Kommunen im Spagat Homeoffice statt Amtsstube

Der Bund hält Arbeitgeber und Arbeitnehmer dazu an, wegen Corona maximal auf Homeoffice zu setzen. Medienberichte, wonach sich der öffentliche Dienst damit schwer tue, weisen die Kommunen in der Region zurück.
08.02.2021, 04:59
Lesedauer: 7 Min
Zur Merkliste
Von Peter von Döllen, Brigitte Lange, Christian Valekund Bernhard Komesker

Landkreis Osterholz. Die Anmoderation klang saftig: Als staatliches Versagen angesichts vermeidbarer Todesfälle stand in der Fernsehsendung „Monitor“ Ende Januar der öffentliche Dienst am Pranger. Wegen Verordnungen, die er weder durchsetzt, noch im eigenen Hause umsetzt. Viel zu viele Beschäftigte in den öffentlichen Verwaltungen seien auf Druck ihrer Vorgesetzten noch immer nicht ins Homeoffice gewechselt, sondern müssten weiter ins Büro, so der TV-Beitrag. Während Telearbeit im produzierenden Gewerbe und den weiter geöffneten Branchen nur bedingt möglich scheine, machten Ämter und Behörden für sich selbst eine Ausnahme, statt mit gutem Beispiel voranzugehen. Das mache die Corona-Politik unglaubwürdig, folgerten die Fernsehmacher.

Sie stützten sich unter anderem auf eine Online-Umfrage, die der Digitalverband Bitkom von August bis November 2020 unter 623 Städten und Gemeinden veranlasst hatte. Diese ergab zwar einen behördlichen Digitalisierungsschub durch Corona, zugleich aber auch eine ausgeprägte Präsenzkultur in den Amtsstuben: Jede zweite Kommune bot ihrem Personal mobiles Arbeiten nicht an. Die Gründe: Kein Vertrauen in gute Arbeitsergebnisse, Geldmangel, fehlende digitale Technik, Probleme beim Datenschutz. Nach einer NDR-Erhebung in den niedersächsischen Kreishäusern waren Ende Januar noch 60 Prozent der Verwaltungsmitarbeiter im Präsenzbetrieb; in der freien Wirtschaft lag dieser Wert gar bei 70 Prozent.

Kreishaus-Sprecherin Jana Lindemann lässt die Negativschlagzeilen für den Landkreis Osterholz nicht gelten. „Der Landkreis bietet seinen Beschäftigten bereits seit vielen Jahren die Möglichkeit des mobilen Arbeitens an“, sagt sie. Dadurch konnte das Homeoffice zu Beginn der Pandemie auch vergleichsweise leicht ausgeweitet werden. Inzwischen können bis zu 570 externe Logins die kreiseigene EDV-Zentrale zeitgleich nutzen, so Lindemann. Die Nutzerzahlen seien seit Monaten hoch, die Erfahrungen „durchweg positiv“. Aktuell zähle die Verwaltung täglich etwa 370 Mitarbeiter, die sich von zu Haus aus einloggen. Wenn man bedenke, dass auch Teilzeitkräfte darunter seien, die nicht täglich im Dienst sind, liege die Homeoffice-Quote aller Bediensteten klar über 60 Prozent des Gesamtpersonals.

Von den 655 Kreishaus-Beschäftigten, so hat es Landrat Bernd Lütjen im Jahresbilanzgespräch erklärt, gebe es etwa 55, für die Homeoffice kaum in Frage komme. Dabei handele es sich um Reinigungskräfte, Hausmeister, Handwerker und die Kreisstraßenmeisterei. Sodann habe der Landkreis zwar den Zugang zu den Ämtern eingeschränkt, doch sei man nach Terminvereinbarung ununterbrochen erreichbar geblieben. Ordnungsamt, Ausländerbehörde, Zulassungsstelle und Baugenehmigungsbehörde zählten zu den Abteilungen, die einen Spagat vollführen müssen, weil sie als Dienstleister für die Bürger ansprechbar sein sollen.

Zwar habe man die Personaldecke in den Kreishäusern sehr ausgedünnt, doch gebe es durch Corona ja nicht weniger zu tun, so Lütjen. In der Zulassungsstelle etwa entsprachen die Fallzahlen 2020 trotz Pandemie denen des Vorjahres. „Dass der Parkplatz zurzeit recht voll wirkt, liegt auch daran, dass manche Menschen wegen Corona lieber im eigenen Auto zu uns kommen“, erklärt der Landrat.

