Ausstellung über Flucht Gehen und bleiben

Osterholz-Scharmbeck. Flucht passiert jetzt, heute, jeden Tag. Dabei geht es nicht nur um Menschen, die aus Kriegs- und Krisengebieten fliehen.
25.04.2017, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Gehen und bleiben
Von Katharina Elsner

Osterholz-Scharmbeck. Flucht passiert jetzt, heute, jeden Tag. Dabei geht es nicht nur um Menschen, die aus Kriegs- und Krisengebieten fliehen. Es geht auch um die eigene Geschichte, darum, was wir daraus lernen – und um Familien. Zum Beispiel die von Heike Jeske. Sie ist Lehrerin für Gesellschaftslehre an der Integrierten Gesamtschule in Osterholz-Scharmbeck – und dafür verantwortlich, dass im Foyer der Schule nun drei Aufstellwände stehen, etwa zwei Meter hoch, beidseitig bedruckt.

Der Verein Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VdK) hat diese Ausstellung entworfen, die durch Niedersachsen wandert und den Titel trägt: „Geflohen, vertrieben – angekommen?! Aspekte der Gewaltmigration im 20. und 21. Jahrhundert.“ Es sei die Ausstellung, die am meisten ausgeliehen werde, sagt Karl-Friedrich Boese, eigentlich selbst Lehrer und nun Bildungsreferent beim Verein. „Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber deren Phänomene“, sagt er.

Jeskes Großeltern kommen aus Bessarabien, „ein Land, das es nicht mehr gibt“, wie sie sagt. Heute leben dort Moldawier und Ukrainer, ihre Großeltern mussten von dort fliehen, zunächst nach Polen. Als die Deutschen dann den von ihnen angezettelten Krieg verloren hatten, mussten viele aus Schlesien, Pommern oder Sudetendeutschland gehen. Auch Jeskes Eltern, die von Polen erst nach Ostdeutschland und schließlich, vor dem Mauerbau 1961, nach Westdeutschland flohen.

Auch wegen ihrer eigenen Geschichte will Jeske Schülerinnen und Schüler ermutigen, selbst in der Familie nachzufragen, ob Großeltern oder Verwandte geflüchtet seien. Vielleicht ähnelten sich die Geschichten von damals denen von heute – auch wenn sie die Deutschen nicht in der Opferrolle präsentieren will. Der Landkreis Osterholz hat in den vergangenen zwei Jahren etwa 1500 Geflüchtete aufgenommen. „Wichtig ist nun, dass wir den Menschen eine Chance geben“, sagt Landrat Bernd Lütjen, der die Ausstellung eröffnete. Wichtig sei, dass sie die Sprache lernen und sich für den Arbeitsmarkt qualifizieren – denn die meisten würden wohl hier bleiben.

Die Stellwände zeigen deswegen nicht nur Fluchtbewegungen der Vergangenheit, sondern greifen auf, was Integration, Vorurteile und Diskriminierung bedeuten. Sowieso gebe die Ausstellung nur einen Überblick, der Teil des Allgemeinwissens sei. Boese vom VdK nennt es einen „Baustein“ der Flucht, der Parallelen zeigen soll zu dem, was die Schülerinnen und Schüler vor Ort selbst erleben.

Dabei ist es Heike Jeske wichtig, Geschichte an Einzelschicksalen greifbar zu machen und originale Begegnungen zu schaffen. Ressentiments und Vorurteile gebe es auch in der Schule, schließlich sei sie auch nur ein Querschnitt der Gesellschaft, sagt Karl-Friedrich Boese. „Moralische Appelle helfen dagegen nicht“, glaubt Jeske. Sie lädt für den Geschichtsunterricht deswegen Zeitzeugen ein, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben oder einen ehemaligen Kindersoldaten aus Uganda. Außerdem hat sie mit ihren Kollegen ein Austauschprojekt initiiert, das die Schüler mit griechischen Jugendlichen zusammenbringen – und einen Teil der gemeinsamen Geschichte aufarbeiten soll: die Massaker der deutschen Wehrmacht in griechischen Dörfern.

Alle Interessierten können die Ausstellung im Foyer der IGS an der Mensingstraße 56 während der Schulzeiten bis zum 5. Mai 2017 besichtigen.

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