Datenkolumne Nobody is perfect: Falsche Schönheitsideale in den Sozialen Netzwerken

Die scheinbar perfekten Körper der Influencer erzeugen bei jungen Menschen oft den Druck, diesen fragwürdigen Schönheitsidealen nacheifern zu müssen. Doch bei der Perfektion aus dem Netz wird oft nachgeholfen.
03.08.2022, 13:10
Lesedauer: 3 Min
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Von Sven Venzke-Caprarese und Dennis-Kenji Kipker

Wer kennt es nicht? Es braucht nur einen Blick in das Soziale Netzwerk der Wahl und schon wird man überhäuft mit gut aussehenden Menschen, die sich nicht nur von ihrer besten Seite zeigen, sondern auch jedes nur denkbare Schönheitsideal zu erfüllen scheinen. Kein Wunder also, dass sich viele Menschen bei diesem Anblick schlecht fühlen, weil sie aus ihrer eigenen Sicht diesem „Ideal“ nicht genügen. Viele streben sogar selbst danach, körperlich ebenso „perfekt“ zu sein wie die Influencerinnen und Influencer, die sich tagtäglich online präsentieren. Das ist jedoch nicht nur mit Risiken behaftet, sondern letzten Endes auch völlig unnötig, und darum soll es in dieser neuen Ausgabe der Datenkolumne gehen.

Menschen, die sich in den Sozialen Medien optisch perfekt inszenieren, werden auch als „hyperreale Darstellungen“ bezeichnet. Hyperreal deshalb, weil es solche Darstellungen in der Realität eigentlich nicht gibt, aber dennoch suggeriert wird, dass körperliche Perfektion oder zumindest das Streben danach das Wichtigste und Natürlichste auf der Welt sind. Gerade Influencerinnen und Influencer nutzen dies aus, um beispielsweise Werbeverträge abzuschließen und Produkte anzubieten, die eine ebensolche künstliche Schönheit versprechen. Was vielen Nutzerinnen und Nutzern Sozialer Netzwerke aber nicht bekannt ist: Auch die Influencer sind körperlich keineswegs perfekt, sondern ihr Erscheinungsbild in vielen Fällen das Ergebnis einer umfassenden Bearbeitung durch Spezialsoftware, um ihre Selbstinszenierung möglichst perfekt zu machen. Die richtige Belichtung und Weichzeichner spielen dabei eine Rolle. Auch werden Auffälligkeiten und persönliche Merkmale wie ein Muttermal schnell einmal wegretuschiert. Körperproportionen lassen sich ebenso rasch durch Bildbearbeitungsprogramme verändern, so zum Beispiel schmalere Hüften und breitere Schultern.

Gerade Jugendliche und junge Erwachsene fühlen sich durch solche angeblich „perfekten Menschen“, wie es sie eigentlich nur im Internet gibt, schnell psychisch unter Druck gesetzt – und das mit teils fatalen Folgen. Dies wird auch als „Körperdruck“ bezeichnet, also der Druck, sich unbedingt an das persönliche Schönheitsideal aus dem Netz anpassen und diesem nacheifern zu müssen. Das kann damit losgehen, dass man zunächst nur die durch Influencer angebotenen Schönheitsprodukte kauft, aber schlimmstenfalls fatale Folgen wie Essstörungen oder schwere psychische Erkrankungen auslösen.

Um diese Folgen für die besonders schutzbedürftigen Gruppen von Kindern und Jugendlichen zu verhindern, haben erste europäische Staaten damit begonnen, gesetzliche Regelungen für Influencer und Werbetreibende zu bestimmen. Einer der Vorreiter ist dabei Norwegen: Hier ist es seit Kurzem kennzeichnungspflichtig, wenn in Werbeanzeigen das Aussehen von Menschen künstlich verändert wurde. Von nun an müssen in dem Land daher bezahlte Anzeigen mit einem einheitlichen Hinweis versehen werden, dass Bilder retuschiert wurden. Auch in Frankreich gibt es mittlerweile vergleichbare Regelungen. Ausgenommen hiervon sind allerdings rein private Auftritte und auch hier wird viel retuschiert – oftmals indem einfach Filtereinstellungen gesetzt werden, die bereits in vielen Apps standardmäßig verfügbar sind. 

Eine explizite Kennzeichnungspflicht für „photogeshoppte“ Menschen und Gesichter in Werbeanzeigen könnte auch in Deutschland kommen und wäre ein wichtiger Schritt, um allen Nutzerinnen und Nutzern zu zeigen, dass in Sozialen Medien zu oft eine künstliche Realität verkauft wird, die so nirgends existiert. Doch es ist nicht nur allein der Gesetzgeber, der hier in der Verantwortung steht. Gerade auch die Sozialen Netzwerke selbst, die Schulen und nicht zuletzt auch die Erziehungsberechtigten stehen in der Pflicht, über ungesunden Medienkonsum aufzuklären und jungen Menschen vor Augen zu führen, dass niemand perfekt und das Streben nach einer künstlichen Perfektion deshalb unnötig ist. Jeder sollte und darf sich in seinem eigenen Körper wohlfühlen, so wie er ist – und dazu bedarf es keiner unerreichbaren Schönheitsideale, wie sie durch Influencer im Internet suggeriert werden.

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