Jana Lindemann setzt hinzu: Die Anforderungen der Arbeitsschutzverordnung habe der Landkreis mit seinem Hygienekonzept sowie dem aktiven Werben für das Homeoffice längst umgesetzt. Die Verwaltungsmannschaft sei gehalten, freie Büro-Kapazitäten sowie technische Möglichkeiten wie Telefon- und Videokonferenz zu nutzen.

Zu all dem sei jetzt noch einmal aufgerufen worden, „um insbesondere den ÖPNV zu entlasten und Büro-Einheiten weiter zu entzerren“, wie die Verwaltungssprecherin es ausdrückt. Wenn kein Abstand möglich sei und der Dienst es erfordere, würden den Beschäftigten auch medizinische Masken zur Verfügung gestellt. Die Wirtschaftsförderung des Landkreises nehme unterdessen zum Thema Homeoffice aktuell keinen erhöhten Beratungsbedarf der im Kreisgebiet ansässigen Unternehmen wahr. Die Betriebe werden Lindemann zufolge in aller Regel auch gut über die Kammern und andere Dachverbände informiert.

Die Verwaltung der Samtgemeinde Hambergen lässt einen großen Teil ihrer Mitarbeiter von zu Hause aus arbeiten, wie Marco Ehrichs erklärt. Er wird in Kürze neuer Stellvertreter des Samtgemeindebürgermeisters. „Wir machen das wechselschichtig“, sagt Ehrichs. Es werde darauf geachtet, dass bestimmte Mitarbeiter einander nicht begegnen, damit eine Infektion nicht den ganzen Betrieb lahm legen kann. Insgesamt werde die Arbeit derzeit zu 75 bis 80 Prozent im Homeoffice erledigt.

„Manche Dinge können im eigenen Haus sogar besser erledigt werden“, schildert Ehrichs seine eigenen Erfahrungen. Andere Aufgaben seien ungeeignet: Das Personal aus Einwohnermeldeamt und anderen Abteilungen mit Besucherkontakt müsse nun mal ins Rathaus kommen. Auch gebe es Aktenpapiere, die nicht mitgenommen werden können oder sollen. Auf der technischen Seite gebe es aber keine großen Probleme. „Wir arbeiten bei der IT mit dem Landkreis zusammen“, sagt Marco Ehrichs. Über einen sogenannten VPN-Tunnel erhalten die Mitarbeiter Verbindung zum dortigen Server.

Aufs Arbeiten von zu Hause aus, setzt in dieser Pandemie auch die Gemeinde Ritterhude. Zumindest in den Bereichen, in denen das möglich ist – also der Verwaltung. Die Pandemie, so berichtet Ralph Härtel vom Rathaus-Personalservice, habe definitiv zu einer explosionsartigen Ausweitung vom mobilen Arbeiten geführt. „Seit der ersten Welle nutzen wir das Homeoffice sehr intensiv“, erklärt der Sachgebietsleiter. Eine genaue Quote könne er zwar nicht nennen, aber: „Der Anteil der Beschäftigten in der Verwaltung liegt inzwischen bei über 50 Prozent.“ Je nach Abteilung seien die Zahlen schwankend. Die Sachgebietsleiter entscheiden in Ritterhude, wer von daheim aus arbeiten kann und wer ins Rathaus kommen muss. Sie trügen schließlich die Verantwortung für den Betriebsablauf, sagt Härtel. Sorgen, dass ganze Fachbereiche in Quarantäne geschickt werden müssten, weil ein Mitarbeiter das Virus ins Rathaus einschleppe, hat Härtel nicht. „Die meisten Mitarbeiter bei uns arbeiten in Einzelbüros.“ Er gehe zudem fest davon aus, dass diese Form der Arbeit dauerhaft zu einem festen Bestandteil der Arbeitswelt wird. „Der Umfang wird sich nach der Pandemie vermutlich wieder etwas reduzieren; aber mit Anteilen von 25 bis 30 Prozent kann ich mir dauerhaft eine Arbeit im Homeoffice für unsere Verwaltungsbeschäftigten vorstellen.“

