Gesseler Goldhort Das doppelte Schätzchen

Der Gesseler Goldhort muss nun zurück ins Landesmuseum. Dennoch bleiben die 117 Teile weiterhin in Syke zu sehen. Die Erstellung von detailgenauen Kopien mittels einer neuen Technologie macht das möglich.
29.06.2021, 17:21
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Das doppelte Schätzchen
Von Sarah Essing

Syke. Das Original des Gesseler Goldhorts liege dem Landkreis Diepholz besonders am Herzen. Daraus hat Landrat Cord Bockhop nie einen Hehl gemacht. Aber zwischendurch werde der bronzezeitliche Schatz "auch an anderer Stelle gebraucht", wie Bockhop weiß. Die Originalteile gehen daher nun zurück ans Landesmuseum nach Hannover zur weiteren wissenschaftlichen Untersuchung. So war es von Beginn an geplant. In Syke, im eigens für den Goldhort errichteten Forum am Kreismuseum, verbleiben lediglich drei Teile des Originals. Ergänzt werden sie durch Repliken, die am Dienstagmorgen im Forum vorgestellt wurden. Und die sind eine Sensation für sich.

Mittels modernster Technik und innovativer Verfahren wurden detailgetreue 1:1-Kopien der Originalteile angefertigt, führt Landesarchäologe Henning Haßmann aus. Das sei auch der besonderen Fundsituation zu verdanken, da es sich bei dem Gesseler Goldhort um den ersten Hortfund aus der Bronzezeit handele, der bei einer systematischen Ausgrabung unter Laborbedingungen geborgen und untersucht werden konnte. Die Anfertigung der Repliken wurden vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege organisiert. "Wir konnten dafür Sascha Scheuermann und Denise Voigtländer von Clonstudios gewinnen, die 2016 bereits das Kunststoffmodell des Gesamtensembles gefertigt haben", so Haßmann. Für die Erstellung der exakten Kopien der Einzelteile war aber noch mehr Arbeit erforderlich.

"Die Erwartung war: Die Teile werden gescannt, gedruckt und dann hat man ein Ergebnis", bekannte Cord Bockhop. "Doch so einfach war es nicht." Für die Erstellung einer exakten Kopie, die auch beim Betrachten aus der Nähe die vielen kleinen Details der Stücke wiedergibt, muss der Computer "mit einer Vielzahl von Daten gefüttert werden", erläuterte Sascha Scheuermann. Dafür mussten eine Vielzahl von Scan-Techniken verwendet werden, um tatsächlich auch alle Kanten, Einkerbungen, Ränder erfassen zu können, verschiedene Laser-Scanner aber auch Streifenlichtscanning, um tatsächlich auch alle tiefliegenden Informationen abbilden zu können. "Ein Scanner allein reicht dafür nicht aus", so der Fachmann. Die Kosten für dieses Verfahren übernahm das Land Niedersachsen.

Aus den erfassten Daten wurde dann zunächst ein sogenanntes Voxel-Model erstellt, eine dreidimensionale Computergrafik, bei der Gitterpunkte das Objekt in der richtigen Größe und Dimension zueinander in Verhältnis setzen. Anschließend kann dieses Modell in Detailaufnahmen Stück für Stück weiter erfasst werden, um aus den gewonnenen Teilen dann das Gesamtbild wieder zusammenzusetzen.

In einem hochleistungsfähigen 3D-Industriedrucker wurden die einzelnen Bestandteile des Gesseler Goldhorts anschließend ausgedruckt. Der Rest ist Handarbeit: schneiden, schleifen, polieren und – lackieren. Restaurateure sorgten sogar für die richtige Patina. "Das ist zwar eine wilde Arbeit, aber das lohnt sich", ist Scheuermann überzeugt.

Denn bei dieser Methode zeigte sich schnell ein weiterer Vorteil. "Die Spiralen sind flexibel", so Scheuermann. Sie können in dieser Form auch auseinandergezogen und von innen auf ihre Beschaffenheit untersucht werden. Ein Vorgehen, das bei den Originalen ihre Zerstörung bedeuten würde. Haßmann sieht zudem noch weitere Handlungsfelder für Kopien dieser Art, etwa in der Museumspädagogik wie im Forschungslabor im Forum Gesseler Hort oder als Leihgabe an andere Museen.

Von Mittwoch, 30. Juni, an werden künftig nun die Repliken gemeinsam mit drei Originalteilen im Forum Gesseler Goldhort zu sehen sein. Bis zum 11. Juli ist für einen Besuch noch die Buchung eines Zeitfensters erforderlich, danach werde der Eintritt zum Forum "hoffentlich" wieder frei zugänglich sein. Jedes Jahr zum "Geburtstag" des Schatzes am 7. April gibt es dann drei neue Originalteile, kündigt Nele Miethig vom Forum an. "Dabei machen wir dann kenntlich, was Original und was Replik ist", stellt sie in Aussicht. Denn auch das biete der Gesseler Goldhort, wie Haßmann betont: Die Möglichkeit, den Besuchern den Weg der Wissenschaft und Forschung nahe zu bringen.

Zur Sache

Der Gesseler Goldhort

Mit 117 Einzelstücken, einem Alter von 3300 Jahren und einem Gewicht von 1,7 Kilogramm galt der Gesseler Goldhort schon bei seiner Vorstellung im Februar 2012 als archäologische Sensation. Für die Fachleute allerdings eher aufgrund der Fundsituation und weniger, weil die Spiralen und Fibeln aus fast reinem Gold bestehen. Der Hort wurde im Zuge des Trassenbaus der Nordeuropäischen Erdgasleitung gefunden. Diesem Trassenbau ging die umfangreichste Ausgrabung voraus, die das Niedersächsische Landesamt für Denkmalschutz jemals zu bewältigen hatte. Ein „goldener Schnitt“ quer durch rund 11.000 Jahre Geschichte. Dabei wurden sieben Millionen Quadratmeter Fläche vollständig archäologisch untersucht. Sämtliche Funde konnten währenddessen bestens dokumentiert werden.

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