Verdachtsfälle in der Nabu-Region Weser-Mitte

Sorge vor erneutem Meisensterben

Nach einer Epidemie im vergangenen Jahr sind auch jüngst mancherorts wieder tote Blaumeisen gefunden worden. In Hude und Wildeshausen gibt es indes noch keine Verdachtsfälle.
17.04.2021, 08:15
Lesedauer: 3 Min
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Sorge vor erneutem Meisensterben
Von Kerstin Bendix-Karsten
Sorge vor erneutem Meisensterben

Allein im vergangenen Jahr gingen beim Nabu 24.000 Verdachtsmeldungen hinsichtlich infizierter Blaumeisen ein.

Otto Schäfer/Nabu

Viren und Bakterien sind älter als die Menschheit, mit bloßen Auge aber nicht zu sehen. In den Blickpunkt sind Viren gerückt, als im vergangenen Jahr die Corona-Pandemie ausbrach und die Auswirkungen auf das alltägliche Leben und die Gesundheit der Menschen sichtbar wurden. Doch auch ein Bakterium forderte 2020 zahlreiche Leben: nicht bei Menschen, sondern bei Blaumeisen.

Suttonella ornithocola heißt das Bakterium, das im vergangenen Frühjahr in weiten Teilen Deutschlands eine Epidemie auslöste. Tausende Blaumeisen fielen ihm zum Opfer. Bis Jahresende waren beim Naturschutzbund (Nabu) über 24.000 Verdachtsmeldungen eingegangen, wie der Verein mitteilt. „Mehr als 400 tote Vögel wurden untersucht, ziemlich genau die Hälfte der beprobten Vögel ist an einer Infektion mit dem in Deutschland neuartigen Bakterium gestorben“, erklärt Leonie Jordan, Leiterin der Nabu-Regionalgeschäftsstelle Weser-Mitte. Hotspots in Niedersachsen waren die Landkreise Ammerland, Oldenburg und Osterholz.

Population hat sich erholt

In diesem Jahr sind bereits erneut Verdachtsfälle gemeldet worden. „Eine auffällige Häufung oder klare regionale Schwerpunkte sind jedoch noch nicht erkennbar“, berichtet die Regionalgeschäftsstellenleiterin. Die Nabu-Ortsgruppen im Landkreis Oldenburg können jedenfalls bisher keine derartigen Vorkommnisse vermerken. "Ich habe dieses Jahr noch keine Anrufe bekommen. Wenn ich durch mein Revier gehe, sind alle Blaumeisen putzmunter“, erklärt Uwe Tönjes, Vorsitzender beim Nabu Hude. Auch seinen Wildeshauser Kollegen Wolfgang Pohl haben in diesem Jahr noch keine entsprechenden Meldungen erreicht. "An den Futterstellen im Winter und jetzt in den Gärten waren und sind jedenfalls Amseln und Meisen aller Arten wieder zahlreich vertreten", erklärt der Vorsitzende vom Nabu Wildeshausen. Das Meisensterben sei offenbar vorüber. "Die Populationen haben sich wieder erholt", meint Pohl.

Diese Beobachtung hat auch der Huder Nabu-Vorsitzende gemacht. Uwe Tönjes zeigt sich zwar durchaus besorgt, dass es in diesem Jahr schon einige Fälle des Meisensterbens in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern gegeben habe. Weil Meisen jedoch Standvögel sind und zumeist in ihren Brutgebieten bleiben, hält er es für „eher unwahrscheinlich“, dass die Epidemie auch in den Landkreis Oldenburg zurückkehrt.

„Von Epidemien heimgesucht werden meistens die besonders zahlreich vorkommenden Arten, bei denen sich die Einzeltiere häufig und auf engem Raum begegnen und dadurch den Erreger schnell untereinander weitergeben“, erklärt Wolfgang Pohl. Er erinnert daran, dass es vor dem Meisensterben auch schon das Amselsterben gab, das dem Usutu-Virus geschuldet war. „Eine solche Epidemie hinterlässt aber immer noch genügend überlebende Tiere, die dann die Population schnell wieder aufbauen“, merkt der Wildeshauser an.

Um herauszufinden, ob die vom Bakterium „Suttonella ornithocola“ ausgelöste Epidemie des vergangenen Jahres ein einmaliges Ereignis war oder der Beginn eines jährlich wiederkehrenden Problems, ist der Nabu auf Meldungen angewiesen. Verdachtsmeldungen kranker oder toter Blaumeisen können unter www.nabu.de/meisensterben eingereicht werden.

„Social Distancing“ für Blaumeisen

Befallene Tiere lassen sich daran erkennen, dass sie nicht mehr auf ihre Umwelt reagieren, apathisch und aufgeplustert auf dem Boden sitzen und nicht vor Menschen fliehen. "Oft wirken die Vögel, als hätten sie Atemprobleme. Augen, Schnabel und Teile des Federkleids sind häufig verklebt“, erklärt Regionalgeschäftsstellenleiterin Leonie Jordan. Die kranken Vögel können meist in Umgebung der Futterstellen beobachtet werden. In diesem Falle heißt es: „Social Distancing“ für Vögel. Die Fütterung und das Bereitstellen von Tränken sollten sofort eingestellt werden, um eine Ausbreitung zu vermeiden.

Neben den Blaumeisen können auch Kohlmeisen und andere kleinere Singvögel daran erkranken. Um der erneuten Ausbreitung der Epidemie entgegenzuwirken, ist eine grundsätzliche Hygiene bei der Vogelfütterung zu berücksichtigen, „damit sich die Tiere beim Körnerholen oder Wassertrinken nicht gegenseitig mit Krankheiten anstecken können“, erklärt Jordan. An Futter- und Wasserstellen sollte auf Sauberkeit geachtet werden. „In der Brutzeit holen sich die Vögel immer gern einen Leckerbissen zur Stärkung an der Futtersäule ab. Das ist auch kein Problem, solange das Futter sauber ist und die Vögel nicht mit dem gesamten Futter in Kontakt kommen können“, führt Jordan weiter aus.

Naturnahe Gärten und viele Grünflächen können den Tieren ganzjährig bei der Nahrungssuche helfen. Um den Vögeln zur Brutzeit genug Futter zur Jungenaufzucht zu bieten, sollte laut Jordan die Blüten- und Insektenvielfalt im heimischen Garten gefördert werden.

Weitere Informationen

Verdachtsmeldungen

Wer eine tote oder kranke Meise sichtet, den bittet der Nabu, dies zu melden. Das Formular hierzu ist unter www.nabu.de/meisensterben zu finden. Dabei sei es wichtig, genaue Angaben zum Fundort, dem Funddatum, den näheren Fundumständen und zu den Symptomen der Vögel zu machen. Der Nabu wertet die Daten aus und stellt sie dann Wissenschaftlern zur Verfügung.

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