Datenkolumne

Wie Twitter zur mächtigen Plattform wurde

Der Nachrichtendienst Twitter startete 2006 als reiner Kurznachrichtendienst, längst wird er auch für politische Botschaften und von Unternehmen genutzt. Unsere Datenschutzexperten sehen das durchaus kritisch.
14.09.2021, 13:58
Lesedauer: 3 Min
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Von Sven Venzke-Caprarese und Dennis-Kenji Kipker
Wie Twitter zur mächtigen Plattform wurde

Ein Tweet bei Twitter kann beliebig oft geteilt werden und so in kürzester Zeit Millionen von Menschen erreichen (Symbolbild).

Soeren Stache/ dpa

Mehr und mehr Tech-Konzerne, soziale Netzwerke und Internet-Plattformen feiern mittlerweile runde Geburtstage. Nachdem wir bereits zu Beginn dieses Jahres über "20 Jahre Online-Enzyklopädie Wikipedia" berichteten, möchten wir in dieser Ausgabe der Datenkolumne ein weiteres Geburtstagskind (nicht ganz kritiklos) vorstellen: den Kurznachrichtendienst Twitter, der in diesem Jahr sein 15-jähriges Bestehen feiert.

Obwohl über Twitter gemeinhin nicht so viel bekannt ist wie über Wikipedia oder Facebook, so tummeln sich auf der Plattform Tausende Politiker, Journalisten, Unternehmen und Prominente – und es tragen weltweit täglich rund 192 Millionen Nutzerinnen und Nutzer Inhalte zum Netzwerk bei. Gerade wenn es deshalb darum geht, die aktuellsten Informationen in der kürzesten Zeit zu finden, ist Twitter oftmals sogar schneller als die großen Nachrichtenportale. Das Prinzip hinter Twitter ist denkbar einfach: Jeder kann sich dort kostenlos mit einem eigenen Konto anmelden und sofort Kurznachrichten (sogenannte Tweets) mit einer maximalen Länge von 280 Zeichen verfassen und diese an andere Nutzer oder an die Öffentlichkeit senden. So kann es dann auch kommen, dass bestimmte Tweets „viral gehen“, also von anderen Usern, die diese sehen, wieder und wieder geteilt werden, sodass sich die Wirkung eines einzelnen Posts vertausendfachen kann. Daraus wird deutlich, wie mächtig die Plattform ist, indem sie theoretisch jedermann eine Stimme und ein Sprachrohr in die Welt gibt. So wurde Twitter im Jahr 2010 im Arabischen Frühling beispielsweise ein wichtiges Kommunikationsmittel für die Demonstranten.

Wo Einzelne mit der Plattform die Möglichkeit bekommen, mit wenigen Tweets Tausende von Menschen und Medien weltweit zu mobilisieren, besteht natürlich immer auch ein Missbrauchspotenzial für diese wachsende Online-Macht. Was mit einem „Shitstorm“, also einem Sturm wilder Entrüstung im virtuellen Raum, beginnt, kann bis zu Rücktrittsforderungen von Politikern oder dem Boykott von bestimmten Unternehmen reichen. Negative Schlagzeilen machte Twitter dabei nicht zuletzt zu Beginn dieses Jahres, nachdem der ehemalige US-amerikanische Präsident Donald Trump auch im Netzwerk des Kurznachrichtendienstes die Bevölkerung dazu aufforderte, einen angeblichen Wahlbetrug bei den US-Präsidentschaftswahlen nicht folgenlos hinzunehmen und so auch zum Sturm auf das US-Kapitol beitrug. Mittlerweile wurde das Twitter-Konto von Donald Trump zwar wegen eines „Verstoßes gegen die Nutzungsrichtlinien“ gesperrt, aber sein Handeln kann dennoch als Beispiel für den Machtmissbrauch in sozialen Netzwerken und ihre Rolle auch bei der Verbreitung falscher Nachrichten dienen.

So wie viele andere global agierende Tech-Konzerne sieht sich auch Twitter mittlerweile mehr und mehr den Problemen ausgesetzt, die ihm sein eigener Erfolg mit der steigenden Reichweite bescherte, denn längst setzen nicht mehr nur demokratisch gewählte Regierungen die Plattform als Kommunikationsmittel ein. Das aktuellste Beispiel in dem Zusammenhang ist der Twitter-Account des von den Taliban nach der Machtübernahme im August in Kabul begründeten „Islamic Empire of Afghanistan“, der mit über 300.000 Followern Propaganda über einen Scharia-Staat oder erbeutete Waffen betreibt und von Twitter zumindest zurzeit noch geduldet wird.

Es zeigt sich also, dass Twitter, 2006 noch als reiner Kurznachrichtendienst entstanden, schon lange auf dem weltpolitischen Parkett angelangt ist. Und nicht nur für Twitter, sondern auch für alle anderen internationalen „Big Tech“-Konzerne geht damit die Bürde einher, Verantwortung nicht nur für sich selbst als Konzern, sondern auch für die Nutzerinnen und Nutzer und für die Folgen zu übernehmen, die aus einer missbräuchlichen Verwendung des Dienstes resultieren können. Der Grat zwischen Politik, Ethik und Recht ist dabei schmal, denn bei vielen Entscheidungen geht es nicht um schwarz oder weiß und es gibt vielleicht weniger denn je „die eine Wahrheit“. Den Ausgleich zwischen den unterschiedlichen Interessen zu finden, ist schwierig – aber zumindest für Twitter scheint festzustehen, dass man sich auch nach 15 Jahren damit noch schwertut.

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