Ausbildungsmarkt Mehr Stellen, aber weniger Bewerber

Ausbildungsmarkt in der Region: Vor allem Handwerk und Gewerbe fehlt der berufliche Nachwuchs. Nach einer IHK-Prognose sinkt die Zahl der Schulabsolventen weiter.
01.12.2022, 14:27
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Mehr Stellen, aber weniger Bewerber
Von Andreas Becker

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Stade hat im Elbe-Weser-Raum 2022 etwa 5,5 Prozent weniger abgeschlossene Ausbildungsverträge registriert als im Jahr davor. Wie IHK-Vizepräsident Bernd Afflerbach im Zuge eines Pressegesprächs ausführte, gab es zwar im gewerblichen Bereich einen kleinen Zuwachs, bei den Kaufleuten aber einen deutlichen Rückgang. "Es wird immer schwieriger, junge Menschen für eine Ausbildung im gewerblichen Bereich und im Handwerk zu überzeugen", sagte er. Im Landkreis Verden sei der Rückgang mit minus zwei Prozent vergleichsweise moderat.

Der Krieg in der Ukraine habe mit Rohstoffproblemen und hohen Energiepreisen auch Auswirkungen auf den Ausbildungsmarkt. "Viele jungen Menschen sind verunsichert und das schlägt sich auch bei der Berufswahl nieder", sagte er. Siegfried Deutsch, Leiter der IHK in Verden, ergänzte, dass der Berufsorientierung heutzutage eine entscheidende Bedeutung zukomme, da die Unentschlossenheit häufig zu weiteren Warteschleifen führe. "Außerdem lässt die seit Jahren gleiche Liste der beliebtesten Berufe auch den Schluss zu, dass die jungen Leute viele Berufswege gar nicht auf dem Schirm haben", argumentierte Deutsch. "Wenn wir das nicht in den Griff bekommen, werden wir auch den Fachkräftemangel nicht beheben." Er plädierte an die Schulabgänger, sich auch jetzt noch im Dezember um eine Ausbildung zu bemühen. "Es gibt noch offene Stellen."

1106 Ausbildungsstellen

Das bestätigte Christoph Tietje, Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Nienburg-Verden. Von Oktober 2021 bis Ende September 22 hätten sich 821 junge Erwachsene bei der Berufsorientierung der Agentur gemeldet, um bei der Suche nach einem geeigneten Ausbildungsplatz Unterstützung zu bekommen. Das sind 5,1 Prozent weniger als im Vorjahr und 12,6 Prozent weniger als 2019/20. Im aktuellen Berichtsjahr meldeten die Betriebe 1106 offene Stellen: 2,9 Prozent mehr als im Vorjahr und 4,9 Prozent mehr als im Berichtsjahr 2019/20. "Dieser Zuwachs zeigt, dass der Bedarf an Nachwuchskräften bei den Betrieben ungebrochen ist", so Tietje. Die Zahlen der Arbeitsagentur bildeten etwa 80 Prozent des Marktes ab. Etwa 70 Prozent der Kunden seien Real- und Hauptschulabsolventen. Bis Ende September konnten laut Tietje 755 Ausbildungssuchende vermittelt werden, entweder in eine Lehrstelle oder eine vorbereitende Qualifizierung. Nach dem 30. September waren noch 66 Schulabgänger ohne eine berufliche Perspektive. "Im abgelaufenen Berichtsjahr ist die Ausbildungsneigung der Jugendlichen erneut gesunken und liegt unter dem Niveau aus dem Vorvorjahr", so der Agenturchef. Ein Faktor dafür sei, dass viele Betriebe nach den beiden Corona-Jahren noch nicht wieder Praktika anbieten würden.

Falsche Erwartungen

Von den gemeldeten Ausstellungsstellen waren nach dem Stichtag noch 44 unbesetzt. Allerdings haben laut Tietje einige Betriebe zum Ende des Ausbildungsjahres ihre Angebote abgemeldet, wenn sie nicht besetzt werden konnten. Insbesondere im kaufmännischen Bereich, der Verwaltung, in Handel, Logistik sowie Produktions- und Fertigungsberufen hätten die Unternehmen weiterhin Probleme, Ausbildungsstellen zu besetzen. "Die Gründe sind neben geringen Bewerberzahlen eine teilweise fehlende Qualifizierung sowie in ländlichen Regionen mangelnde Mobilität." Falsche Erwartungen und eine unzureichende Qualifizierung führen auch nach Daten der IHK nicht selten zu einem vorzeitigen Abbruch der Ausbildung. Im laufenden Jahr wurden demnach 15,7 Prozent der Verträge aufgelöst, davon 2,7 Prozent bereits in der Probezeit.

Einen Rückgang der abgeschlossenen Ausbildungsverträge musste auch Ante Tobias Brekenfeld, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Elbe-Weser, vermelden. "Damit sind wir natürlich nicht zufrieden, verhindern können wir das aber auch nicht", sagte er. Um die jungen Leute zu erreichen, sei die Handwerkerschaft auch in vielen sozialen Kanälen aktiv. Die meisten Auszubildenden im Handwerk verfügten über einen Realschulabschluss, gefolgt vom Hauptschulabschluss. "Immerhin elf Prozent haben die Hochschulreife", so Brekenfeld. Die meisten männlichen Lehrlinge arbeiten im Elektro- und Metallgewerbe, ganz oben auf der Liste der beliebtesten Berufe steht der Kfz-Mechatroniker. Die Frauen sind am stärksten im Gewerbe der Gesundheits- und Körperpflege sowie in Reinigungsberufen vertreten. Im kommunalen Jobcenter des Landkreises war bei den Ausbildungsberufen die Fachkraft-Pflegeassistenz besonders gefragt, gefolgt von einer Tätigkeit im Verkauf und der Sozialassistenz, wie Natalia Schäfer vom Jobcenter vorstellte.

Weniger Schulabgänger

Nach einer Prognose der IHK wird die Zahl der Schulabsolventinnen und -absolventen noch bis 2029 abnehmen und erst dann möglicherweise wieder ansteigen. Analog entwickeln sich die Schülerzahlen an den Berufsbildenden Schulen. Das könnte, so Deutsch weitreichende Folgen haben, wenn die Lehrlinge für den Besuch der Berufsschule weitere Fahrten in Kauf nehmen müssten. "Die Nähe der Berufsschule ist auch ein Kriterium bei der Wahl der Ausbildung. Wenn wir beispielsweise IT-Auszubildende nicht mehr in Verden beschulen können, haben wir ein echtes Problem." Auch Brekenfeld betonte, dass die Erhaltung der Berufsschulen eine wichtige Aufgabe sei. Wenn die Betriebe vor Ort keine Fachkräfte mehr fänden, seien die Unternehmen auch bald weg.

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