Datenkolumne Identitätsdiebstahl im Netz

Sich im Internet als jemand anderes auszugeben, ist oft einfacher als gedacht. Der Missbrauch von Identitäten kann jedoch gerade für die Bestohlenen fatale Folgen haben.
09.09.2022, 16:34
Lesedauer: 4 Min
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Von Sven Venzke-Caprarese und Dennis-Kenji Kipker

Namen im Internet sind nicht immer das, was sie zu sein scheinen: So hat schon vor Jahren ein Schüler versucht, sich als sein Klassenlehrer auszugeben, indem er unter dessen Namen ein neues E-Mail-Konto eröffnete, um bei der Schulleitung bessere Noten in sein Zeugnis eintragen zu lassen. Was damals recht schnell aufflog, betreiben Cyberkriminelle heutzutage im professionellen Maßstab: den Identitätsdiebstahl. Dabei machen sich die Straftäter die Eigenschaft des Internets zunutze, dass man sich bei den allermeisten Plattformen, Diensten und sozialen Netzwerken anmelden kann, ohne dass die eigene Identität zuvor geprüft und bestätigt werden muss. Was einerseits Vorteile hat, weil es schnell und unbürokratisch geht, kann andererseits aber auch Schattenseiten haben, wenn jemand die eigene Identität missbraucht, ohne dass man davon weiß.

Es gibt die unterschiedlichsten Formen eines Identitätsdiebstahls, aber letzten Endes ist keine davon harmlos und einige Arten von Identitätsdiebstählen können sogar schwerwiegende finanzielle Folgen nach sich ziehen. In einer der vorangehenden Ausgaben der Datenkolumne berichteten wir beispielsweise zum Online-Dating darüber, dass sich Cyberkriminelle mit einer falschen Identität das Vertrauen erschleichen, um Geldzahlungen zu erpressen oder damit drohen, intime Fotos publik zu machen.

Das Repertoire der Cyber-Gangster ist damit aber keineswegs erschöpft. Vielfach werden zum Beispiel gekaperte Online-Konten dafür genutzt, um teure Aboverträge für digitale Premium-Dienste und Video- sowie Musik-Streamingportale abzuschließen. Wem eines Tages die Rechnung für eine angeblich im Netz bestellte Ware in den Briefkasten flattert, die aber nie angekommen ist, sollte ebenfalls misstrauisch werden, denn hier könnte ein Straftäter Daten von Online-Zahlungsdiensten wie zum Beispiel Paypal oder Kreditkartendaten abgegriffen haben und nun eifrig teure Produkte auf Kosten des Verbrauchers bestellen.

Wie kann es überhaupt so weit kommen? Die Täter gelangen auf verschiedenen Wegen zu den begehrten persönlichen Daten, die einen solchen Identitätsdiebstahl erst ermöglichen. Einige von ihnen suchen sich die relevanten Informationen selbst über öffentlich zugängliche Seiten im Internet zusammen und nutzen diese, um sich als eine andere Person auszugeben. Zum Teil werden auch Daten gehackter Cloud-Accounts, E-Mail- und Portalzugänge sowie Kreditkartendaten im Darknet gehandelt und wiederum andere versuchen, über sogenannte Phishing-Mails an geschützte Informationen wie Passwörter, Transaktionsnummern und Geheimzahlen zu gelangen, indem sie sich zum Beispiel in einer gefälschten E-Mail als die Bank ausgeben. Zumeist sind derartige Phishing-Mails für das geübte Auge jedoch erkennbar und generell gilt die Regel: Bei ungewöhnlichen E-Mails oder Nachrichten von unbekannten Absendern sollte man immer zunächst Vorsicht walten lassen.

Eine aktuell beliebte Masche der Cyberkriminellen sind überdies angeblich lukrative „Online Jobs“, die schnelles Geld von zu Hause aus versprechen, indem man bestimmte Produkte und Services testet und hierzu ein neues Bankkonto eröffnen soll. Nach Kontoeröffnung wird der ahnungslose Verbraucher aufgefordert, die Bank-Zugangsdaten „testweise“ zu übermitteln. Die Kriminellen nutzen das Konto, über das sie nun frei verfügen können, sodann beispielsweise für Geldwäscheaktivitäten. Eine weitere beliebte Masche: Der Messenger- oder Social-Media-Account von Freunden wird gehackt und allen Personen aus der Freundesliste werden plötzlich E-Mails zugeschickt, dass sich die Freundin oder der Freund in einer akuten finanziellen Notlage im Ausland befindet und nun unbedingt Geld für ein Rückflugticket nach Deutschland benötigt.

Um von all diesen Betrugsmöglichkeiten im Netz zumindest für besonders sensible Geschäfte eine Ausnahme zu machen, wurde das so genannte „Video-Ident-Verfahren“ eingeführt, das man beispielsweise für den Online-Abschluss eines neuen Mobilfunkvertrages benötigt. Dieses funktioniert ganz einfach: Der Kunde identifiziert sich online mit Hilfe einer Videokonferenz durch Vorlage seines Personalausweises, sodass theoretisch wirklich nur der Kunde selbst den Vertrag abschließen kann. Aber auch hier hat der Chaos Computer Club (CCC) vor wenigen Wochen eine Schwachstelle entdeckt, die es beliebigen Personen ermöglicht, sich als jemand anderes auszugeben. Abhilfe dürfte da mittelfristig nur die Online-Ausweisfunktion des Personalausweises schaffen, die bei neuen Ausweisen mittlerweile standardmäßig aktiviert ist und die mit jedem NFC-fähigen Smartphone und der sogenannten „AusweisApp2“ kostenlos genutzt werden kann.

Was kann man nun also tun, um sich vor dem allgegenwärtigen Identitätsdiebstahl im Netz zu schützen? Zuvorderst gilt es natürlich, seine Online-Konten durch hinreichend sichere Passwörter zu schützen und diese Daten nicht leichtsinnig an Dritte weiterzugeben. Es kann aber auch sinnvoll sein, sich bei den Sozialen Netzwerken verifizieren zu lassen, damit unter dem eigenen Namen nicht beliebige Accounts glaubhaft angelegt werden können. Instagram beispielsweise bietet eine solche Funktion an.

Im Falle des Falles muss sofort gehandelt werden: Alle Konten und Karten sollten unverzüglich gesperrt und die Polizei aufgesucht werden. Überweisungen sollten, soweit möglich, eingefroren werden. Außerdem sollten Freunde sofort darüber informiert werden, falls ein Social-Media-Account gehackt wurde. Da georderte und nicht bezahlte Waren und Abos zudem negative Auswirkungen auf die Bonität eines Verbrauchers haben können, sollten Kreditauskunfteien wie die Schufa ebenso unverzüglich über den Identitätsdiebstahl aufgeklärt werden. Zum Thema Identitätsdiebstahl bieten die Verbraucherzentralen weitere hilfreiche Tipps und Informationen zu ersten Anlaufstellen an.

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