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Unwetter über Osterholz Erst Wasser schippen, dann Bewerbungsfotos schießen

Überschwemmungen, ein bedrohtes Klärwerk und die Feuerwehr im Dauereinsatz – diese Folgen hat das Unwetter über Osterholz-Scharmbeck.
28.06.2024, 17:06 Uhr
Lesedauer: 6 Min
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Von Brigitte Lange Peter von Döllen Lucas Brüggemann

Mit vereinten Kräften haben Feuerwehr, Technisches Hilfswerk und Osterholzer Stadtwerke Donnerstagabend verhindert, dass die Becken des Klärwerks im Ortsteil Lintel überflutet wurden. Wie der Pressesprecher der Osterholz-Scharmbecker Brandschützer, Chris Hartmann, berichtet, konnten die Wassermassen, die das sensible System der Kläranlage bedrohten, mit einem massiven Einsatz von Pumpentechnik umgeleitet werden.

Zudem sei mithilfe eines Radladers ein Wall gebaut worden, um das Klärwerk mit seinen Becken, in denen Bakterien zum Reinigen des Schmutzwassers eingesetzt werden, zu schützen. Etwa gegen 21.30 Uhr konnten die Feuerwehrleute von dieser Einsatzstelle abrücken, teilt Chris Hartmann mit.

Zu dem Zeitpunkt waren die Feuerwehrleute und das THW allerdings schon seit kurz vor 19 Uhr in Lintel im Einsatz gewesen. Und das war nicht der erste Einsatz an jenem Tag gewesen. Mindestens 38-mal waren die Helfer am Donnerstag ausgerückt, nachdem am Nachmittag ein Unwetter über den Landkreis Osterholz gezogen war und für einige Wasserschäden gesorgt hatte.

Bis Mitternacht

Lintel sollte zudem nicht der letzte Einsatz am Donnerstag bleiben. So wurden die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr um kurz nach 22 Uhr noch zu einem brennenden Baum an der Dresdner Straße in Osterholz-Scharmbeck gerufen. "Einsatzende war tatsächlich um Mitternacht", sagt Chris Hartmann.

"Wir hatten noch Glück", sagt Carolin Novak, Marketingchefin der Osterholzer Stadtwerke, mit Blick auf die Situation am Klärwerk. Feuerwehr und THW seien schnell vor Ort gewesen, um "maximale Schadensbegrenzung" zu leisten. Wären große Mengen Regenwasser in die Belebungsbecken gelangt, wäre das laut Novak der "Worst Case" für die Stadtwerke gewesen, weil dadurch die dort vorhandenen Bakterienkulturen in Mitleidenschaft gezogen worden wären. "Das wäre ein immenser Schaden." Für die Bürgerinnen und Bürger hätte das Worst-Case-Szenario aber zunächst keine Auswirkungen gehabt, erklärt Novak. Eingespülter Sand und Schlamm hätten zudem ein Problem für die Maschinen werden können. Wenn das Klärwerk überflutet worden wäre, hätte es für die Stadtwerke zu ökologischen und finanziellen Konsequenzen geführt, weil dann stärker ungeklärtes Abwasser in umliegende Gewässer gelangt wäre. "Dafür müssten wir dann ein Bußgeld zahlen", erklärt Novak.

Der Bereich Kirchenstraße Ecke Beckstraße/Poststraße/Schwaneweder Straße verwandelte sich am Donnerstag binnen kurzer Zeit zu einer Seenlandschaft beziehungsweise einem Fluss, der die Kirchenstraße hinabfloss, wie ein Facebook-Video eindrucksvoll zeigt. Auf dem Film ist zu sehen, wie ein Auto des Bauhofes bis zur Hälfte der Räder im Wasser steht. "Das ist ein kritischer Punkt", sagt Carolin Novak. Dort laufen drei Kanäle zusammen. "Und das mit großem Gefälle von Buschhausen und dem Pumpelberg her." Die drei Abflüsse seien voll gewesen. "Da reichten die Kapazitäten für die große Menge an Regen nicht aus", so Novak. In diesem Zusammenhang teilt die Verwaltung von Osterholz-Scharmbeck mit, dass das öffentliche Entwässerungsnetz grundsätzlich funktionierte, aber überlastet war.

Aus Sicht der Osterholzer Stadtwerke war das Starkregenereignis am Donnerstag noch extremer als die Situation im vergangenen Sommer. Damals seien etwa 60 bis 70 Liter pro Stunde gefallen, am Donnerstag seien es etwa 100 Liter in der Stunde gewesen. Probleme hätten deshalb auch die Regenrückhaltebecken in der Stadt bereitet. Einige drohten überzulaufen, bei einem sei die Böschung abgesackt. "Da schauen wir nun, wie wir die Becken für solche Starkregensituationen verbessern können", sagt Novak.

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Aufseiten der Stadtverwaltung laufe derzeit noch die Schadensermittlung, teilt Stadtsprecherin Lisanne Matthiesen auf Nachfrage der Redaktion mit. Mit Blick auf die Überschwemmung an der Kirchenstraße sagt sie: "Das kritische Oberflächenwasser kam weniger aus Richtung Hundestraße, sondern es handelt sich um das Oberflächenwasser vom Bereich Pumpelberg, Schwaneweder Straße, Beckstraße."

