75 Jahre Kriegsende

Nur knapp der Sprengung entgangen

Oma Kruse hat das Weserdorf in den letzten Kriegstagen durch ihr umsichtiges Handeln vor Leid und Zerstörung bewahrt. Zuvor fielen allerdings viele Bomben auf Dörverden.
21.04.2020, 17:39
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Nur knapp der Sprengung entgangen
Von Jörn Dirk Zweibrock
Nur knapp der Sprengung entgangen

Sollte im Krieg zerstört werden und konnte dann aber doch knapp einer Sprengung entgehen: das Dörverdener Kraftwerk. Geschichtsexperte Klaus Ortel spricht von sich widersprechenden Ereignissen, die es letztendlich gerettet haben.

Björn Hake

Vor einem Dreivierteljahrhundert haben in der Dörverdener Königstraße mehrere Hitlerjungen mit Panzerfäusten auf das Eintreffen der Briten gewartet. „Oma Kruse hat die herumstehenden Jungen mehrfach zum Kuchenessen in ihre Bäckerei eingeladen“, erinnerte sich Zeitzeugin Mariechen Stühring in der Abhandlung von Klaus Ortel zum Kriegsende im Aller-Weser-Dreieck. Anfangs hätten die Jungen noch abgelehnt, sich später jedoch dazu überreden lassen. Während es draußen regnete, versüßten sich die Hitlerjungen also die Warterei in der Backstube. Als sie dort bei Kaffee und Kuchen saßen, sind die Briten laut Zeitzeugenberichten im Weserdorf Dörverden einmarschiert. „Hätten die Hitlerjungen tatsächlich die Panzerfäuste eingesetzt, wäre Dörverden wie Barnstedt und Ahnebergen bestimmt den Flammen zum Opfer gefallen“, mutmaßt Geschichts-Experte Klaus Ortel aus Langwedel. Durch das umsichtige Handeln von Oma Kruse sei das Weserdorf so vor Leid und Zerstörung bewahrt worden. Anders im nahegelegenen Geestefeld, wo angeblich zwölf deutsche Soldaten gefallen sein sollen.

Auch das für die Versorgung der Region mit elektrischer Energie so bedeutsame Dörverdener Laufwasserkraftwerk konnte nur knapp einer Sprengung entgehen. Noch bei einer Krisensitzung am 8. April 1945 in Verden bestand Kreisleiter Ernst Brändel auf die vom Reichsverteidigungskommissar angeordnete Sprengung des Elektrizitätswerks, soll ihn dann allerdings später per Kurier gebeten haben, diesen Befehl noch einmal zu überdenken. Ortel spricht von einigen heute nur unvollständig nachvollziehbaren und sich widersprechenden Ereignissen, die das Dörverdener Kraftwerk letztendlich gerettet haben. Zuvor war es bereits 1944 zwei Mal von den Allierten bombardiert, jedoch kaum beschädigt worden.

Auch die benachbarte Schleuse wurde Opfer von Bombenangriffen, die allerdings in der näheren Umgebung Bombentrichter zurückließen.

Ziel von Tieffliegern beziehungsweise einzeln fliegenden britischen Bombenflugzeugen war auch die Pulverfabrik Eibia. „Schwerwiegende Schäden entstanden in der stark befestigten und hervorragend getarnten Anlage jedoch nicht“, schildert Ortel. Und weiter: „Die einen sprechen von einer rechtzeitigen Zerstörung durch die SS, andere behaupten wiederum, dass dieser Befehl nie ausgeführt wurde und die Produktion selbst noch lief, als die Waliser vorbeizogen. Die Geschäftsleitung hatte sich damals schon in Richtung Walsrode abgesetzt“, erläutert der Langwedeler.

Einen Großangriff auf Dörverden und Stedorf flogen amerikanische Bomber am 29. März 1944. Etwa 400 Brand- und Sprengbomben trafen den Dörverdener Bahnhof, die Möbelfabrik Prigge und vor allem die Steinsiedlung. „Es gab zwei Tote und vierzehn Verletzte, vier davon schwer“, hat Ortel recherchiert. Zu einer Luftschlacht kam es hingegen am 8. Mai 1944 südlich von Dörverden. Vier „feindliche Bomber“ wurden dabei abgeschossen, ihre Besatzungen pendelten an Fallschirmen der Erde entgegen. Ostwärts der Bahnlinie stürzte hingegen ein viermotoriger amerikanischer Bomber ab.

Nach der Sprengung der Aller-Fähre standen die Marine-Infanteristen am Brückenkopf Westen auf verlorenem Posten. Sieben von ihnen fielen, weitere wurden verwundet, der Rest gefangen genommen. Das Fährhaus Otersen fiel britischem Panzerbeschuss zum Opfer, brannte völlig aus, der Fährmann wurde getötet. „Auch in Westen wurde eine Panzersperre aus Baumstämmen errichtet. Eigentlich sollte sie von einer ungarischen Einheit verteidigt werden, doch diese ließ sich auf keinen Kampf ein und zog sich mit Booten über die Aller zurück. Ein Teil ging noch auf dem Westufer, weiße Fahnen schwenkend, in britische Gefangenschaft“, schreibt Klaus Ortel. Am Abend des 10. Aprils 1945 war Westen kampflos geräumt und entging somit der Zerstörung. Die Waliser hatten aus einem Nebenauftrag den größten taktischen Erfolg des Tages gemacht, denn es war ihnen gelungen, ohne Verluste eine Fährstelle über die Aller zu gewinnen.

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