"Das ist ja lebensgefährlich" Endspiel 1990: Weltmeister mit "Rubi" und "Kalle"

Am 8. Juli 1990 wurde Deutschland in Rom zum letzten Mal Fußballweltmeister. Auch der aus heutiger Sicht beinahe skurrile TV-Kommentar von Gerd Rubenbauer und Karl-Heinz Rummenigge konnte nichts daran ändern.
04.06.2010, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Eric Leimann

Am 8. Juli 1990 wurde Deutschland in Rom zum letzten Mal Fußballweltmeister. Auch der aus heutiger Sicht beinahe skurrile TV-Kommentar von Gerd Rubenbauer und Karl-Heinz Rummenigge konnte nichts daran ändern.

Manch ästhetisch fragwürdiger Ausrutscher des Zeitgeists wird später als Kult wiederentdeckt - Leggins oder Schlager zum Beispiel. Gerd Rubenbauer und Karl-Heinz Rummenigge, die in den Neunzigern staatstragende Kicks im limitierten Doppelpack kommentierten, warten noch auf ihr Revival. 20 Jahre nach dem synchronen "Jaaaa"-Schrei anlässlich Brehmes Tor gegen den argentinischen "Elfmetertöter" Goycochea hat sich der Fußball-Kommentar im deutschen Fernsehen verändert - vom ungelenken Spiel mit freilaufenden Emotionen hin zur nüchternen Seriosität akribischer Arbeiter.

Das Endspiel am 8. Juli 1990 war eine klare Angelegenheit. Während die Elf des amtierenden Weltmeisters Argentinien um Superstar Maradonna kaum Einschussmöglichkeiten erhielt, kamen Matthäus und Co. fast im Dutzend zu guten Torchancen. Trotzdem brachte am Ende ein unberechtigter Elfmeter die Entscheidung - fünf Minuten vor Schluss, nach leichtem Fall von Rudi Völler. "Tja, an diesem einen Schuss, meine Damen und Herren, kann der Weltmeistertitel für die deutsche Mannschaft hängen." Diese treffende Situationsanalyse, fernab von philosophischer Finesse, wählte Kommentator Gerd Rubenbauer. Andreas Brehme hatte sich gerade den Ball zurechtgelegt.

Danach folgte die wohl bekannteste Kommentar-Sequenz des letzten deutschen WM-Triumphs. Ein von zwei Männern synchron angestimmtes, hemmungslos lang gezogenes "Jaaaaaa", als der Ball in der linken unteren Torecke einschlägt. Rubenbauer, damals 42 Jahre alt, war nicht allein auf seinem Sprecherplatz unter römischem Abendhimmel. An seiner Seite: Karl-Heinz Rummenigge, 34, der vier Jahre zuvor seine Karriere in Nationaltrikot beendet hatte und nun mit Rubenbauer das Duo des Schreckens am Mikrofon der ARD bildete. "Schon etwas Konzessionsentscheidung", analysiert Rummenigge nach dem Elferpfiff. "Das war eine Konzessionsentscheidung", ergänzt Rubenbauer.

"Er gibt Elfmeter. Also den vorher an Augenthaler hätte ich zehnmal eher gepfiffen als den Völler", bemerkt Rubenbauer zuvor. "Der von Augenthaler war viel viel klarer", pflichtet Rummenigge bei. Das Kommentieren von Fußballspielen im Doppelpack war schick in den Neunzigern. Sich durchgesetzt oder gar Freunde gefunden hat es in Deutschland aber nicht. Zu redundant war das Informationsextra des "Experten", zu ungelenk die rhetorische Verzahnung des Duos. Wer den Kommentar des Endspiels von 1990 heute noch einmal hört, entdeckt kaum sprachliche Highlights. In Erinnerung bleiben "Rubis" zahlreiche kehlige "Aaarghs" nach jeder vergebenen Torchance und das fast schon obligatorische "uuuund", welches jede in den Strafraum segelnde Flanke begleitete - "Grimme-Preise" waren damit kaum zu gewinnen.

Hinzu kamen die sprachlichen "Bonmots" von Karl-Heinz Rummenigge, der mit humorlos hysterischen Rufen wie "Das ist ja lebensgefährlich" oder dem "Das war nicht ganz unrisikovoll" in die Geschichte einging. Die Schusstechnik von Guido Buchwald analysierte "Kalle" 1990 einmal mit den Worten: "Das war nur ein Meter davon entfernt, ein zentimetergenauer Pass zu sein." Sicher, er war emotional, der Fußball-Kommentar der Deutschen 1990. Man durfte schreien, seufzen und jammern - gepresst und verhalten allerdings, wie es sich für unsereins gehört. Aber definitiv befreit von allen Zwängen der übernüchternen Ernst-Huberty-Ära.

1988 waren die TV-Rechte für die Fußballbundesliga erstmals ans Privatfernsehen vergeben worden. Auf "Anpfiff" von RTL folgte 1992 "ran" des Senders SAT.1. Die Neunziger gelten nicht nur als Jahrzehnt starker Kommerzialisierung des Fußballs, sondern auch einer medialen Emotionalisierung - zumindest in Deutschland. 20 Jahre nach dem Endspiel von Rom ist der Doppelkommentar beim Fußball ebenso aus der deutschen TV-Ästhetik verschwunden wie der zwanghafte Versuch, Emotionen ungefiltert am Mikrofon auszuleben.

Tom Bartels (ARD) und Béla Réthy (ZDF), beide die Nummer eins ihres Senders für den ganz großen Kick, sind Vertreter einer nüchternen, journalistischen Sprache. Réthy, der das WM-Endspiel am 11. Juli 2010 kommentieren wird, ist Sitznachbar einiger "Doppelredner" auf der Pressetribüne. In Ländern wie Spanien oder Italien ist der Co-Kommentar bis heute populär: "Da gibt es eine klare Aufteilung zwischen einem eher narrativen Moment - einem, der das Spiel einfach nur beschreibt und einem Co-Kommentator, oft ist es ein Ex-Profi, der analysiert, aber auch subjektiv sein darf. Wir deutsche Kommentatoren müssen beides in uns vereinen."

Deutlich in der Ablehnung des Co-Kommentars wird ARD-Mann Tom Bartels: "Letzten Endes ist man in Deutschland immer wieder davon abgekommen, es regelmäßig zu machen. Die wichtigen Pausen im Kommentar werden so nämlich fast gänzlich ausgefüllt. Mal sprechen beide gleichzeitig oder der eine möchte den Gedanken des anderen fortsetzen. Das Arbeiten mit einem Co-Kommentator ist einfach schwer steuerbar."

Zum Schluss noch einmal Rückpass auf Rubenbauer: "Littbarski, drei Mann lässt er stehen, uuuuund? Aaargh!" "Ei-jei-jei.", ergänzt Rummenigge. Auf den Titel eines Fußballweltmeisters wartet Deutschland seit 20 Jahren, das Duo Rubenbauer und Rummenigge vermisst hingegen kaum einer.

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