Verdener kümmert sich um Hunderte Golfplätze Wie das Tauchen nach Golfbällen zu einem Geschäft wurde

Ralf Oestmann ist gelernter Gärtner. Seit zwölf Jahren indes verdient der Verdener sein Geld mit dem Tauchen nach Golfbällen. Und ganz nebenbei kümmert er sich auch noch um den Gewässerschutz.
30.07.2019, 16:56
Lesedauer: 4 Min
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Wie das Tauchen nach Golfbällen zu einem Geschäft wurde
Von Peter Voith

Während Ralf Oestmann gerade den Bleigürtel um den Bauch legt, sagt der Fotograf: „Oh, das ist gerade ein Ball ins Wasser geflogen.“ Der 48-jährige Verdener antwortet kurz mit einem verschmitzten Lächeln: „Das ist gut.“ Denn während der Golfer auf dem Fairway des Achimer Golfclubs sich über den verlorenen Ball ärgert, freut sich Oestmann.

Das Tauchen nach den wider Willen im Teich versenkten Golfbällen ist sein Geschäft. Ralf Oestmann ist seit zwölf Jahren Lakeballtaucher (lake – englisch für See), einer von ganz wenigen in Deutschland. Seines Wissens gibt es etwa nur fünf bis zehn Menschen im ganzen Land, die diese Profession ausüben. Aber er sei der Einzige, der die Golfbälle aus den Teichen fischt und nebenher Gewässerpflege betreibt. Der gelernte Gärtner mit einer Zusatzausbildung zum Greenkeeper sagt: „Dieser Bereich nimmt immer mehr zu.“

Kümmerte sich der Familienvater vor vier Jahren noch um rund 300 Golfplatz-Teiche, aus denen er Golfbälle aufsammelt und über den Nährstoffkreislauf wacht, sind es inzwischen „800 bis 1000“ – mittlerweile in ganz Deutschland. „Allein in diesem Jahr sind 20 Golfplätze dazu gekommen.“ Sein Ruf hat sich herum gesprochen. Und weil er so viel zu tun hat, muss er gelegentlich auch externe Taucher engagieren. Zurzeit sei er viel im Raum München unterwegs, auch aus Österreich habe er Anfragen bekommen. Aber nicht nur das: „Sogar aus Ägypten und Abu Dhabi habe ich Anrufe bekommen. Aber die Angebote habe ich abgelehnt. Irgendwann ist mal Schluss.“

Ein gern gesehener Gast

Tatsächlich ist Ralf Oestmann auf den Golfplätzen ein gern gesehener Gast. Denn wenn er ins Wasser geht, entsteht eine klassische Win-win-Situation: Er darf die beim Tauchen gefundenen Bälle behalten und später wieder verkaufen, im Gegenzug sorgt er dafür, dass die Teiche nicht umkippen. Der Verdener beschreibt das so: „Die Golfplatzbetreiber bekommen eine kostenfreie Gewässerpflege.“

Zu seinem Termin auf der Achimer Golfanlage hat er nun zwei Behälter mit Wasser mitgebracht. In dem einen schwimmen in Deutschland vom Aussterben bedrohte – und teure – Edelkrebse (auch als Europäischer Flusskrebs bekannt), in dem anderen liegen Teichmuscheln. Beide Tierarten, die Ralf Oestmann selbst züchtet und später im Teich aussetzen wird, sorgen dafür, dass der Teich im ökologischen Gleichgewicht bleibt. Der Edelkrebs etwa frisst abgefallenes Laub, Pflanzenreste und Algen. Die Teichmuschel wiederum sorgt für klares Wasser. Oestmann: „Nur eine Muschel filtert 150 Liter am Tag.“

