Interview mit Johann Böhmann „Zucker ist schädlicher als Kokain“

Johann Böhmann, langjähriger Kinderklinik-Chefarzt, hält im Ganderkeseer Rathaus den Impulsvortrag zum VHS-Schwerpunktthema Übergewicht. Im Interview sagt er: „Jeder, der eine Diät verkauft, gehört bestraft.“
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„Zucker ist schädlicher als Kokain“
Von Jochen Brünner
Hatten Sie selbst in Ihrem Leben irgendwann mal Probleme mit Ihrem Körpergewicht? Und wie sind Sie denen begegnet?

Johann Böhmann : Nein, nie. Ich komme aus der Generation, in denen die Kinder verschickt wurden, damit sie zunehmen. Ich war immer ein Zappelphilipp und habe eine schlechte Futterverwertung. Bis vor 1000 Jahren wäre das ein Nachteil gewesen, weil ich einen Hunger-Winter wahrscheinlich nicht überlebt hätte. Heute ist das ein Vorteil, weil ich so viel essen kann, wie ich will und trotzdem nicht dick werde.

Ist das eigentlich fair, Menschen bei der Beurteilung ihres Gewichts mit dem Body-Mass-Index über einen Kamm zu scheren? Spielen da nicht auch Vererbung und Veranlagung eine große Rolle?

Der Body-Mass-Index ist eine ganz grobe Richtlinie, die wissenschaftlich sicher nicht toll ist, aber er ist praktikabel. Die Ausgangsbedingungen sind in der Tat unterschiedlich. Dennoch spielt der Lebenswandel zu etwa einem Drittel eine Rolle. Mindestens 50 bis 60 Prozent sind aber vererbt.

Ab wann muss man anfangen, auf die Ernährung zu achten?

Die Grundlagen werden schon in der Schwangerschaft und mit der Auswahl der Eltern gelegt. Aber wir reden natürlich auch über die ersten Lebensjahre und dann noch ein ganz kleines bisschen über die Pubertät, die prägend ist. Je älter man wird, desto wirkungsloser sind eigentlich die Bemühungen. Ich habe jahrelang Projekte mit Jugendlichen gemacht, und die Effekte waren gering. Die sind zwar wichtig, was die Psychologie angeht, aber beim Gewicht tut sich da nicht mehr viel. Ich habe eine konzertierte Aktion im Hinterkopf, bei der möglichst viele Menschen aus einer Kommune mitmachen sollten – Ganderkesee und Delmenhorst wären ganz toll dafür. Die Idee ist, über eine intensive Schwangeren-Begleitung durch Hebammen und Frauenärzte und in den frühen Kinderjahren, also in Familien, Krippen und Kindergärten, Veränderungen zu probieren. Ich weiß aber, dass das ein verdammt heikles Thema ist.

Warum ist das so heikel?

Auf die Schwangeren stürzt schon eine Flut von Reglementierungen ein, die für die Frauen sehr belastend sind. Da muss man sehr aufpassen, dass nicht auch noch eine Gesundheitspolizei auf sie eindrischt. Auch ich bin vor zehn Jahren mit dem Projekt „Neun plus Zwölf“ (neun Monate Schwangerschaft plus zwölf Monate erstes Lebensjahr, Anm. d. Red.) ziemlich naiv an das Thema rangegangen, bis mir eine Ethikerin aus England böse den Kopf gewaschen hat. Insbesondere bei Schwangeren aus schwierigen sozialen Verhältnissen führt dieser Druck nämlich dazu, dass sie am Ende noch mehr rauchen und alles nur noch schlimmer wird. Aber das Konzept, das ich in den vergangenen 20 Jahren in Delmenhorst aufgebaut habe, möchte ich auch im Ruhestand schon noch umsetzen. Einige Forschungsanträge haben wir dazu auch schon gestellt, die hängen aber alle noch in der Luft.

Blicken wir auf das Gewicht erwachsener Menschen: Welchen Erfolg haben Diäten?

