagen. Ein Geheimnis, das sie lüften will. Bevor es vielleicht zu spät ist.

Immerhin, die Rahmenbedingungen würden stimmen. Als sie beginnt, ihre Gedanken in einer Art Tagebuch festzuhalten, ist Hetis Protagonistin 36 und gerade mit ihrem Freund Miles zusammengezogen. Doch auch der ist unschlüssig. Er selbst hat schon eine Tochter aus einer früheren Beziehung – und wenn er ehrlich ist, reicht ihm das.

Ist es okay, kein Kind zu bekommen?

Ein Kind zu bekommen, sagt er, sei ein Risiko. Seine Tochter sei glücklicherweise nett geraten, aber man wisse schließlich nie, was man kriege. Wenn sie ein Kind wolle, werde er ihre Entscheidung mittragen – „aber du musst dir sicher sein.“ Doch genau das ist Hetis Erzählerin nicht. War sie nie, wird sie, so vermutet sie, nie sein. Eine Feststellung, die sie quält: „Es liegt eine Art Traurigkeit darin, etwas nicht zu wollen, das dem Leben so vieler anderer Bedeutung verleiht.“

Ist es okay, kein Kind zu bekommen? Darf Frau das? Kann sie das rechtfertigen, vor anderen, vor sich selbst? Und warum hat sie überhaupt das Bedürfnis danach, Gründe zu finden für etwas, das doch eigentlich nur für sie selbst einen Sinn ergeben muss?

Heti wagt sich an Fragen heran, deren öffentliche Diskussion noch immer eine Seltenheit ist. Gleichzeitig urteilt sie nicht, sie liefert keine konkreten Antworten, nicht für sich selbst, erst recht nicht für die Frau im Allgemeinen. Stattdessen gesteht sie ihrer Protagonistin zu, zu hadern, sich ihrer eigenen, oft so widersprüchlichen Gedanken zu schämen, radikal ehrlich zu sein – und genau das macht ihr Buch so wahnsinnig gut.

„Mutterschaft“ ist eine schonungslose Selbstbefragung. Und es ist die Dokumentation einer Suche. Einer Suche nach dem richtigen Umgang mit Erwartungen, den eigenen und denen anderer. Gleichzeitig ist der Roman eine Einladung. Dazu, offen zu sein, Schwäche zu zeigen, zuzugeben: Ich weiß es einfach nicht. Oder: Ich möchte keine Mutter sein.

Lange Zeit, formuliert Hetis Protagonistin, habe sie die Kinderfrage weggeschoben. Wahrscheinlich, weil sie schon ahnte, wie die Antwort ausfallen würde. Doch warum ist es eigentlich so beängstigend, sich für ein Leben ohne Kinder zu entscheiden?

Muttersein als Lebenssinn

Vielleicht, schreibt sie, weil diese eigentlich so private Frage so oft Gegenstand allgemeiner Empörung ist. Und weil viele immer noch der Meinung sind, dass sich aus der Möglichkeit, ein Kind zu gebären, eine Verpflichtung ableiten lässt. Muttersein als Lebenssinn. „Männer wirken auf andere Männer, als seien sie mit etwas davongekommen, wenn sie keine Kinder haben. Eine Frau aber, die sich dem Kinderkriegen entzieht, wirkt, als hätte sie nichts zu tun im Leben. Es ist ein Gefühl, als sei man keine vollwertige Frau.“

Der Hass, der vielen Frauen, die sich bewusst gegen ein Kind entscheiden, entgegenschlägt, befremdet Hetis Erzählerin. Dass es diesen Menschen wirklich darum geht, dass ein Mensch weniger das Licht der Welt erblickt, glaubt sie nicht. Stattdessen, schreibt sie, habe eine Frau, die keine Mutter ist, offenbar eine beängstigende Wirkung. „Eine nicht mit Kindern beschäftigte Frau hat etwas Bedrohliches. Was wird sie stattdessen machen? Was für einen Ärger?“

Auch einen anderen interessanten Gedanken wirft Heti auf. Möglicherweise, schreibt sie, „muss ich mich mir weniger als Frau mit dieser frauenspezifischen Aufgabe vorstellen denn als Individuum mit einer eigenen spezifischen Aufgabe – also das Frausein nicht über meine Individualität erheben.“ Eine dieser eigenen Lebensaufgaben könne vielleicht die Kunst sein. Denn wenn die Fortpflanzung vor allem dazu diene, eine Spur zu hinterlassen, etwas von sich an die Nachwelt weiterzugeben, wäre es dann nicht auch denkbar, Gedanken und Geschichten zu hinterlassen? Hetis Buch trifft einen Nerv. Nicht einmal ein Jahr nach der Veröffentlichung des englischen Originals wurde der Roman in zwölf Sprachen übersetzt, die amerikanische „New York Times“ adelte die Schriftstellerin als prägende Stimme der Literatur des 21. Jahrhunderts. Hetis Werk könne innerhalb der Diskussion eines bisher vernachlässigten Themas Standards setzen, hieß es im britischen „Guardian“.

Das könnte stimmen. Denn Heti gelingt es, den Gefühls- und Gedankenwust, den viele Frauen kennen dürften, scharfsinnig und zugleich behutsam zu entwirren. Am Ende fällt ihre Protagonistin selbst die Entscheidung gegen die Mutterschaft – und empfindet Erleichterung. Wer das nicht verstehen könne, schreibt sie, müsse eigentlich „nur seinen eigenen Gefühlen gegenüber Kindern auf den Grund zu gehen“ und sich vorstellen, „diesen Wunsch in eine andere Richtung umzulenken – in Richtung eines Lebens, das genauso mit Hoffnung, Sinn, Zukunftserwartungen und Fürsorge erfüllt ist“.

Zur Sache

Weitere Literatur zum Thema

Noch immer sei der gesellschaftliche Status einer Frau eng mit ihrer Rolle als Mutter verknüpft, schreibt Verena Brunschweiger in ihrem am 6. März erscheinenden Buch „Kinderfrei statt kinderlos. Ein Manifest“. Die Autorin hält das für ungerecht. In ihrem Buch stellt sie Frauen vor, die bewusst kinderlos geblieben sind. Für Brunschweiger sind sie Vorreiterinnen einer feministischen Bewegung.

Eine andere Perspektive auf das Muttersein wirft die Engländerin Rachel Cusk in ihrer autobiografischen Erzählung „A Life’s Work: On Becoming a Mother“ (2001), das bisher nur auf Englisch erschienen ist. Cusk hat bereits eine Tochter bekommen, als sie offen darüber schreibt, diese Entscheidung hin und wieder zu bereuen. Obwohl sie ihr Baby liebt, hadert sie mit der Mutterrolle, in der sie sich gefangen fühlt.

Ähnliche Gedanken plagten die deutsche Schriftstellerin Antonia Baum nach der Geburt ihres ersten Kindes. In ihrem Buch „Stillleben“ (2018) erzählt sie, wie unfrei sie sich als Mutter fühlte – und wie sehr sie sich dafür schämte.

Weitere Informationen

Sheila Heti: Mutterschaft. Rowohlt, Reinbek. 320 Seiten, 22 €.


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Leserkommentare
FloM am 23.10.2019 17:45
"Da sind wir wir letztlich recht nah beieinander"
Häufig ist das so, wenn man erst mal mehr als 140 Zeichen miteinander ausgetauscht hat ...
weidedammer am 23.10.2019 17:41
Falsche Bärte können an der Garderobe ausgeliehen werden.
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