Gezielt gegensteuern

Auch Schnecken und kleine Fischarten setzt er aus und auch bestimmte heimische Pflanzen ein, er nimmt im Fall des Falles auch Wasserproben. So untersucht er beispielsweise den Nitrat- und Nitritgehalt sowie den pH-Wert, um gezielt gegensteuern zu können, wenn der Teich in einem schlechten Zustand ist. Auch das Fischen nach den sogenannten Lakeballs diene übrigens nicht nur dem Wiederverkauf, sondern auch der Natur selbst. Denn Golfbälle im Teich seien Fremdkörper, sagt Oestmann: „Wenn die Bälle lange im Teich liegen, können sie verätzen und Schadstoffe freisetzen.“

Im Durchschnitt dreimal pro Woche taucht Oestmann einen Teich nach Bällen ab. Die Hauptsaison ist für ihn von Mai bis Oktober – „aber zu tun hab ich immer“. Zwischen 2000 und 3000 Bälle landen dann pro Tag ein seinen Körben. Auch jetzt in Achim findet er etliche im von Golfern sogenannten Wasserhindernis. Bereits nach zehn Minuten ist einer der Körbe schon halb voll. Die Arbeit unter Wasser ist anstrengend. Allein die Ausrüstung samt Sauerstoffflasche und Bleigürtel wiegt schon 25 Kilogramm. Als er noch jünger war, so erzählt er, ist er regelmäßig zum Dauerlauf gestartet, bis zu 35 Kilometer lang waren seine Runden. „Nach dem Tauchen bin ich genau so geschafft wie damals nach dem Laufen.“ Aber einen Vorteil habe das Lakeballtauchen dann doch, sagt er lächelnd: „Ich kann essen was und wie viel ich will, ich nehme nicht zu.“

Und manchmal ist das Tauchen auch spannend – etwa, als er vor Jahren einen geladenen Revolver aus einem Teich des Oberneulander Golfclubs holte. „Den hab ich natürlich brav abgegeben“, schiebt der Verdener sofort hinterher. Ansonsten holt er auch Autobatterien und verrostete Fahrräder ans Tageslicht. Und natürlich einige Golfschläger, die wohl von wütenden und frustrieren Hobby-Golfern stammen dürften.

Und manchmal ist das Tauchen auch aufregend. So hatte er es in seiner zwölfjährigen Lakeballtaucherkarriere schon mit zwei Hechtattacken zu tun. Die heimischen Raubfische hielten das blinkende Metall der Sauerstoffflasche oder der Körbe wohl irrtümlich für einen Beutefisch. Und auch ein etwa 1,50 Meter langer Wels habe ihn vor kurzer Zeit attackiert, indem der Fisch seinen Kopf gegen Oestmanns Hüfte rammte. „Der hat mich richtig auf die Seite gelegt.“ Warum er ihn angegriffen hat, kann Oestmann nur vermuten: „Der hat mich offenbar für einen Fressfeind gehalten.“

Bälle werden gewaschen

Nachdem der gelernte Gärtner seine Bälle alle im mitgebrachten Anhänger verstaut hat, kommen sie in eine Golfwaschanlage: in mit Rohren verbundene Bottiche, die mit diversen Bürsten ausgestattet sind. Auf den Einsatz von Chemie verzichtet er beim Waschen ganz bewusst. „Das mache ich nur mit Wasser.“ Und mit Erfolg: „Nach einer halben Stunde sind 90 Prozent der Bälle sauber.“

Danach werden sie nach Qualität sortiert. Je nach Marke und Gebrauchsspuren kosten sie zwischen zehn Cent (Crossbälle) und 2,50 Euro. Kaufen kann man sie unter anderem in den Pro-Shops der Golfclubs oder in seinem Internetshop (www.lakeballtaucher.de).

Bis vor Kurzem ist Ralf Oestmann auch selbst ab und zu dem Golfsport nachgegangen – bis eine Schulterverletzung ihn stoppte. Die Frage drängt sich auf: „Haben Sie denn auch selbst Golfbälle im Wasser versenkt?“. Der 48-Jährige braucht nicht lange nachzudenken: „Etliche.“

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