Jeder, der Diäten verkauft, gehört bestraft. Ein zentraler Begriff ist die Tugend, Ernährung hat ganz viel mit Identität zu tun. Die Leute reden über Ernährung, als ob es eine Religion wäre, das ist ganz schrecklich. Ich möchte vermeiden, dass Menschen durch das zwanghafte Kümmern um Ernährung krank werden. Neudeutsch gibt es dafür den Begriff „Restraint Eater“, also die disziplinierten Triathleten, die den Genuss beim Essen völlig verloren haben. Die sind fast kränker als richtig dicke Leute. In unserer sogenannten Leistungsgesellschaft neigen wir ja dazu, den schlanken Manager asketischen Typs zu fördern. Das ist genauso krankhaft wie der Dicke. Das ist auch biologisch übrigens nicht gesünder. Essen, Stuhlgang und Sex sind die elementarsten Erlebnisse, die wir als Menschen haben. Alle Diäten, die versuchen, das Essen über den Kopf zu steuern, sind extrem problematisch. Natürlich wirken auch zahlreiche kulturelle Einflüsse auf die Ernährung ein, da sind wir keine Naturkinder mehr. Und die Industrie suggeriert uns ja sonst was und spricht vor allem die sogenannten niederen Triebe an. Das ist ein Thema, davon könnte ich ein Wochenendseminar machen...

Wenn Diäten nicht weiterhelfen: Welche Ansätze gibt es dann?

Der „Kampf gegen die Dicken“ ist ähnlich wie der „Kampf gegen die Raucher“ auch ein politisches Thema. Die Stigmatisierung der Dicken spielt in unserer Sozialstruktur eine ganz entscheidende Rolle. Die Politik tut alles dafür, um das Individuum einzuwickeln, aber sie tut nichts gegen die Industrie. Wir brauchen dringend eine Zuckersteuer und ganz klare Richtlinien, um Kinder aus armen Verhältnissen vor dieser schlechten Ernährung zu schützen. Da versagt der Staat völlig und hängt am Gängelband der Industrie.

Was würde eine Zuckersteuer aus Ihrer Sicht bewirken?

Wenn Zucker und Cola zehn Prozent teuer werden, sinkt der Konsum. Und dadurch retten wir Leben. Das haben wir beim Tabak gesehen. Natürlich löst eine Zuckersteuer nicht das Problem, aber sie verbessert es – und zwar mehr als all die wissenschaftlichen Programme, die wir in Deutschland haben.

Wie schädlich ist denn Zucker?

Zucker ist das weiße Gift. Zucker ist wahrscheinlicher giftiger als Kokain. Dabei macht es natürlich auch die Menge: Beim Kokain reden wir über Milligramm, beim Zucker über Tonnen. Aber ich bin tatsächlich überzeugt davon, dass der Zucker mehr Schaden anrichtet als Kokain.

Also lautet Ihre Empfehlung, völlig auf Zucker zu verzichten? Macht Zucker nicht manchmal auch in bisschen glücklich? Muss die Ernährung nicht auch berücksichtigen, physische und psychische Gesundheit miteinander in Einklang zu bringen? Sie sagten gerade, dass über den Kopf gesteuerte Verhaltensänderungen nicht viel bewirken würden.

Ganz ohne geht es wohl nicht. Aber Zucker ist einfach zu billig. Vor 100 oder 200 Jahren wurde Zucker noch in Apotheken verkauft. Mit Rübensirup oder Honig hat man ein völlig anderes Süßeempfinden als mit Zucker.

Gibt es überhaupt Möglichkeiten, die Lebensmittelindustrie zu reglementieren?

Ja, dass muss man angehen. Beim Tabak hat es ja auch funktioniert. Vor 40, 50 Jahren hat man angefangen, massiv Fett zu verteufeln und von korrupten Wissenschaftlern entsprechende Studien gekauft, bis hin zu denen, die heute die ganzen Fettbremse-Medikamente verkaufen. Dadurch hat man vom Zucker abgelenkt. Und auch heute noch werden Wissenschaftler, die das anders sehen und die Rolle der Werbung analysieren, teilweise massiv bedroht. Ähnlich wie beim Klima werden da auch einfach Fake-Studien verbreitet. Fett ist gesund, obwohl man heute eher Schweine züchtet, die überhaupt kein Fett mehr haben. Aber ein zu hoher Eiweiß-Anteil ist auch nicht gesund. Ich bin da für sehr rustikale und konservative Ernährungsformen…

Wie verhält man sich als normaler Konsument überhaupt richtig?