In der Stadt Osterholz-Scharmbeck ist das Thema der Verwaltung grundsätzlich nicht neu. Bereits 2011 habe man mit dem Personalrat über die Machbarkeit von alternierender Telearbeit gesprochen und dazu eine Absprache getroffen, heißt es aus dem Rathaus der Kreisstadt. Herausgekommen war ein formelles Antragsverfahren, wonach – sofern die persönlichen und technischen Voraussetzungen vorliegen - bis zu zwei Arbeitstage pro Woche von zu Hause aus gearbeitet werden kann. Mit Ausbruch der Corona-Pandemie und Beginn des ersten Lockdown sei es den Beschäftigten ab März 2020 möglich gewesen, alternativ im Homeoffice zu arbeiten, lässt die Stadt über ihre Sprecherin Lisanne Matthiesen mitteilen. Mit der neuen Verordnung vom Januar sei die Zahl der Homeoffice-Arbeitsplätze nochmals ausgeweitet worden.

Dabei handele es sich um ein ergänzendes Angebot und ein formloses Verfahren. Entscheidungen würden auf der Fachbereichsleiter-Ebene getroffen. Es gebe keine Begrenzung hinsichtlich der Zahl der Arbeitstage. Ausgenommen von der Regelung seien systemrelevante Bereiche wie IT oder Kasse. „In den Arbeitsbereichen sind mindestens 50 Prozent der Beschäftigten weiterhin vor Ort“, lässt die Verwaltung mitteilen. Ausnahmen gebe es auch im Notdienst der Kindertagesstätten sowie auf dem Baubetriebshof. Zurzeit befinden sich bei der Stadt 42 Mitarbeiter in Telearbeit, 102 sind im Homeoffice.

Das Fazit der Verwaltung fällt positiv aus. Grundsätzlich seien gute Erfahrungen gemacht worden, auch wenn die Beschäftigten über fehlende Sozialkontakte klagten, so die Stadt-Sprecherin. Künftig solle das Verfahren ausgebaut werden. Voraussetzung dafür sei eine Änderung der Dienstvereinbarung, die größere Flexibilität erlaube. Matthiesen verweist auf eine weitere Initiative der Bundesregierung, die das Ziel hat, mobile Arbeit zu fördern und zu erleichtern. Der Entwurf des Mobile-Arbeit-Gesetzes (MAG) befindet sich gerade in der Abstimmung mit den Spitzenverbänden. Insgesamt sei davon auszugehen, dass durch die Corona-Pandemie der Technikeinsatz in der Kommunikation sowie das mobile Arbeiten zunehmen werden. Matthiesen: „Wer hätte vor zwei Jahren daran gedacht, dass Gespräche oder Fortbildungen über Video- oder Telefonkonferenz zum Standard werden?“

Info

Zur Sache

Von Rechten und Pflichten

Seit 27. Januar 2021 verpflichtet die Arbeitsschutzverordnung des Bundesarbeitsministeriums die Arbeitgeber zunächst bis 15. März dazu, Homeoffice anzubieten. Beschäftigte sollen das Angebot annehmen, soweit sie können. Bleiben die Mitarbeiter im Betrieb, müssen die Arbeitgeber mindestens medizinische Gesichtsmasken zur Verfügung stellen. Werden Räume von mehreren Personen gleichzeitig genutzt, müssen pro Person zehn Quadratmeter zur Verfügung stehen. Bei mehr als neun Beschäftigten müssen diese in möglichst kleine, feste Arbeitsgruppen eingeteilt werden. Daneben gelten weiter die bekannten Abstands-, Lüftungs- und Hygieneregeln. Zuständig für Überwachung und behördliche Anordnungen sind in Niedersachsen das Gesundheitsministerium sowie die Gewerbeaufsichtsämter. Wird gegen deren Bescheid dann weiter verstoßen, können bis zu 30.000 Euro Bußgeld fällig werden. Für Betroffene, deren Homeoffice-Wunsch abgelehnt wird, empfiehlt es sich, zunächst mit dem Chef oder dann mit der Personalvertretung zu reden, bevor sie sich an die Gewerbeaufsicht oder oder die gesetzliche Unfallversicherung wenden. Auch wenn die Beweislast beim Arbeitgeber liegt: Einklagbar ist Homeoffice nicht.

Info im Internet unter www.bmas.de/DE/Arbeit/Arbeitsschutz/Gesundheit-am-Arbeitsplatz/homeoffice-was-bestehen-fuer-rechte-und-pflichten.html

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+