Vom Wasser überrascht

Auch die Läden in der Kirchenstraße hatten am Donnerstag mit dem Wasser zu kämpfen. Arkadius Rojek, Inhaber der Fotoscheune, war völlig überrascht, wie er sagt. "Ich bin geschockt nach Hause gefahren", erzählt der Fotograf. Er hat den Laden erst vor Kurzem übernommen und schon davon gehört, dass es bereits Probleme mit dem Wasser gab. Es sei dann aber doch etwas anderes, wenn man es hautnah erlebe. Vor allem die Geschwindigkeit, mit der der Pegel anstieg, hat ihn beeindruckt. "Wir haben versucht, schnell zu reagieren und haben das Wasserschott am Eingang eingesteckt", schildert Rojek die Situation. Trotzdem konnte das Wasser nicht komplett aus dem Geschäft gehalten werden. Wegen des starken Kundenandrangs war zufällig ein zusätzlicher Mitarbeiter im Laden tätig, was bei der Beseitigung des Wassers geholfen hat. Sogar ein Kunde habe mit angepackt.

Später habe er dann – barfuß und mit hochgekrempelter Jeans – Bewerbungsfotos gemacht, berichtet Arkadius Rojek schmunzelnd. Eine junge Frau habe kurz nach Ablauf des Wassers vor der Tür gestanden und völlig entspannt danach gefragt. Noch am Wasserschaufeln musste er sie mit Hinweis auf das Unwetter vertrösten. Das Equipment hatte der Fotograf vorsichtshalber abgeschaltet. Etwas später kam die Frau dann wieder. Eine kuriose Szene, die Rojek so schnell nicht vergessen wird.

Welcher Schaden genau entstanden ist, weiß der Ladeninhaber noch nicht. Der müsse noch ermittelt werden. Der Versicherungsvertreter sei schon da gewesen. "Insgesamt sind wir noch relativ glimpflich davongekommen", glaubt Rojek. Die Fotoscheune liege schließlich am tiefsten Punkt. Er plant ohnehin einen Umbau. Mit den frischen Eindrücken im Hinterkopf überlegt Rojek, dass der Eingangsbereich etwa mit einer Rampe höher gelegt werden könnte. Nach dem Öffnen der Gullys sei das Wasser dann schnell abgelaufen, hat Rojek beobachtet.

Auch Michael Meyer, der die Post und einen Sonderpostenladen in der Kirchenstraße betreibt, hat das Phänomen mit den Gullys registriert. Das Wasser sei nach deren Öffnung schnell abgelaufen. "Wir sind mit beiden Läden abgesoffen. Das Wasser kam sehr schnell", sagt er. Er selbst war nicht vor Ort, seine Mitarbeiter hätten ihm von der Lage berichtet. Mit Nasssaugern hätten sie das Wasser aufgenommen. Der Teppich sei hin und eine Rigipswand habe Wasser gezogen. Ob Ware betroffen ist, muss noch geprüft werden. Einiges sei schnell beiseitegeräumt worden. Auch er muss den Schaden erst noch genau beziffern.

Im Rückblick sagt Feuerwehrsprecher Chris Hartmann, dass die über 50 Einsätze zwar viel, aber für die Feuerwehr machbar gewesen seien. Alle zehn Ortsfeuerwehren der Kreisstadt waren mit etwa 120 Helfern im Einsatz. "Wir hatten zum Glück auch alle Mann an Deck." Auch wenn es für die Betroffenen sicherlich ärgerlich und hinterher mit Schäden verbunden sei, handelte es sich am Donnerstag "nur" um Wasser. "Es waren keine Personen in Gefahr", erklärt Hartmann. Mit Blick auf die Zukunft sagt Hartmann: "Die witterungsbedingten Einsätze werden zunehmen, darauf stellen wir uns ein."

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Zeltlager evakuiert

Eigentlich sollte das Stadtzeltlager der Jugendfeuerwehr in Scharmbeckstotel bis zum Wochenende dauern. Doch das Unwetter machte auch dem Feuerwehrnachwuchs einen Strich durch die Rechnung. Aufgrund der Wetterlage musste das Zeltlager mit etwa 50 Jugendlichen laut Feuerwehrsprecher Chris Hartmann zunächst abgebrochen und dann evakuiert werden, um jedes Risiko für die Teilnehmer und Teilnehmerinnen auszuschließen. Während einige der Betreuer direkt in den Einsatz ihrer jeweiligen Ortsfeuerwehr gingen, organisierten die verbliebenen Betreuer den sicheren Rücktransport der Jugendlichen.

Die Lebensmittel, die beim Zeltlager nicht mehr verbraucht wurden, kamen übrigens einer neuen Bestimmung zu. Wie Chris Hartmann verrät, wurden damit die Feuerwehrmänner und -frauen im Einsatz versorgt. Dafür wurde im Feuerwehrhaus eine Verpflegungsstation eingerichtet.

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