Alles in Maßen reicht schon. Und giftige Dinge wie Zucker muss man einfach reduzieren. Aber das kann nicht der Einzelne machen, da ist der Staat gefordert. Ein Beispiel: Auf der Autobahn gibt es Leitplanken. Und die Tatsache, dass ich nicht rasen darf, wie ich will, und einen Sicherheitsgurt anlege, ist auch eine Beschränkung meiner persönlichen Freiheit. Im Verkehr ist es selbstverständlich, dass wir das akzeptieren, aber bei giftigen Nahrungsmitteln wie Zucker ist es dann angeblich eine Niederlage der Freiheit.

Gibt es weitere politische Maßnahmen, die Sie für geboten halten?

Die Politik ist gefordert, endlich eine vernünftige Schulspeisung zu organisieren. Wir haben Milliarden von Geldern und begrenzen den Preis für eine Mahlzeit im Kindergarten auf 3,05 oder 3,10 Euro. Es wäre doch ein Einfaches, in Ganztagsschulen vernünftiges Essen anzubieten. Und nicht so eine Alibinummer, wie Äpfel in Kitas zu verteilen. Die Schulspeisung muss standardisiert werden. Wir haben genug wissenschaftliche Erkenntnisse, um sagen zu können, was wir brauchen und wie viel es kostet. Das ist mindestens so wichtig wie die Ausstattung mit Lehrern.

Welche Rolle spielen denn Lehrer oder Erzieherinnen bei diesem Thema?

Erzieherinnen und Lehrer hängen sich da zwar rein und engagieren sich, aber es fehlt an staatlicher Unterstützung. Es reicht, die Initiativen zu unterstützen, die es schon gibt. Da muss man gar nichts Neues erfinden. Besonders wichtig wäre es, solche Konzepte an den Schulen umzusetzen, wo die Eltern das nicht schaffen. Denn wir beobachten, dass es an Schulen in den sogenannten „guten“ Gegenden immer besser wird, an den Schulen in sozialen Brennpunkten bleibt es dagegen schlecht. In Delmenhorst machen wir gerade die Studie „Gesund und bunt“ in den drei Nachbarschaftszentren, da ist Ernährung eines der wichtigen Themen. Die Eltern aller Nationalitäten wissen das. Aber es umzusetzen, ist dann noch mal eine ganz andere Nummer. Auch das Umweltzentrum in Hollen ist eine tolle Einrichtung, aber eigentlich ist es eine Schande, dass es so eine Einrichtung geben muss. Das Umweltzentrum müsste so ausgestattet sein, dass jede Schule das selbstverständlich in ihrem Lehrplan drin hat.

Was halten Sie von vegetarischer oder veganer Ernährung?

Vegetarier oder Veganer leben schon deshalb gesünder, weil sie sich viele Gedanken über ihre Ernährung machen. Das ist ein Extra-Thema. Es ist auch ökologisch völlig sinnvoll, das zu machen. Wir könnten ein Drittel unserer ökologischen Probleme lösen, wenn alle Menschen Vegetarier wären. Wenn der Fleischverzehr deutlich reduziert werden würde, könnten wir die landwirtschaftliche Nutzfläche locker halbieren. Genau wie beim Zucker: auf das Niveau, das wir vor 100 Jahren hatten.

Das Interview führte Jochen Brünner.

Info

Zur Person

Dr. Johann Böhmann (67)

war bis Sommer 2017 33 Jahre lang an der Kinderklinik der Städtischen Kliniken Delmenhorst (heute Josef Hospital Delmenhorst) tätig, zunächst als Oberarzt, seit 1992 als Chefarzt. Er baute die vorhandene Kinderklinik mit aus und gründete 1998 den Verein Gesundheit im Kindesalter, aus dem 2009 zusätzlich das Delmenhorster Institut für Gesundheitsförderung hervorging. Am Dienstag, 23. Oktober, um 19 Uhr hält er im Ganderkeseer Rathaus einen Vortrag zum Thema „Schwer aktuell: Wenn das Gewicht aus dem Gleichgewicht gerät“.

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