Arbeiten für Hannah

Es ist genau fünf Jahre her, da stand ich mit drei meiner engsten Freundinnen in einer Bar und wir diskutierten das Thema Kinder. Wir taten das auf einer sehr theoretischen Ebene: Keine von uns hatte ein Kind, keine war schwanger, keine hatte Pläne, diesen Zustand bald zu ändern.
15.10.2017, 00:00
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Arbeiten für Hannah
Von Kathrin Aldenhoff

Es ist genau fünf Jahre her, da stand ich mit drei meiner engsten Freundinnen in einer Bar und wir diskutierten das Thema Kinder. Wir taten das auf einer sehr theoretischen Ebene: Keine von uns hatte ein Kind, keine war schwanger, keine hatte Pläne, diesen Zustand bald zu ändern. Eine meinte, sie könne sich gut vorstellen, eine Weile zu Hause zu bleiben, wenn sie mal ein Kind hat. Ich sagte, ich wollte dann so schnell wie möglich wieder arbeiten. Ein paar Monate zu Hause, dann das Kind in die Kita und ich zurück in den Beruf, den ich so liebe.

Warum hatte ich denn so lange studiert, warum so viele Praktika gemacht? Doch nicht, um daheim zu bleiben und Mutter zu sein. Nur Mutter zu sein. Und nun sitze ich zu Hause, mit einem mehrere Wochen alten Baby, und frage mich, wie ich dieses Kind überhaupt jemals weggeben soll. Wie ich es mehrere Stunden am Stück ohne meine Kleine aushalten soll. Ohne ihr Lachen, ihren neugierigen Blick, ohne mich jederzeit überzeugen zu können, dass sie alles hat, was sie braucht.

Meinen Beruf liebe ich immer noch, in manchen Momenten kann ich es kaum erwarten, wieder zu arbeiten. Aber inzwischen kann ich die besser verstehen, die ihr Glück darin gefunden haben, Mutter zu sein. Und zähle manchmal die Monate, die mir noch daheim mit Hannah bleiben.

Vor einigen Tagen sprach mich beim Einkaufen eine ältere Frau an. Guckte sich Hannah an, die im Kinderwagen schlief, riet mir, ihr schon bald Leberwurstschnittchen zu geben – Kinder brauchen das! – und fragte mich, ob ich sie schon im Kindergarten angemeldet hätte. Ich nahm an, sie wolle auf den Mangel an Kitaplätzen zu sprechen kommen und antwortete, dass ich das noch nicht getan habe, es aber vorhabe. Sie entgegnete, Mütter sollten frühestens nach ein paar Jahren wieder arbeiten, höchstens vier Stunden am Tag. In mir regte sich Widerstand. Ob sich Hannah auch noch so was anhören muss, wenn sie mal ein Kind bekommt? Frauen sollten wieder arbeiten, auch um das ihren Töchtern vorzuleben. Damit es normal wird. Ich weiß jetzt, dass es nicht leicht ist, Mutter zu sein. Aus der Formulierung „nur Mutter sein“ streiche ich das „nur“. Und geh trotzdem wieder arbeiten. Auch für Hannah.

Kathrin Aldenhoff ist Redakteurin des WESER-KURIER. Im Sommer hat sie ihr erstes Kind bekommen. Jeden Sonntag schreibt sie hier über ihre Erlebnisse als Mutter.

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